Warum eine Neustädterin nach der Erdölraffinerie-Eröffnung zur Puppensammlerin wurde

Von Jochen Dannenberg · 27. August 2024 um 19:00

Seit 60 Jahren gibt es die Erdöl-Raffinerie in Neustadt an der Donau (Landkreis Kelheim). Tausende Menschen haben hier in den all den Jahren Arbeit gefunden. Eine Neustädterin verbindet dabei eine ganz besondere Erinnerung mit dem Unternehmen.

Die Eröffnung der Raffinerie im Jahr 1964 wurde groß gefeiert. Zur Einweihung kamen neben 900 geladenen Gästen auch Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel, Diözesanbischof Rudolf Gruber und Friedrich Zimmermann, späterer Bundesinnenminister. Der Werkschor sang zur Eröffnung der Raffinerie und für die Bürgerinnen und Bürger gab es eine ganz besondere Kino-Vorstellung. Im „Film-Palast“ an der Herzog-Ludwig-Straße wurde ein Film über das neue Unternehmen gezeigt, anschließend wurden die Neustädter mit Bussen in die Raffinerie gefahren, wo ihnen erklärt wurde, wie aus Rohöl Benzin und Diesel hergestellt wird.

„An den Film kann ich mich nicht erinnern, aber an die Fahrt mit dem Bus schon“, sagt Helga Weigl, frühere Neustädter Stadträtin. „Es waren viele Busse, die in der Herzog-Ludwig-Straße bereit standen“, sagt sie. Kein Wunder, denn mit der Raffinerie verband sich für die Neustädter viel. Es ging schlicht um den Aufbruch ins Industriezeitalter sowie moderne und gut bezahlte Arbeitsplätze.

Mädchen mit Latzhose

Für Helga Weigl, damals sieben Jahre alt, ging es um noch mehr – um etwas bleibendes, eine kleine Puppe. Sie ist 18,5 Zentimeter groß, aus Kunststoff gefertigt, trägt ein weißes Hemd und eine blaue Latzhose mit der Aufschrift „Aral“ und hat wechselweise, blonde, brünette oder schwarze Haare. Die Hände stecken in den Hosentaschen und auch wenn das Make-up variiert, bleibt der Gesichtsausdruck immer freundlich und ein wenig vertraulich.

Die kleine Helga hatte die Puppe sofort in ihr Herz geschlossen. „Sie steckte in einem Beutel, den ich im Bus in der Raffinerie von Mitarbeitern des Unternehmens geschenkt bekam“, erinnert sie sich. Doch dann passierte, was mit Lieblingspuppen und -autos nie passieren darf: Eines Tages war die Puppe weg. Die Oma hatte „Aralinchen“, wie die kleine Figur meist genannt wird, einem Cousin von Helga geschenkt. Warum, lässt sich heute nicht mehr klären. „Sie war eine liebe Oma“, betont Helga Weigl jedoch.

Der Verlust schmerzte und löste eine unglaubliche Sammelleidenschaft aus. Das Ziel: „Aralinchen“ musste ersetzt werden. Helga Weigl klapperte deshalb unverdrossen die Flohmärkte Bayerns ab und wurde fündig: Ganze 27 „Aralinchen“ stehen jetzt bei der früheren Stadträtin in Reih‘ und Glied.

Schließlich war auch die Puppe, die sie als Siebenjährige in der Raffinerie geschenkt bekommen hatte, wieder da. Der Cousin hatte sie wieder rausgerückt und „an meinem 40. Geburtstag hat er sie mir wieder zurückgeschenkt“, sagt Helga Weigl.

Die Faszination für die Puppe, die als Werbeartikel gedacht war, ist bis heute erhalten geblieben. „Ich finde es interessant, dass keine Puppe von denen gleich ist“, erklärt die Neustädterin. „Die Gesichter unterscheiden sich, die Augen haben unterschiedliche Blickrichtungen. Auch die Haare sind verschieden.“ Manche haben Sommersprossen, andere nicht.

1964 auf den Markt gebracht

Einige Puppen tragen sogar eine rote Latzhose. Und einige, darauf ist Helga Weigl besonders stolz, haben lange Zöpfe. „Die sind aus Österreich.“

„Die Puppe wurde 1964 im Rahmen des Aral-Jugendwerbeprogramms erstmals aufgelegt und trug zu dieser Zeit noch keinen Namen, kurz darauf firmierte sie dann als ‘Arabella‘“, erklärt Dietmar Bleidick vom Historischen Archiv der Mineralölunternehmen von Aral und BP in Bochum. Beide Unternehmen waren an der Gründung der Raffinerie beteiligt.

Die Puppe „war ein großer Erfolg und bis Mitte der 1970er Jahre an den Tankstellen erhältlich. Hier wurde sie in der Regel jedoch nicht verschenkt, sondern wie anderes Spielzeug verkauft“, sagt Bleidick.

Auf die Details kommt es an: Die Puppen sind nicht immer gleich. Unter anderem ändern sich Blickrichtung, Haarfarbe und Frisur. Foto: Dannenberg