Kahlschlag kann die Rettung sein: Forschungsprojekt in Neumarkt nimmt Hecken unter die Lupe

Wenn die Landschaftspfleger jetzt im Winter unterwegs sind, schneiden sie mancherorts ganze Segmente aus Hecken. Was erst einmal rabiat wirkt, ist in Wirklichkeit ein Beitrag zum Natur- und Artenschutz. Das hat jetzt eine Studie im Landkreis Neumarkt gezeigt.
Über 1400 Vogelarten hat der Mensch bereits ausgerottet. Das hat eine internationale Studie unter Beteiligung von Forschern der Uni Bayreuth vor wenigen Wochen öffentlich gemacht. Und dieses vom Menschen verursachte Artensterben geht weiter. Auch im Landkreis Neumarkt sind einige Vogelarten bedroht. Doch es gibt Initiativen, um sie zu retten.
Eine zentrale Rolle dabei – aber auch für den Erhalt bedrohter Pflanzen- und Insektenarten – spielen Hecken. Sie sind eine echte Oase für seltene Arten zwischen den oft intensiv bewirtschafteten Äckern und Wiesen im Landkreis. Doch dieser Wert kann über die Jahre verloren gehen, wenn Hecken nicht gepflegt werden. Doch wie macht man das am Besten? Um dies herauszufinden, hat der Neumarkter Landschaftspflegeverband (LPV) eine Untersuchung in Auftrag gegeben.
In der Obhut des Verbands befinden sich jede Menge Hecken, die in der großen Mehrheit den Kommunen gehören. Christa Englhard ist beim LPV für den Bereich Landespflege zuständig und weiß, warum die Gemeinden die Sorge um die Hecken abgegeben haben: „Sie sind häufig mit der Pflege überfordert.“ Hecken stehen unter Naturschutz. Wann dürfen und sollen sie also wo und wie stark geschnitten werden? Fragen, vor denen auch der LPV steht.
Schnitt fördert Artenreichtum bei Pflanzen und Tieren
Die Strategie bisher: Die Hecken werden abschnittsweise auf den Stock gesetzt, also komplett bis zum Boden abgeschnitten, damit sich die Gehölze aus dem Wurzelstock regenerieren können. Der Radikalschnitt geschieht nicht auf einmal, sondern immer nur in Segmenten, die höchstens 20 bis 35 Meter lang sind. Weil die restlichen Abschnitte noch stehen, bleiben Rückzugsmöglichkeiten für Tiere erhalten. Jedes Jahr nehmen sich die Landschaftspfleger einen neuen Abschnitt vor, bis die Hecke nach fünf Jahren einen Stufenschnitt erhalten hat mit unterschiedlichen Wuchshöhen.
Dann hat die Hecke erst einmal wieder Ruhe – zehn bis 15 Jahre lang. Nur invasiven, also nicht heimischen Arten, geht es an den Kragen. Doch was bringt dieses Vorgehen eigentlich aus ökologischer Sicht? Welche Tier- und Pflanzenarten profitieren davon? Diesen Fragen ist Georg Knipfer vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) Neumarkt im Auftrag des Verbands jetzt nachgegangen. 17 Untersuchungsflächen an fünf verschiedenen Hecken hat er sich für seine Studie im Landkreis herausgesucht. Er zog den Vergleich beim Artenreichtum von Hecken, die bereits abschnittsweise geschnitten wurden, zu solchen, an denen noch gar nichts passiert ist.
Das Ergebnis: Heckenpflege lohnt sich. Entscheidend ist ein gutes Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen, erklärt Georg Knipfer: „Die meisten Tierarten, die in der Hecke leben, brauchen sowohl die Struktur der Gehölze als auch den Saum, wo sie an Kräutern und Gräsern saugen oder sich fortpflanzen können, wie das zum Beispiel bei Schmetterlingen der Fall ist.“ Vögel brüten im Gehölz der Hecke und schnappen sich nebenan in der Saumzone die Insekten, um den Nachwuchs großzuziehen. Auf den bewirtschafteten Äckern mit Monokulturen nebenan sieht es dagegen oft schlecht aus für Insekten.
Durch den Kahlschnitt gelangt wieder Licht in einige Bereiche der Hecke und gibt Pflanzen eine Chance, die genau das brauchen, zum Beispiel Glockenblumen, verschieden Kleearten und Hülsenfrüchtler, die wiederum Insekten als Nahrungsquelle dienen. Auch Bienen profitieren davon.
Zahlreiche bedrohte Arten von der Roten Liste entdeckt
Einen Teil der Insekten schnappen sich dann Vögel wie Grasmückenarten und Drosseln, aber auch Zugvogelarten wie der Neuntöter, der nur dort brütet, wo es auch genug Futter in der Nähe gibt.
Ungepflegte Hecken, deren Gehölze mit der Zeit hoch werden, ziehen mehr typische Waldvogelarten wie Elstern oder Rabenkrähen an, die mancherorts schon zur Plage werden.
In den gepflegten Hecken fand Knipfer deutlich mehr bedrohte Tier- und Pflanzenarten, die wegen ihrer Seltenheit auf der Roten Liste stehen, zum Beispiel Exemplare des Großen Klappertopfs, die Skabiosen-Flockenblume, die bei Schmetterlingen besonders begehrt ist, die Bunte Kronwicke, den Dolden-Milchstern oder den Arznei-Baldrian. Auch bedrohte Tierarten finden in den gepflegten Hecken ein Zuhause, darunter die Zauneidechse, die Weidenmeise, der Schlehen-Zipfelfalter, die Feldgrille oder der Wiesengrashüpfer.
Für Georg Knipfer hat seine Untersuchung klar gezeigt: „In Hecken, die abschnittsweise auf den Stock gesetzt worden sind, findet man deutlich mehr Arten, vor allem auch solche, die auf der Roten Liste oder Vorwarnlisten stehen. Vor allem lichtliebende Arten sind dabei, die in ungepflegten Hecken oft keine Chance haben, denn dort wächst einfach alles zu.“
Konkurrenz um den Platz zwischen Hecke, Verkehr und Landwirtschaft
Der Platz ist ein großes Problem. Oft werden die Hecken von allen Seiten eingeengt. „Meistens haben wir es im Landkreis mit den typischen Windschutzhecken zu tun, die im Zuge der Flurbereinigung angelegt wurden“, erklärt Christa Englhard. Damals habe man allerdings relativ wenig Fläche ausgewiesen, aber viele Gehölze hineingepflanzt. Die Bäume haben die Sträucher zum Teil schon verdrängt.
Die ideale Hecke braucht Platz. Sie besteht nämlich nicht nur aus der Kern- und Mantelzone mit Gehölzen und Sträuchern, sondern auch aus der niedrigen Saumzone. Dort wachsen Gräser und Kräuter. Der Saum aber geht nicht selten verloren – weil sie an Wegrändern einfach plattgefahren oder am Ackerrand umgepflügt werden. Auch Äste müssen den immer größer werdenden Traktoren oft weichen.
Nicht selten schrumpft die Breite der Hecken daher immer mehr zusammen. Der Platz ist heiß umkämpft, erklärt Christa Englhard: „Oft steht nur noch die Kernzone. Solche Heckenwände entstehen, wenn sie immer nur an den Seiten geschnitten werden. Dann können die Hecken übrigens auch ihre windbremsende Funktion für die Landwirtschaft nicht mehr so gut erfüllen. Es gibt viel mehr Verwirbelungen als bei Hecken mit intakter Strauchschicht.“
Trotzdem ist die Lage hierzulande nicht so schlecht, sagt Knipfer. „Bedingt durch den Jura sind wir ein heckenreicher Landkreis. Es sind zum Beispiel durch Steinschüttungen immer wieder Bereiche entstanden, wo die Landwirte Steine zusammengesammelt und abgelegt haben und dann Sträucher gewachsen sind.“ Vor allem Schlehenhecken dominieren.
Für sie ist auch der Stufenschnitt mit zeitweisem Kahlschnitt gut geeignet, den der LPV nun weiter vorantreiben will. Doch das vertragen nicht alle Arten, warnt Englhard. Weißdorn und Heckenrosen beispielsweise seien nicht so austriebsfreudig, wenn sie auf den Stock gesetzt werden. Momentan sind die Teams des LPV wieder aktiv. Obwohl der Kahlschlag manchmal für besorgte Anrufe von Anwohnern sorgen, tun die Heckenpfleger damit etwas Gutes für die Natur.
Wissenswertes rund um die Heckenpflege
Tipps für die Pflege: Wichtig sind laut LPV Erhalt und Nachpflanzung von Wildobstarten. Wildbirne, Holzäpfel und Kirschen sind eine wichtige Nektar- und Futterquelle für Insekten und Vögel. Steinhaufen in den Hecken sollten freigeschnitten werden, damit sie zur Sonnenterrasse für Reptilien werden.
Bäume: Übermäßig viele Bäume haben laut Knipfer in Hecken nichts zu suchen. Einzelne Waldbäume wie Rotbuche oder Ahorn kann man daher gezielt entnehmen, sofern es in deren Stämmen keine Bruthöhlen gibt.
Säume mähen: Damit Säume artenreich bleiben und nicht überdüngen, sollten sie regelmäßig gemäht werden, nicht gemulcht. Der Schnitt sollte entfernt werden. Gras und Kräutern sollte man erst ab September zu Leibe rücken, nicht aber im Juni und Juli.
Im heimischen Garten: All das gelte im Grunde auch für den Siedlungsgarten, betont Knipfer. Wer etwas für die heimische Flora und Fauna tun wolle, brauche keine Meisenknödel, sondern fruchttragende Gehölze in der Hecke und hier vor allem heimische Pflanzenarten und bitte keine Exoten, rät er.
Naturschutz: Alle Hecken in der freien Natur stehen unter gesetzlichem Schutz. Die Pflege dieser Hecken ist nur außerhalb der Vogelbrutzeit von Oktober bis Februar erlaubt.
Kartierungsprojekt: Das Forschungsprojekt von Georg Knipfer wurde gefördert vom Bayerischen Naturschutzfonds aus Zweckerträgen der Glücksspirale. Für die Heckenpflege gibt es Zuschüsse im Rahmen des Bayerischen Kulturlandschaftsprogramms.



