Immer direkt und mit (fast) allen per Du – Ein Original aus Neustadt feiert Geburtstag

Von Jochen Dannenberg · 16. August 2024 um 19:00

Angst vorm Alter? Für viele Menschen ist das ein Thema, aber nicht für eine Frau in Neustadt a.d. Donau. Sie wird an diesem Samstag 99 Jahre alt, lebt nicht im Altenheim, sondern in ihrer eigenen Wohnung und genießt das Leben.

„Morgens trinke ich meinen Kaffee, kriege von meinem Hausherren die Zeitung und dann schaue ich erstmal, was wieder passiert ist.“ Maria Bazin, geboren im Ortsteil Mauern, seit Jahrzehnten wohnhaft in der Bahnhofstraße, liebt einen guten Start in den Tag. Wenn das Wetter gut ist, was in diesem Sommer oft der Fall ist, geht sie mit der Zeitung in die kleine Laube auf der Rückseite des Wohn- und Geschäftshauses, in dem sie wohnt. Da ist es schattig und sie sieht, wer gerade unterwegs ist, was auch bedeutet, dass sie gesehen wird und deshalb für Unterhaltung gesorgt ist.

Außerdem steht in einem Eck des Gartens eine Marienstatue. „Ich bin eine Marienverehrerin“, sagt Neustädterin. Daher ist ihr der Besuch bei der kleinen Figur und das Gebet wichtig. Überhaupt ist Beten für Maria Bazin wichtig, denn sie ist ein gläubiger Mensch. „Nachmittags gehe in die Pfarrkirche St. Laurentius, am Freitag um 17 Uhr in die Kirche St. Anna und im Winter gehe ich in die Kapelle des Altenheims. Da ist es immer schön warm.“ Und anschließend ist meist noch Zeit für einen Ratsch mit den Senioren, ehe es wieder nach Hause geht.

Jahreskarte als Geschenk

Langsam geht das. Maria Bazin schiebt inzwischen einen Rollator vor sich her. Das ist sicherer und soll sie vor Stürzen bewahren. Vor einigen Jahren hätte sie nicht an so einen Wagen gedacht. Da fuhr sie noch mit dem Fahrrad zum Mauerner See zum Schwimmen. „Das war herrlich“, sagt sie. Aber die Zeiten sind vorbei. Umso wichtiger ist für die Neustädterin das Hallenbad neben der Grund- und Mittelschule. „Seit meinem 90. Geburtstag bekomme ich die Jahreskarte gratis von der Stadt zum Geburtstag“, freut sie sich.

Der Neunzigste war ein Einschnitt. Kurz zuvor hatte Maria Bazin nämlich ihr Geschäft zugesperrt. 65 Jahre lang hatte sie – früher mit ihrem Mann, der vor 27 Jahren verstorben ist – Uhren und Schmuck in einem kleinen Laden an der Bahnhofstraße verkauft. Der Arbeitsweg war zwar kurz – der Laden befand sich im Erd-, die Wohnung im Obergeschoss –, doch mit 89 Jahren, befand Maria Bazin, habe sie genug gearbeitet und müssen nicht mehr jeden Tag den Laden aufsperren.

73 Jahre wohnt sie inzwischen an der Bahnhofstraße. Den Hausherren, den Konditormeister Hans Gleich, kennt sie noch als Baby. „Hans war noch gar nicht auf der Welt, als ich hier eingezogen bin“, sagt sie. „Als er noch ganz klein war, habe ich ihm die Windeln gewechselt.“

Zwei Ausnahmen

Maria Bazin redet nicht um den heißen Brei herum. Sie liebt es, Dinge direkt anzusprechen. Die direkte Art gilt auch sonst. Sie spricht jeden mit Du an – mit zwei Ausnahmen. „In Neustadt gibt es nur zwei Personen, die ich mit Sie anrede, den Pfarrer und den Doktor. Auch den Landrat rede ich mit seinem Vornamen an.“ Und wir zur Erklärung schiebt sie hinterher: „Ich ratsch‘ halt gern.“

Man könnte auch sagen: Wer ratscht, hat mehr vom Leben. Man lernt auf jeden Fall Leute kennen. Und so freut sich die 99-Jährige denn auch, dass es immer jemanden gibt, der ihr hilft. „Brigitte ist mir behilflich, wenn ich ins Hallenbad möchte“, sagt sie. Die Brigitte holt sie mit dem Auto ab, gemeinsam fahren sie zum Schwimmbad in der Schillerstraße und da schaut die Freundin, dass Maria Bazin heil ins Bad und wieder raus kommt. Und weil das Leben es durchaus gut mit der Neustädterin meint, wird an diesem Samstag beim Tom am Kirchplatz gefeiert. Die ganze Familie ist da, die Freunde auch. Zünftig geht es um 10 Uhr mit einem Weißwurstfrühstück los, später gibt es Kaffee und Kuchen.

„Alt werden“, sagt die 99-Jährige, „das ist doch nicht schlecht. Ich fühle mich wohl. Ich kann noch rausgehen, meinen Ratsch machen und meine ganze Familie um mich haben und in der Kirche meine Marienlieder singen.“

Jede Woche geht sie ins Neustädter Hallenbad.
Meist waren sie gemeinsam im Geschäft: Maria Bazin und Katze Gundi Foto: Dannenberg
Die 99-Jährige ist leidenschaftliche Schwimmerin. Foto: Dannenberg
In die Pfarrkirche zieht es die Neustädterin regelmäßig. Foto: Dannenberg