61-Jährige kämpft gegen Alkoholsucht − und trinkt dafür kontrolliert

Für viele Menschen ist es Routine: das Feierabendbier. So war es auch für Helga M. (Name von der Redaktion geändert) aus dem Landkreis Neumarkt. Aus einem wurden zwei, drei und schließlich vier Bier. Irgendwann merkte die 61-Jährige: „Ich bin gefangen.“ Dennoch möchte sie nicht komplett auf Alkohol verzichten.
40 Stunden die Woche geht M. arbeiten. Sie liebt ihren Job, er ist aber auch mit Stress verbunden. Zuhause auf dem Sofa, wenn sie ihr erstes Bier öffnet, schaltet sie erst richtig ab. Vor rund 15 Jahren ist der 61-Jährigen bewusst geworden, dass sie zu oft trinkt. Sie erinnert sich an einen Moment, als sie im Sommer ein Bier aufgemacht hat, und sich gefragt hat: „Wieso eigentlich?“. „Aber auf Saft umsteigen konnte ich auch nicht.“
Über Jahre hat sie versucht, aus eigener Kraft von der Sucht wegzukommen – ohne Erfolg. Das hat die 61-Jährige vor allem deshalb frustriert, weil sie schon mal alleine eine Sucht überwunden hat: das Rauchen. „Von heute auf morgen habe ich damit aufgehört.“ Doch beim Alkohol wollte das nicht klappen. „Vielleicht habe ich auch eine Sucht gegen die andere getauscht.“
Eine Sucht kommt schleichend
Kathrin Haag ist Sozialtherapeutin in der Suchtberatung der Diakonie NAH in Neumarkt. Sie weiß, dass eine Alkoholsucht meist schleichend auftritt. „Eine Gewohnheit wird zur Abhängigkeit.“ Die Gründe, warum Menschen anfangen zu trinken, seien unterschiedlich. Es können belastende Lebenssituationen sein, aber auch sogenannter Wohlstandskonsum, nach dem Motto: Ich habe es verdient, es mir gut gehen zu lassen. Das Trinken sei aber immer an eine Funktion gebunden. Im Fall von M. zum Beispiel an den Ausgleich zum stressigen Alltag. Und genau das sei das Problem.
Erst vor drei Jahren hat die 61-Jährige mit ihrem Hausarzt über ihre Sucht sprechen können. Zuvor sei die Scham viel zu groß gewesen. Auch als die 61-Jährige getrunken hatte, habe sie sich zurückgezogen und das Haus nicht mehr verlassen wollen. Ihre Angst: jemanden treffen, der merkt, dass sie nach Alkohol riecht. M. hat sich in ihrer Situation gefangen gefühlt, unfrei und unselbstständig.
Einen gesunden Umgang mit Alkohol erlernen
Seit knapp zweieinhalb Jahren ist sie nun bei Haag in der Suchtberatung. Ihr Ziel ist es aber nicht, abstinent zu werden. „Ich will einen normalen Umgang mit Alkohol erlernen.“ Also nimmt die 61-Jährige am Programm „Kontrolliertes Trinken“ teil. Das bedeutete zunächst: Bestandsaufnahme. Über viele Wochen hinweg musste M. genau protokollieren wann sie trinkt, wo, mit wem, wie viel und wie sie sich dabei fühlt. Zusätzlich hatte sie regelmäßige Gespräche mit Haag und nahm an einem Gruppentermin teil. Dieser führte M. die potenziellen Auswirkungen ihrer Sucht vor Augen.
Bei den gesundheitlichen Folgen wird laut Haag das erhöhte Krebsrisiko oft unterschätzt. Generell gelte: „Jeder Tropfen ist Gift.“ Einen wirklich gesunden Konsum gebe es nicht. Was M. aber besonders überrascht hat, ist, wie lange ihr Körper braucht, um Alkohol abzubauen. Ihre Prämisse sei immer gewesen: „Wenn ich fahren muss, trinke ich nicht.“ Doch wie sie jetzt weiß, hatte sie wohl am nächsten Morgen, wenn sie wieder hinterm Steuer saß, teilweise noch Restalkohol im Blut. Gerade Frauen würden den Alkoholeinfluss unterschätzen, sagt Haag, und rechnet aus: Eine Frau, die 60 Kilo wiegt, hat nach einem Weizen circa einen Promillewert von 0,6.
Genaue Planung notwendig
M. versucht nun, ihren Konsum zu reduzieren und ihren Drang besser zu kontrollieren. Gesprächstermine benötigt sie nur noch alle acht Wochen. Statt vier Bier trank sie zunächst drei, später ein bis zwei. Heute schafft sie es größtenteils, unter der Woche keinen Alkohol anzurühren, am Wochenende nur aus Genuss. Das bedeutet aber auch, dass sie im Vorfeld genau plant, ob und was sie zum Beispiel auf einer Feier trinkt.
In ihren Schränken Zuhause finden sich nach wie vor Wein und Bier. „Ich setzte mich bewusst dem Suchtdruck aus.“ Wenn sie sich getriggert fühlt, ist das meist gegen Abend. Statt zum Bier greift sie dann als Gegenmaßnahme zur alkoholfreien Alternative. Das funktioniere aber nicht bei jedem Süchtigen, betont Haag.
Wäre eine Abstinenz sinnvoller?
Bei einer Alkoholreduktion sei es wichtig, langsam vorzugehen, so die Sozialtherapeutin. Möglicherweise müsse man auch erst eine Entzugsbehandlung machen. Denn es könne gefährlich sein, einen langjährig hohen Konsum selbst herunterzuschrauben. Aber wäre eine Abstinenz nicht sinnvoller? „Eine Abstinenz ist für viele nicht denkbar“, sagt Haag. Es mag für Außenstehende womöglich der beste und einfachste Weg sein, „aber es ist für den Klienten nicht der Weg, den er will“. Beide Varianten seien sehr kraftaufwendig. Rückfälle gebe es auch bei einer Abstinenz.
M. weiß: „Es dauert Jahre, eine Sucht in den Griff zu kriegen. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe.“ Die 61-Jährige bekommt nun langsam das zurück, was ihr die Sucht viele Jahre genommen hat: ein selbstbestimmtes Leben.
Unterstützungsmöglichkeiten bei einer Alkoholsucht
Beratung: Die Beratungsstelle der Diakonie NAH in Neumarkt bietet eine zieloffene Suchtberatung, ohne Abstinenzorientierung, so Haag. Außerdem vermittelt sie in eine stationäre Therapie für einen Alkoholentzug und kümmert sich danach bei Bedarf um die Nachsorge. Ebenso gibt es Gruppenangebote, die sich an der Nachfrage orientieren.
AUW: Das Ambulant Unterstützte Wohnen (AUW) ist ein Hilfsangebot zur Alltagsbewältigung für Erwachsene mit einer Suchterkrankung und/oder einer psychischen Erkrankung.
Harm Reduction: Neben einer Abstinenz oder kontrolliertem Trinken unterstützt die Beratungsstelle auch Süchtige, die nicht ihren Konsum reduzieren wollen, sondern nur die negativen Auswirkungen – zum Beispiel auf ihr Umfeld, sagt Haag. Das Angebot werde aber selten in Anspruch genommen.
Gruppen: Unter anderem der Freundeskreis für Suchtkranke bietet regelmäßig verschiedene Gruppentreffen für Menschen an, die abstinent leben. Mehr Informationen dazu finden Interessierte im Internet unter www.freundeskreise-sucht-neumarkt.de/gruppenabende.