Mit der Erdölraffinerie zog in Neustadt a.d. Donau das Industriezeitalter ein

Von Jochen Dannenberg · 14. August 2024 um 11:00

„Industrielles Zentrum des Landkreises Kelheim“, „Wirtschaftszentrum zwischen Ingolstadt und Regensburg“ – für Neustadt a.d. Donau gibt es viele Begriffe, die vor allem auf die wirtschaftliche Stärke der Stadt abzielen. Das war nicht immer so. Inzwischen hat man sich jedoch so daran gewöhnt, dass ein wichtiger runder Geburtstag nicht gefeiert wird.

Immerhin war der 50. Geburtstag der Bayernoil-Raffinerie vor zehn Jahren noch groß gefeiert worden. Es gab unter anderem eine Kunstausstellung und Konzerte auf dem Raffineriegelände. Die „Ölspur“ getaufte Ausstellung zog bildende Künstler auch aus dem Ausland nach Niederbayern, unter anderem zeigten Pat van Boeckel (Niederlande), Steven Siegel (USA), sowie Thomas Neumaier, Toni Schaller und Timm Ulrichs (Deutschland) ihre Arbeiten auf dem Raffineriegelände. Doch jetzt, zum Sechzigsten, ist nichts derartiges geplant. „Wir planen keine Aktivitäten zum 60-jährigen Bestehen“, antwortet Britta Heidemann-Schöberl, die für die Öffentlichkeitsarbeit bei der Bayernoil-Raffineriegesellschaft zuständig ist, auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Dabei war die Ansiedlung der Raffinerie einst ein Meilenstein in der Entwicklung der Stadt. Neustadt a.d. Donau war um 1960 noch eine sehr ländliche Stadt. Die Bevölkerung lebte überwiegend von der Landwirtschaft, auf den Straßen fuhr noch Ochsenkarren. Überörtliche Bedeutung hatte zu jener zeit vor allem der Anbau von Hopfen. Doch zu Beginn der sechziger Jahre zog mit einem Mal großindustrieelles Leben in die Stadt.

Deutlich höhere Nachfrage

Der Grund: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Bedarf nach Mineralöl sprunghaft gestiegen. Das hatte zur Folge, dass in rascher Folge die Verarbeitungskapazitäten ausgebaut wurden. Das wiederum betraf insbesondere Süddeutschland, denn bis zu diesem Zeitpunkt war insbesondere Bayern von Nord- und Westdeutschland aus mit Treibstoff versorgt worden. Es ging um handfeste wirtschaftliche Interessen: 1961 betrug die Preisdifferenz zwischen Düsseldorf und München bei Heizöl zwischen 30 und 40 Mark pro Tonne.

Zwischen Neustadt a.d. Donau und Ingolstadt wurden deshalb mehrere Raffinerien gebaut, um unabhängig von den Lieferungen aus Nord- und Westdeutschland zu werden. Um zu verstehen, was da seit Beginn der sechziger Jahre auf einem 200 Hektar großen Grundstück südlich von Neustadt a.d. Donau passierte, wurden die Neustädter seinerzeit ins Kino „Film-Palast“ an der Herzog-Ludwig-Straße zu einer Sondervorstellung über den Raffineriebau eingeladen und anschließend mit eigens gemieteten Bussen durch die Raffinerie gefahren, wo ihnen die Anlagen erklärt wurden.

Die Errichtung der Raffinerie brachte für die Stadt einige Veränderungen. Die Bevölkerungszahl stieg aufgrund der Zuwanderung von Facharbeitern aus dem Norden. Der vielleicht prominenteste Zuwanderer war aus heutiger Sicht der langjährige Bürgermeister Thomas Reimer. Er war in Gelsenkirchen geboren worden und kam als Zwölfjähriger mit seinen Eltern aus dem Ruhrgebiet.

Ein weiteres Beispiel für Zuwanderer, die die Stadt prägten, ist die Familie Godesar. Sie stammte aus Moers am Niederrhein. Hans Godesar arbeitete bei der Werkfeuerwehr der Raffinerie, wurde Stadtrat und Pfarrgemeinderat. Außerdem führte er 1965 einen Brauch vom Niederrhein, den Martinszug, in Neustadt a.d. Donau ein. Der Zuzug aus dem Norden wirkte sich auch politisch und religiös aus. Die SPD gewann an Gewicht im Neustädter Stadtrat und bei Kirche dachten die Menschen zunehmend auch an die evangelisch-lutherische Pfarrgemeinde.

900 Gäste beim Festakt

Kirchlich gesegnet wurde die Raffinerie von Bischof Rudolf Graber am 27. Juli 1964. Die große Einweihungsfeier fand am 12. Oktober 1964 statt. Sie übertraf alles, was man bis dahin an Festen in Neustadt a.d. Donau erlebt hatte. Die Gästeliste umfasste 900 Namen. Natürlich waren auch Mitarbeiter der Muttergesellschaften, der Gelsenberg Benzin AG und der Mobil Oil vertreten.

Zur Eröffnungsfeier kamen unter anderem der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel und Friedrich Zimmermann, damals noch Rechtsanwalt in München und später Bundesinnenminister.

Mit eigens für den Anlass gemieteten Bussen wurden die Neustädter nach dem Kinobesuch zur neuen Raffinerie gefahren. Foto: Stadtarchiv
Auf einer Fläche von 200 Hektar war Anfang der sechziger Jahre die Raffinerie in Neustadt a.d. Donau entstanden. Foto: Stadtarchiv
Auch Friedrich Zimmermann, späterer Bundesinnenminister, kam zur Eröffnung der Raffinerie. Foto: Stadtarchiv
Bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung der Raffinerie sang auch der Werkschor. Foto: Stadtarchiv
Bischof Rudolf Gruber segnete die neuen Anlagen und die Mitarbeiter. Foto: Stadtarchiv
Zu den Feierlichkeiten kam auch Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel (Mitte). Foto: Stadtarchiv