Azubi-Mangel im Landkreis Neumarkt: Nicht nur ein Studium führt zum Erfolg

Im September ist Ausbildungsstart. Doch im Landkreis Neumarkt sind laut der Bundesagentur für Arbeit noch circa 712 von 1691 gemeldeten Stellen unbesetzt (Stand Juli). Liegt das an den unterschätzten Potenzialen einer Ausbildung? Jordan Jungk zeigt, warum man nach dem Abitur nicht unbedingt studieren muss, um erfolgreich zu sein.
Als Jungk sein Abitur am Willibald-Gluck-Gymnasium absolviert hatte, war er sich unsicher, was er studieren soll. Der Großteil seiner Mitschüler wählte diesen Weg, erzählt der 21-Jährige. Aber Jungk wusste, dass er etwas im technischen Bereich machen möchte – und etwas mit Autos. Er stieß auf das Ausbildungsprojekt der Kfz-Innung München-Oberbayern: Abi und Auto, eine Alternative zum Studium.
Innerhalb von drei Jahren hat der 21-Jährige nun nicht nur seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker mit Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik beim Neumarkter BMW/Mini Autohaus Partl absolviert. Gerade laufen auch seine letzten Meisterprüfungen. „Ich suche immer gerne die Herausforderung. Nur so kommt man voran.“
Jordan Jungk hat große Pläne für seine Zukunft
Und Jungk ist noch lange nicht am Ende seiner beruflichen Karriere, denn sein „Wissensdurst“ treibe ihn um. Seit Montag arbeitet er im Autohaus Partl im Team der Werkstattleitung. Im nächsten Jahr könne er sich vorstellen, den Betriebswirt draufzusetzen. Vielleicht sogar irgendwann ein Studium im Bereich Fahrzeugtechnik.
Geschäftsführer Max Partl ist froh, so einen Mitarbeiter wie Jungk gefunden zu haben. Im September fangen wieder drei neue Azubis im Kfz-Bereich an. Partl könne sich nicht über einen Bewerbermangel beklagen. Im Gegenteil: Im Autohaus liege jedes Jahr „eine Reihe von Bewerbungen auf dem Tisch“. Die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker ist die gefragteste bei jungen Männern im Landkreis Neumarkt, wie die Auswertung der Bundesagentur für Arbeit zeigt. Aber die vielen Bewerbungen führt Partl auch auf die Marken zurück, die hinter seinem Autohaus stehen. Kleinere Betriebe täten sich teilweise deutlich schwerer, geeignete Bewerber zu finden, so Partl.
Azubi-Mangel ist ein branchenübergreifendes Problem
Das betrifft nicht nur die Automobilbranche. Im Bereich Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kfz erfasst die Bundesagentur für Arbeit (Stand Juli) 443 gemeldete Stellen, unbesetzt sind davon 197. Michael Achatz ist Juniorchef von Achatz Wäsche und Dessous in der Neumarkter Innenstadt. Schon lange versuchten sie, einen Ausbildungsplatz zu besetzen – vergeblich. Ihn erreichen kaum geeignete Bewerbungen. Vor zehn Jahren sei das noch leichter gewesen. Aber warum? Achatz glaubt, dass es einfach zu wenig junge Menschen gibt. Eventuell bestünden auch Vorbehalte wegen der Arbeitszeiten im Einzelhandel. Dennoch bleibt er gelassen: „Es gibt immer Hoch- und Tiefphasen.“
In diesem Punkt ist er sich mit Oswald Hirsch, stellvertretender Obermeister der Bauinnung, einig. Denn auch in der Baubranche sind noch viele Ausbildungsstellen unbesetzt: Gemeldet sind bei der Bundesagentur für Arbeit 586 Plätze, unbesetzt sind 262.
Nachwuchssorgen in der Baubranche sind groß
Die Baubranche kämpfe aber schon seit vielen Jahren mit einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel, sagt Hirsch. Weil nach und nach immer mehr Arbeiter der Generation Babyboomer ausscheiden, glaubt er, dass sich die Lage noch zuspitzen wird. „Es sind einfach zu wenige da, die Handwerk als ihre Zukunft sehen.“ Auch der Wettbewerb im Landkreis Neumarkt sei stark, sagt Hirsch. „Die großen Firmen stechen die kleineren oft aus.“ Das liege daran, dass sie den Bewerbern ein ganz anderes Rundum-Paket bieten könnten.
Zum Baugewerbe zählen zum Beispiel die Ausbildungsberufe Maurer, Betonbauer, Tiefbau, Fliesenleger und Zimmerer. Letztere haben, so Hirsch, kein so großes Nachwuchsproblem. Auch bei der Bundesagentur für Arbeit landet der Zimmerer-Beruf unter den Top zehn der beliebtesten Ausbildungen im Landkreis.
„Das Handwerk hat goldenen Boden“
Doch eine Ausbildung in der Baubranche hat Zukunft, betont Hirsch. Denn gebaut werde immer und sicherlich würden sich auch die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wieder bessern. Es heiße nicht umsonst, „das Handwerk hat goldenen Boden“.
Auch im Gastgewerbe sind die Hälfte der gemeldeten 42Stellen unbesetzt. Und das Friseurhandwerk kämpft laut Patrick Brandl, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, ebenso jedes Jahr darum, eine Berufsschulklasse vollzubekommen.
Jungk ist froh, dass er sich nach dem Abitur für eine Ausbildung entschieden hat. Sein Gedanke: „Entweder es ist eine gute Basis oder ich finde darin meine Zukunft.“
Angebote zur Berufsorientierung
Tag des Handwerks: Man schaffe beim Trend zum Studium langsam die Kehrtwende, sagt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Immer mehr rücke ins Bewusstsein, dass eine berufliche und eine akademische Ausbildung gleichwertig sind – auch was Karrierechancen betrifft. Das schaffe man zum Beispiel durch den Tag des Handwerks. Dieser wurde ab dem Schuljahr 2022/23 für alle weiterführenden Schulen verpflichtend eingeführt.
Tag der Ausbildung: Am 20. November findet zum ersten Mal ein Tag der Ausbildung im Landkreis Neumarkt statt. Mit Shuttlebussen werden Schüler der Vorabgangs- und Abgangsklassen vom Volksfestplatz aus zu den teilnehmenden Unternehmen gebracht. Die Firmen bieten unter anderem Besichtigungen und interessante Mitmachaktionen rund um ihren Ausbildungsberuf an. Anmeldungen sind auf der Internetseite des Kreisjugendrings Neumarkt möglich: www.kjr-neumarkt.de/tagderausbildung.