Campen im Wald und Bratwürste essen mit den Scorpions: Woodstock-Feeling am Waldcasino in Rötz

Von Stefanie Bauer · 26. August 2024 um 05:00

Das legendäre Woodstock-Festival 1969 in White Lake gilt als Höhe- und zugleich als Endpunkt der Hippie-Bewegung in den Vereinigten Staaten. Auch nach Europa schwappte die Flower Power-Welle – und das kleine Städtchen Rötz im Landkreis Cham entwickelte sich in den Siebziger Jahren zu einem Mekka für musikbegeisterte Anhänger der Bewegung.

Damals fanden über mehrere Jahre Open Airs am Waldcasino, gelegen zwischen dem ehemaligen Camp Reed und der Ortschaft Alletsried, statt. Viele erinnern sich noch an diese ganz besondere Zeit und haben aufregende Erzählungen darüber auf Lager. Karl Heinz Hofmann möchte sie in einem Kapitel für ein geplantes Buch veröffentlichen, das er mit Geschichten wie diesen, die sich in Rötz zugetragen haben, neu für die Stadt herausgeben will. Und Rudi Schneider, der in Amberg lebt und in Rötz arbeitet, weiß eine davon zu berichten.

Er hat das Open Air besucht und kann sich noch erinnern, dass er mit seinem Freund Gerhard tatsächlich mit den Scorpions am Biertisch saß – und gleichzeitig mit ihnen Bratwürste gegessen hat. „Damals, als 17-Jährige, haben wir uns aber einfach nichts zu ihnen sagen trauen“, bedauert er noch heute ein bisschen.

Golden Earring in Rötz

Die Summercamps am Waldcasino, schätzt Rudi Schneider wie einige andere Zeitzeugen, haben etwa fünf Jahre lang stattgefunden. Aus den Jahren 1976 und 1977 gibt es auf jeden Fall Fotografien der Plakate.

Die Band Golden Earring aus den Niederlanden, vielen bekannt durch ihren Hit „Radar Love“, war auf dem Plakat von 1976 besonders hervorgehoben. Aber die Bandmitglieder waren ganz nahbar: Wie einige andere Bands hätten auch sie „auf der Post“ gewohnt, erinnern sich einige Rötzer, die es damals vor Ort miterlebt haben. Dort haben sie sich einfach an den Stammtisch gesetzt und gespielt. Das sei schon eine kleine Sensation gewesen.

Das findet auch Hans Seitz, der in verschiedenen Jahren auf den Konzerten war. Auf dem ersten Festival, das er besuchte, sei er erst 14 Jahre alt gewesen und sein späterer Schwiegervater hatte ihn und seinen jetzigen Schwager, mit dem er schon damals befreundet war, dorthin gefahren. „Und er hat uns auch einmal Gockerl zu essen vorbeigebracht“, erzählt er. Das Essen auf dem Festival sei überhaupt kein so einfaches Thema gewesen, das sei ja auch, nachdem man sich schon die Tickets kaufen musste, eine Geldfrage gewesen.

Seitz, der seit langem in Amberg lebt, aber aus Treffelstein stammt, berichtet, Kumpels aus Waldmünchen seien zwischen den Konzerten einmal nach Hause gefahren, um Essens-Nachschub zu holen. Und hatten dann nur ein paar gekochte Eier dabeigehabt: „Das war nicht gerade, was wir erwartet hatten – aber besser als nichts...“

Auch bei der Flüssignahrung wussten die Leute sich zu helfen: Es habe zwar auch Bier aus Plastikbechern teuer zu kaufen gegeben, doch viele hätten sich kistenweise selbst versorgt oder sogar ganze Fässer aufs Gelände gerollt – bis es später unterbunden worden sei. Einmal, wissen einige noch, sei es sehr heiß gewesen, da habe es lange Schlangen an der Toilette gegeben, weil die Leute ans Wasser aus dem Waschbecken wollten, um sich ein wenig abzukühlen.

Die Zelte hatte man beliebig irgendwo auf dem großen Gelände aufstellen dürfen, viele campten auch im Wald.

FFW mit 2500 Litern Wasser

Bei den sommerlichen Temperaturen und wegen der Tatsache, dass viele rauchten – und nicht nur Zigaretten, es lag schon ein bestimmter Duft in der Luft, das haben viele damals festgestellt, wie sie heute mit einem Augenzwinkern erzählen – war auch die Waldbrandgefahr hoch.

Manfred Reindl, der spätere Kommandant der FFW Rötz, berichtet, er sei damals, mit Anfang 20, beim Festival von der Feuerwehr aus zur Absicherung im Einsatz gewesen. Mit einem Feuerwehrauto und 2500 Litern Wasser für einen Schnellangriff im Fall der Fälle, doch zum Glück trat dieser nicht ein. Es habe keine nennenswerten Vorfälle bei den Festivals gegeben.

Und das bei so vielen Leuten... Bei den großen Konzerten seien es sicherlich Tausende gewesen, vermuten Zeitzeugen, die genaue Zahl sei aber sehr schwer zu schätzen.

Einmal jedenfalls, so berichtet es ein Anwohner, sei eine so große Gruppe an einem Samstagmorgen vom Casinoberg zu Fuß nach Rötz herunter gekommen, dass die komplette Straße gesperrt worden sei. „Die Leute sind im wahrsten Sinne in Strömen in die Stadt und haben alle Geschäfte leer gekauft.“ In den kleineren Läden wie einem Kolonialwarenladen in der Regensburger Straße, den es damals noch gab, erinnert sich der Anwohner, oder auch beim Bäcker habe ein unglaublicher Andrang geherrscht. „Einheimische“ besuchten die Festivals natürlich auch, aber die Leute seien von überall her gekommen – es war die „gute alte Hippie-Zeit“, fassen viele es zusammen. Es traten hochkarätige Bands auf, das sei aber eigentlich gar nicht das Wichtigste gewesen – vor allem ging es um die Stimmung und das „Woodstock-Feeling“, das man von den damaligen Medien vermittelt bekommen hatte.

Organisiert hatte diese Events der Betreiber des Waldcasinos, ein Herr Kolbeck. Das „Camp Rötz“, ein „Open Air mit langer Tradition im Bayerischen Wald – leider ausgestorben“, so heißt es auf der Seite des niederbayerischen Open Air Veranstalters IBV Weigendorf, inzwischen eingetragener Verein und Kulturförderpreisträger, sei 1977 die Idee herangewachsen, ein eigenes Festival zu veranstalten.

Wer noch eigene Erinnerungen oder Fotos von den Festivals auf dem Casinoberg hat, kann sich per Mail an k.h.hofmann@web.de wenden.

Tausende von Menschen besuchten die Konzerte, die Mitte der Siebziger Jahre stattfanden.
Es ging nicht nur darum, die Bands zu erleben, sondern vor allem um die Stimmung und das Woodstock-Feeling.
Golden Earring waren 1976 in Rötz. Quelle: deutsche-digitale-bibliothek.de (2)
Das Plakat aus dem Jahr 1977. Viele Rötzer haben noch Erinnerungen an die Festivals.
Bei einem Auftritt der Scorpions