Bürokratie: Darum kann sich Björn Schulz aus Neumarkt die Ausbildung zur Pflegekraft nicht leisten

Von Petra Schlierf · 3. August 2024 um 05:00

Pflegekräfte werden überall händeringend gesucht. Björn Schulz wäre gern einer dieser heiß begehrten Fachkräfte. Doch der Neumarkter darf nicht. Ein Gesetz verhindert, dass die Kosten für seine Ausbildung übernommen werden können.

Björn Schulz ist eigentlich voller Tatendrang. Das Rumsitzen nervt ihn. Wenn er von den Monaten erzählt, in denen er als Pflegehelfer im Neumarkter Seniorenstift am Tiroler Hof gearbeitet hat, ist er noch immer ganz begeistert. „Man arbeitet da nicht für das Konto des Chefs, sondern kann wirklich Menschen direkt helfen. Das spürt man dort jeden Tag. Selbst wenn man ihnen nur beim Waschen oder Essen hilft, hat man einen positiven Einfluss auf das Leben dieser Menschen. Und das hat mich tief berührt“, schwärmt der 46-Jährige fast schon, ohne die herausfordernden Seiten dieses Berufs auszublenden. Man spürt: Da hat jemand seine Berufung gefunden.

Doch warum ist der gut gelaunte 46-Jährige dann nicht schon längst Teil des Teams und drückt ab Herbst die Schulbank? Die Gründe dafür liegen in seiner Geschichte. Schulz stammt eigentlich aus einer ganz anderen Branche, ist gelernter Industriekaufmann und hat auch viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Das Unternehmen, bei dem er 15 Jahre gearbeitet hat, wurde nach mehreren Krisen abgewickelt. Er stieg zwar schnell bei einer neuen Firma in ähnlicher Position wieder ein, merkte aber auch da: „Das war einfach nicht mehr das Richtige. Ich war nicht mehr glücklich mit dieser Arbeit.“

Schulz suchte also nach beruflichen Alternativen und lauschte mit großen Ohren den Schilderungen seiner Frau, die gerade als „Spätberufene“ die Ausbildung zur Pflegefachkraft absolvierte. Nun wollte es der Neumarkter wissen: Ist das auch etwas für ihn? Einen Tag lang hospitierte er im Seniorenstift am Tiroler Hof. Dann war die Frage entschieden, erinnert er sich: „Die Scheu war sofort weg. Ich hatte gleich einen Draht zu den meisten Leuten. Und auch die weniger schönen Dinge, die man sieht oder riecht, waren für mich kein Problem.“

Ein vorbildlicher Auszubildender wird ausgebremst

Nachdem auch die Resonanz der Kollegen auf Zeit positiv ausfiel, war der Entschluss, die Ausbildung zur Pflegefachkraft in Angriff zu nehmen, schnell getroffen. Am 1. September 2024 sollte es losgehen. Einen Schulplatz hatte der 46-Jährige bereits, das Seniorenstift am Tiroler Hof wollte ihn einstellen. Dort kannte man ihn nicht nur vom Probearbeiten, berichtet Schulz: „Um einen besseren Einblick in die gesamte Tätigkeit in einem Pflegeheim zu bekommen, habe ich mich entschlossen, bis zum Beginn der Ausbildung als Pflegehelfer zu arbeiten und startete mit dieser Aufgabe Anfang Januar 2024.“

Doch Schulz’ Zukunftspläne scheitern jäh an der Bürokratie. Für seine Ausbildung und die von vier weiteren Auszubildenden hatte sein Ausbildungsbetrieb einen Antrag auf Übernahme der Weiterbildungskosten bei der Agentur für Arbeit gestellt. Doch im Juni wurde entschieden: Für Björn Schulz werden die Kosten nicht übernommen.

Der Grund: Er hat bereits einen Ausbildungsabschluss, eben den zum Industriekaufmann. Eine staatliche Förderung sei daher nicht mehr möglich, regelt das Sozialgesetzbuch. Eine Ausnahme wäre noch möglich, wenn er vier Jahre lang in einer ungelernten Tätigkeit beschäftigt gewesen wäre. Zum Beispiel wie in den vergangenen Monaten als Pflegehelfer. 2028 wären diese vier Jahre um, erst dann bekäme er die Ausbildung bezahlt.

So lange zu warten – noch dazu, wo Fachkräfte in der Pflege so dringend gebraucht werden – kommt für Björn Schulz aber nicht infrage. Aus eigener Tasche kann er die Ausbildung derzeit aber nicht stemmen. Rund 500 Euro im Monat würden im fehlen, wenn er die Ausbildung ohne Förderung beginnt. Momentan könne er sich das nicht leisten. Sein Start in der Pflege muss nun ein Jahr lang warten, bis zumindest seine Frau mit ihrer Ausbildung fertig ist und dann etwas mehr Geld verdient.

Hoffen auf Crowdfunding

Damit Schulz neben den dann ohnehin zehrenden Schichtdiensten nicht auch noch einem Nebenjob nachgehen muss, hofft er nun auf Unterstützung und hat eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen. Auf der Plattform Gofundme hofft er auf möglichst viele Unterstützer auf seinem Weg „Vom Büro ins Pflegeherz“.

Das Unverständnis über die Ablehnung der Förderung war groß, auch bei Schulz’ designiertem Arbeitgeber. Für Einrichtungsleiter Stephan Berger war diese Ablehnung der Förderung bisher ein einzigartiger Fall. Er bedauert, dass er Schulz noch nicht in sein Team holen konnte, versteht aber auch die Hintergründe: „Die Entscheidung war nachvollziehbar und die Entscheider haben sich das auch nicht leicht gemacht. Sie sind eben auch an Vorgaben gebunden.“

Die Gesetze macht schließlich nicht die Agentur für Arbeit, sondern im Falle des Sozialgesetzbuchs der Bundestag. Und in dem entscheidet die Neumarkter Abgeordnete Susanne Hierl (CSU) mit. Auf Nachfrage erklärt sie, dass sich das Förderinstrument zwar grundsätzlich bewährt habe, es aber in der Praxis manchmal zu eng gefasst sei. Das zeige der Fall von Björn Schulz exemplarisch.

Wird Gesetz geändert?

Hierl will das Problem daher in Angriff nehmen, erklärt sie auf Nachfrage: „Deshalb wollen wir als CDU/CSU das Instrument zu einem Fachkräftestipendium weiterentwickeln. Wir wollen das Förderinstrument so weiten, dass in Zukunft auch Umschulungen für einen zweiten beruflichen Abschluss – auch im Wege von Teilqualifizierungen – möglich sind. Allerdings wollen wir dies auf Mangelberufe begrenzen, um einen zielgenauen Einsatz von Fördermitteln zu erreichen.“

Dies sei ein Punkt eines Maßnahmenkatalogs, den die Fachpolitiker unter dem Titel „Von der Effizienz-Gesellschaft zur Resilienz-Gesellschaft – Impulse für ein krisenfestes Qualifizierungs- und Weiterbildungssystem“ Anfang Juni beschlossen haben. „Wenn die Ampel unserem Vorschlag eines Fachkräfte-Stipendium folgt, dann gehören Fälle wie der geschilderte hoffentlich bald der Vergangenheit an“, sagt Susanne Hierl.

So oder so, für Björn Schulz und seinen geplanten Start im Herbst kommt die Änderung ohnehin zu spät. Neben dem Crowdfunding-Projekt muss er deswegen versuchen, im verbleibenden Jahr noch möglichst gut Geld zu verdienen und zu sparen, um während der Ausbildung über die Runden zu kommen. „Weiter nur als Pflegehelfer zu arbeiten, kann ich mir finanziell nicht leisten“, sagt er.