Gruseliger Gruß aus der Vergangenheit: Hunderte Schädel und Knochen bilden eine Wand

Der letzte Gang wird anonym. Statt aufwendiger und kostspieliger Grabstätten lassen sich immer mehr Menschen in Urnen in einem Friedwald oder unter einem Baum auf einem Friedhof bestatten. Früher dagegen wurden die Knochen der Toten sogar in eigens dafür bestimmten Gebäuden gelagert. Auch diese Beinhäuser sind selten geworden. Eines der wenigen, die es noch gibt, befindet sich in Neustadt an der Donau (Landkreis Kelheim).
Im Beinhaus in Arresting sind Hunderte Schädel und Menschenknochen zu einer Wand aufgeschichtet. Nicht irgendwie, sondern mit System. Die Knochen, meist Oberschenkel- oder Armknochen, stützen einen Schädel, erklärt Kirchenpfleger Xaver Necker. Das hat nicht nur statische Gründe. Die Anordnung lässt sich auch als Kreuzform verstehen.
Das Beinhaus ist Teil des Friedhofs im kleinen Arresting (95 Einwohner). Der Friedhof ist klein und rund um die Kirche St. Wolfgang angelegt. Das Beinhaus dürfte im 16. oder 17. Jahrhundert entstanden sein. Es ist Teil der Friedhofsmauer, die damals gebaut wurde.
Im Neustädter Ortsteil Mauern verhält es sich sehr ähnlich. Auch dort gibt es einen kleinen Friedhof, der rund um die Kirche „Unserer Lieben Frau“ entstanden ist. Nach außen schirmt eine mächtige Mauer die Anlage ab. Aber: Anders als in Mauern ist das Beinhaus in Arresting noch mit all seinen Knochen erhalten.
Seit über 30 Jahren schützen Gitter das Beinhaus in Arresting vor unliebsamen Besuchern. „Als wir Kinder waren, gab es die Gitter am Beinhaus noch nicht“, sagt Xaver Necker. „Für uns als Kinder war das gruselig. Es war für uns Kinder eine Mutprobe, durch das Beinhaus zu laufen.“ Andere wagten ganz andere Mutproben.
„Totenköpfe verschwanden“
„Es verschwanden immer wieder Totenköpfe“, sagt der Kirchenpfleger. Vermutlich waren es Jugendliche und junge Heranwachsende, die einen gruseligen Gruß aus der Vergangenheit suchten.
Dabei ist unklar, woher die Knochen im Arrestinger Beinhaus stammen. „Als Kinder dachten wir, dass es sich um die Überreste römischer Legionäre handelt“, erzählt Xaver Necker. Möglicherweise glaubten das auch jene alten Frauen, die früher auf dem Arrestinger Friedhof für die armen Seelen gebetet haben, die vermeintlich im Beinhaus ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Früher führten sogar die dörflichen Prozessionen durch das Beinhaus. Extra dafür wurden auch Rundbögen in dem kleinen Gebäude eingebaut.
Heute geht man von einer viel einfacheren Erklärung aus: Beinhäuser entstanden dort, wo alte Grabstätten auf den Friedhöfen aufgelöst wurden. In katholischen Gebieten hingegen waren Beinhäuser während des Barocks regelrecht en vogue. Tod und Vergänglichkeit wurden opulent inszeniert, mit Totenschädeln, Sanduhren oder abgebrannten Kerzen.
Ob das auch für Arresting zutrifft, ist unklar. Zumindest fehlt der opulente Schmuck. Unklar ist auch, wie alt die Sammlung der Knochen ist. „Das Beinhaus soll im 16. Jahrhundert entstanden sein“, sagt Xaver Necker. Doch nicht nur der Entstehungszeitpunkt lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Ungeklärt ist auch, warum im Beinhaus zwar Schädel sowie große Arm- und Beinknochen aufbewahrt wurden, nicht aber Beckenknochen.
Bedeutung verloren
Die Zeiten, in denen am und im Beinhaus zu den Verstorbenen gebetet und Kerzen angezündet werden, ist vorbei. Beinhäuser haben ihre Bedeutung verloren. Weder in Mauern noch in Arresting werden die Beinhäuser noch benutzt. In Mauern, wo im Beinhaus auf der Südseite der Kirche einst Totenschädel und darunter kreuzweise Arm- und Fußknochen eingemauert waren, diente das Gebäude später als Leichenhaus, die Knochen wurden anderweitig beigesetzt.
Möglicherweise sind auch für das Beinhaus in Arresting die Tage gezählt. Es fehlt Geld für eine Renovierung. Anfragen bei Behörden wurden abschlägig beantwortet, sagt der Kirchenpfleger. Dabei drängt die Zeit für eine Renovierung. Der Zustand der Knochen und Schädel verschlechtert sich zusehends. „Die bröseln wie Kalk“, sagt Xaver Necker. „Der Verfall geht immer schneller.“ Ein Plan, wie es mit dem Beinhaus weitergehen soll, bestehe nicht.


