Sommergespräch: Joachim Wolbergs kritisiert Ex-Koalition und unterbreitet ein Angebot

Von Philip Hell · 17. August 2024 um 05:00

Joachim Wolbergs spart im Sommergespräch mit MZ-Reporter Philip Hell nicht mit Kritik an der geplatzten Koalition. Zugleich unterbreitet der Brücke-Fraktionschef allerdings auch ein Angebot.

Am Boden des Marc-Aurel-Ufers haben sich Pfützen gebildet. Am Morgen hat es stark geregnet, es nieselt noch immer ein wenig. Auch das ist er also, der Regensburger Sommer. Auf dem schwarzen Odessa-Anker sind einige Tropfen zu sehen. Joachim Wolbergs steigt die Treppen von der Eisernen Brücke herunter. Er raucht, ebenso der Reporter. Kurzer Smalltalk, bis die Kippe bis zum Filter verglommen ist. Die Aufnahme läuft. Wir gehen in Richtung Odessa-Anker.

Herr Wolbergs, warum wollten Sie sich hier treffen?

Joachim Wolbergs: Wir regen uns in Regensburg über vieles auf, über das wir uns eigentlich gar nicht aufregen müssten, weil wir in einer so schönen Stadt leben. Aber unsere Partnerstadt Odessa wird jeden Tag bombardiert. Ich würde mir wünschen, dass die Stadtgesellschaft das im Blick behält. Die Menschen, denen es gut geht, sollten sich überlegen, ob sie den Menschen aus der Ukraine und Odessa helfen können. Wir leben in einer Gesellschaft, die so satt ist.

Haben Sie noch Verbindungen nach Odessa?

Wolbergs: Ja, ich kenne noch viele Menschen aus meiner offiziellen Zeit − aber auch privat. Und die leiden. Jeden Tag. Ich war vor rund acht Jahren das letzte Mal dort, habe aber noch viel Kontakt nach Odessa. Ich telefoniere fast täglich mit Freunden dort und habe mich um einige Familien aus Odessa gekümmert, die vor dem Krieg geflohen sind. Wenn dir Menschen sagen, sie können heute nicht telefonieren, weil Bombenalarm ist, muss ich wirklich innehalten.

Was kann die Stadtpolitik tun, um Odessa zu helfen?

Wolbergs: Eine Stimmung schaffen. Wir könnten ein Programm auflegen, bei dem wir Leute zur Erholung einladen. Wir könnten große Spendenaktionen machen. Ich würde mir auch von der Tageszeitung wünschen, dass sie einmal in der Woche über die Lage in Odessa berichtet. Im Moment macht Space-Eye sehr viel – und das machen sie prima. Ich habe den Ort aber nicht ausgewählt, um jemanden zu kritisieren. Bei all dem kommunalpolitischen Streit sollten wir unsere Partnerstadt im Blick behalten.

Der Regen tropft durch das Blätterdach. Wir gehen die feuchten Stufen in Richtung Eiserner Brücke hinauf.

Apropos Streit: Wie überrascht waren Sie vom Koalitions-Aus?

Wolbergs: Mich hat überrascht, dass es diese Koalition jemals gegeben hat. Es war eine Koalition der Wahlverlierer. Die SPD hat elf Mandate eingebüßt. Die CSU drei. Niemand wollte die Koalition, sonst hätte Regensburg anders gewählt. Die Grünen hat man damals für zu blauäugig gehalten, mit der Brücke wollte man nicht verhandeln. Dass dieses Bündnis bricht, weil die CSU macht, was sie will, war für mich klar. Schade, dass es so spät kommt. Durch die Koalition gab es vier Jahre Stillstand. Nun besteht die Gefahr, dass es anderthalb Jahre so weitergeht. Es ist wie immer: Die CSU macht für den eigenen Machterhalt alles richtig, aber für die Stadt alles falsch. Ich denke, die Akteure dieser Koalition hatten kein wahnsinniges Interesse an einem Fortschritt in der Stadt.

Wir warten an der roten Ampel in Richtung Bayernmuseum. Der 5er-Bus in Richtung Stadion rollt an, muss allerdings warten. Wir gehen über die Straße.

Genau hier hätte die Stadtbahn rollen sollen. Ist das Projekt für Sie endgültig durch?

Wolbergs: Solche Bürgerentscheide haben rechtlich eine Bindungsfrist von einem Jahr – aber moralisch natürlich darüber hinaus. Das Thema ist tot. Jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir trotzdem bei der Verkehrswende weiterkommen. Ein Projekt torpediert wieder die CSU: Das Vorhaben einer verkehrsberuhigten Altstadt war immer verbunden mit dem Versprechen, etwas außerhalb ein Parkhaus zu bauen. Nun gibt es eine kuriose Koalition aus Grünen und der CSU, die sich gegen das Projekt am Unteren Wöhrd stemmt. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.

Sie haben gesagt, Regensburg sei ohne Koalition unregierbar. Stünde die Brücke für ein Bündnis bereit?

Wolbergs: Ja natürlich. Wir waren in den vergangenen vier Jahren immer konstruktiv, haben nie aus taktischen Erwägungen abgestimmt. Natürlich kann man versuchen, mit wechselnden Mehrheiten zu regieren, aber ich glaube, das führt zu faulen Kompromissen. Ich denke, dass die Brücke, die Grünen, die FDP und auch die Freien Wähler verlässliche Partner wären. Aber es ist nicht mein Job, das zu organisieren. Das ist Sache der Stadtspitze. Nur: Eine Koalition ist auch immer mit Posten verbunden. Also mit Bürgermeistern oder Referenten. Diese Chance ist weg. Da sitzt jetzt eine CSU-Frau, deren einziges Ziel es ist, Oberbürgermeisterin zu werden.

Die Flusskreuzfahrtschiffe haben die ersten Touristen in die Stadt getragen. Sie stehen am Donau-Ufer. Einige sehen den Goldenen Waller fasziniert an. Andere schauen leicht irritiert hoch zum Reporter und seinem Gesprächspartner.

Steht der Stadt ein Dauerwahlkampf bevor?

Wolbergs: Von mancher Seite aus sicher. Die CSU macht das seit vier Jahren. Ich kann nur für die Brücke sprechen. Wir werden uns konstruktiv verhalten, werden aber neue Dinge aufs Tableau bringen. Wir wollen, dass die Obermünsterstraße sofort verkehrsberuhigt wird. Wir wollen ein Konzept für die Altstadtverkehrsberuhigung, städtischen Bediensteten mehr Sicherheit geben und mehr Jugendsozialarbeiter an Schulen. Es gibt eine Menge Sachen, die man tun muss, wenn man will, dass wir mitmachen.

Ein Lebensmittel-Transporter rollt zum Museum. Schnitzel und Schweinebraten müssen ja auch irgendwie ins Wirtshaus kommen. Reporter und Fraktions-Chef springen zur Seite. Damit zum Schlussakkord des Gesprächs.

Sie wollen erneut Oberbürgermeister werden. Spielt Ihnen die derzeitige Situation in die Karten?

Wolbergs: Ich mache mir über die Kandidatur im Moment keine Gedanken. Ich habe selbst Verantwortung in dieser Stadt übernommen. Erst sechs Jahre als Bürgermeister, dann fast drei Jahre als Oberbürgermeister, ehe ich aus dem Verkehr gezogen wurde. Ich hänge an der Stadt.

Eine Gästeführerin winkt zu Wolbergs herüber. Er winkt zurück.

Wolbergs: Und an Leuten wie ihr, das sind unsere Botschafter. Ich freue mich über jeden Touristen, weil man selbst so stolz ist auf die Stadt. Ich mag das Wort lieben nicht so gern. Aber ich hänge an meiner Stadt.

Für das Foto gehen wir zum Odessa-Anker zurück. Wolbergs kommt an der Ampel ein wenig mit der Gästeführerin ins Gespräch. „Americans?“, fragt er. Sie nickt. „Welcome to the greatest city in europe.“