Neumarkter Suchtberaterin Andrea Krebs über Cannabis, Abstinenz und die Konsum-Gesellschaft

Seit zwei Jahren ist Andrea Krebs die Bereichsleitung der Suchthilfe der Diakonie Neumarkt-Altdorf-Hersbruck (NAH). Zuvor war sie in gleicher Funktion bei der Diakonie Roth-Schwabach tätig. Zur Suchthilfe gehören auch die Suchtberatungsstelle in Neumarkt und ein Ambulant Unterstütztes Wohnen für suchtkranke und/oder psychisch kranke Menschen im Landkreis Neumarkt.
Die Suchtberatung ist eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige, die anonym und kostenfrei berät. Wir sprachen mit ihr über die häufigsten Drogen, die Probleme eines Entzugs und die neuen Cannabis-Regelungen.
Frau Krebs, welche Suchtmittel werden im Landkreis Neumarkt am häufigsten konsumiert?
Andrea Krebs: Alkohol ist natürlich die Volksdroge Nummer eins. An zweiter Stelle folgt Cannabis, das oft auch als Beikonsum zum Alkohol genommen wird. Dann haben wir noch Opiate. Für alles andere gehen die Konsumenten eher in Großstädte wie Nürnberg.
Wo ist denn die Grenze zwischen normalem Konsum aus Genuss und einer Sucht?
Krebs: Es gibt sechs Kriterien, wenn drei davon innerhalb eines Jahres zutreffen, kann man von Sucht sprechen: Starkes Verlangen nach dem Konsum, Kontrollverlust, Körperliche Entzugserscheinungen, Vernachlässigung anderer Interessen, Konsum trotz negativer Folgen und Toleranzentwicklung – also, dass man immer mehr Stoff für die gleiche Wirkung braucht.
„Es gibt keinen harmlosen Konsum“
Und unterhalb dieser Schwelle ist der Konsum harmlos?
Krebs: Jeder Konsum ist mit Risiko verbunden. Deswegen gibt es keinen normalen oder harmlosen Konsum. Für mich ist die Grenze zur Sucht erreicht, wenn der Konsum eine Funktion übernimmt und die Person nicht mehr ohne ihn auskommt.
Wissen denn die Süchtigen, dass sie süchtig sind?
Krebs: Die meisten denken, dass sie jederzeit aufhören können. Oft sind es Partner oder Kinder, welche die negativen Folgen zuerst spüren. Die kommen dann in die Beratung und wollen wissen, wie sie ihre Familienmitglieder trocken kriegen.
Und – wie schaffen sie das?
Krebs: Gar nicht! Solange der Mensch nicht selbst aufhören will, wird nichts passieren.
Was Angehörige bei Sucht tun können
Ist man als Angehöriger also komplett hilflos?
Krebs: Zum Glück nicht. Man kann nämlich aufhören, die Sucht zu unterstützen: Kein Bier mehr kaufen, nicht zum Dealer fahren, nicht mehr beim Arbeitgeber anrufen und die Person krankmelden.
Und das hilft?
Krebs: Wenn ich in einem eingefahrenen System etwas verändere, hat das immer eine Auswirkung. Erfahrungsgemäß scheppert es dann erst einmal richtig. Aber manchmal denkt derjenige dann erstmals über seinen Konsum nach. Dann kann man zusammen schauen, wie man aus dem System aussteigt.
Sucht als Problemlösung?
Warum werden Menschen denn überhaupt süchtig?
Krebs: Das ist sehr individuell. Aber meist ist Sucht der Versuch, ein Problem zu lösen: Jemand hat Stress und greift zur Zigarette oder zum Glas. Das tückische an der Sucht ist, dass sie mir kurzfristig hilft, aber langfristig schadet.
Ist es deswegen so schwer aufzuhören?
Krebs: Ja, weil, wenn ich das Suchtmittel einfach weg lasse, entsteht eine Lücke. Um herauszufinden, wie ich diese Lücke sinnvoll füllen kann, muss ich mich mit den Ursachen der Sucht beschäftigen und das ist kompliziert. Der reine körperliche Entzug ist dagegen meist relativ schnell erledigt.
Abstinenz und Entzug
Wie funktioniert die Abstinenz?
Krebs: Manchmal kriegt man es mit einer Beratung hin, manchmal braucht es eine Therapie oder eine Entgiftung, Ich würde niemandem raten, alleine zu Hause zu entgiften. Übrigens gibt es nicht nur endlosen Konsum und totale Abstinenz, sondern auch viele Zwischenstufen, wie Punktabstinenz oder kontrollierten Konsum.
Wenn jemand zu Ihnen in die Beratung kommt, der illegale Drogen nimmt – müssen Sie den anzeigen?
Krebs: Nein, wir haben eine Schweigepflicht und beraten anonym. Das Einzige, was wir anzeigen müssten, ist, wenn es um Kapitalstraftaten, wie etwa Mord, in Zusammenhang mit der Sucht geht. Das kam bei mir zum Glück aber noch nicht vor.
Drogen in der Konsumgesellschaft
Wir bezeichnen uns ja selbst oft als Konsumgesellschaft. Fördert unsere Art zu Leben das Suchtpotential?
Krebs: Auf jeden Fall. Weil es immer höher, schneller, weiter gehen soll. Für die Party am Wochenende braucht es aufputschende Drogen, für die Arbeit am Montag, dann einen Joint, der einen runterbringt. Man soll von einem extremen Hoch zu einem Ruhezustand und dann wieder zu einer normalen Leistung. Das kann ja nicht funktionieren! Und die Menschen, die diese Leistungsdrogen konsumieren, werden immer jünger. So mit zwölf geht es los.
Hängen Sucht und soziale Schicht zusammen?
Krebs: Das ist nicht so einfach zu beantworten, da auch hier alles individuell ist. Dennoch gibt es Tendenzen. Langzeitarbeitslose können sich in der Regel kein Kokain leisten. Dafür gehen sie eher in die Spielhalle, weil sie sich von einem Gewinn eine Verbesserung ihrer Situation erhoffen.
Stimmt das Klischee, dass Armut und Alkohol zusammengehören?
Krebs: Nur bedingt. Einerseits ist Rauschtrinken bei niedrigeren Bildungsschichten verbreiteter, als bei höheren. Anderseits gibt es überproportional viele Haushalte unterhalb der Armutsgrenze, die abstinent leben – weil Alkohol zu teuer ist.
„Cannabis-Gesetz ist nicht logisch“
Wie stehen Sie zur Teil-Legalisierung von Cannabis?
Krebs: Ich persönlich frage mich schon: Brauchen wir wirklich noch eine weitere legale Droge? Auf der anderen Seite finde ich den Ansatz gut, Kleinkiffer aus der Kriminalität rauszuholen. Aber ich finde das Gesetz einfach nicht logisch umgesetzt. Da passt für mich vieles überhaupt nicht zusammen.
Zum Beispiel?
Krebs: Die erlaubten Mengen etwa, die sehr hoch angesetzt sind. Oder die Bürokratie: Für die Cannabis-Clubs ist der Aufwand so groß, dass die Preise zu hoch werden. Auch die Überwachung des Eigenanbaus ist fragwürdig. Es zählt ja auch niemand, wie viele Weinflaschen jemand im Keller hat.
Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten - was würden sie an dem Gesetz ändern?
Krebs: Ich glaube ich würde es lassen, wie es vorher war. Aber wenn ich wirklich die Zeit zurückdrehen könnte – dann würde ich Alkohol nicht legalisieren. Wenn wir vor 150 Jahren schon das Wissen über die schädlichen Auswirkungen von Alkohol gehabt hätten – er wäre heute nicht frei verfügbar!
