Jahn-Fans besprühen Autobahnschild: „Die wollen das Revier markieren“

Tausende Jahn-Aufkleber verschandeln die Regensburger Innenstadt. Die rot-weißen Sticker bedecken Ampelmasten, Dachrinnen, Straßenschilder, Sitzbänke und Hauseingänge. Jetzt hat der Fan-Wahnsinn eine neue, ziemlich riskante Dimension erreicht.
Unbekannte haben ein Schild über der A93-Fahrbahn mit riesigen „SSV Jahn“-Lettern besprüht. „Das ist auf jeden Fall sehr gefährlich, weil es die Autofahrer ablenkt. Von der strafbaren Sachbeschädigung einmal abgesehen“, sagt Christoph Graebel von der Kommunikationsagentur Lots, der für die Autobahn GmbH spricht. Rund 65000 Fahrzeuge rollen täglich unter dem Schild zwischen der Autobahnausfahrt West und Königswiesen hindurch.
Es handelt sich um eine Verkehrsbeeinflussungsanlage. Sie misst die Höhe von Lastwagen vor dem Tunnel Prüfening und zeigt Staus, Staugefahr, Spursperrungen oder Tempolimits an. Eine Menge teure Elektronik ist damit verbunden. Die gesamte Anlage koste mehrere Millionen Euro, weiß Graebel.
Stadtbewohner und Besucher betrachten die Aufkleber und Slogans als Ärgernis. Erst kürzlich hat der Regensburger Martin G. in einem Leserbrief die „rot-weißen Graffiti und Vereinsparolen-Schmierereien“ scharf kritisiert und die Fans aufgefordert, die ganze Stadt pfleglich zu behandeln, nicht nur das Stadion.
Erstaunlich, wie viele Sticker-Varianten es gibt und wer damit seinen Heimatstolz kundtut: Im Welterbe entdeckt man Jahn-Aufkleber von Fangruppen aus vielen Landkreisorten und Signets der Jahn-Ultras, oft in stattlichen Größen. Wenn die Aufkleber Hauseingänge bedecken wie an der Ecke Malergasse/Obermünsterstraße und dann noch jeder Pfosten von Verkehrsschildern rot-weiß leuchtet, wirkt ein Quartier schnell vernachlässigt.
Dachrinnen mit Vaseline behandelt
Hausbesitzer schmieren Dachrinnen in der Altstadt mit Vaseline ein, damit nichts kleben bleibt. Manche Geschäftsleute wickeln Kunstrasen um die Masten von Verkehrszeichen vor ihren Läden, zum Beispiel in der Ludwigstraße.
Stadt, Verein und Behörden reagieren etwas hilflos. „Der Jahn ist weder Urheber noch genehmigt oder nutzt er Aufkleber oder Gestaltungselemente dieser Art“, sagt SSV-Sprecher Johannes Liedl. Der Fußballclub verurteile jede Form von Vandalismus und distanziere sich auch im Fall des Autobahnschilds davon, dass im öffentlichen Raum Schäden verursacht werden. Der Verein tauscht sich regelmäßig mit den Fans aus. „Bei derartigen Gelegenheiten wird auch für Themen wie Vandalismus sensibilisiert.“ Liedl verspricht, der Vorfall werde in den anstehenden Dialog einfließen.
Immer wieder erreichen Beschwerden die Stadtverwaltung. Sprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt, leider könne die Stadt nur etwas gegen die Verunzierungen unternehmen, wenn etwa der Kommunale Ordnungsservice jemanden auf frischer Tat ertappt. Da die Verursacher das wissen, sei es äußerst schwierig, hier eine erfolgreiche Ordnungswidrigkeiten-Anzeige auf den Weg zu bringen.
Der Eingriff beim Autobahnschild ist laut Verkehrspolizei eine gemeinschädliche Sachbeschädigung. Eine Geldstrafe oder sogar eine Freiheitsstrafe drohen. Wer die Aufkleber anbringt, kann mit einer Geldbuße wegen Sachbeschädigung bestraft werden. Freilich wird kaum ein Verursacher erwischt.
Warum besteigen die Jahn-Fans Verkehrsanlagen, bringen sich und Autofahrer in Gefahr? Für Professor Thomas Loew, Psychotherapeut und Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum, ist das ein Selbstwertthema. „Die Fans sind stolz, dass der Jahn wieder aufgestiegen ist und wollen das Revier markieren.“ Der Namenszug auf dem Schild signalisiere: Das ist Jahn-Land.
Für den Adrenalin-Kick
„Da klettert keiner hoch, der nicht auch S-Bahn-surfen oder freeclimben würde. Solche Menschen brauchen den Adrenalin-Kick.“ Loew sagt ganz klar: „Das ist kein normales Verhalten.“ Er ist überzeugt, „dass der Jahn zu wenig mit den Ultras spricht, sonst würde so etwas nicht passieren“.
Leserbriefschreiber Martin G. fordert, das Fanprojekt solle seine Bemühungen verstärken und bestimmten Ultra-Fans vermitteln, dass Reviermarkierung ein sozialadäquates Verhalten im Tierreich ist, aber ganz sicher nicht unter Menschen und nicht an fremdem Eigentum.
Die Autobahn AG lässt den Jahn-Schriftzug vorerst nicht entfernen, weil dabei der Korrosionsschutz der technischen Anlage beschädigt werden könnte. Das wäre kostspielig. „Strafrechtlich Relevantes, wie rassistische Parolen, würde die Autobahn AG sofort entfernen“, sagt Sprecher Christoph Graebel.
Das Fanprojekt und die Fans von Power vom Tower waren nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.
Ein Pro und Contra zum Thema
Das muss man aushalten
Ob man die SSV-Sticker nun schön findet oder nicht, ist völlig egal. Gerade um die Grenzüberschreitung des allgemeinen Wohlgeschmacks und – leider – des vernünftigen Handelns beim Autobahn-Graffiti geht es in der Jugendkultur doch. Dachrinnen vollstickern ist verboten, aber auszuhalten. Die Gefährdung von Menschen auf der Autobahn ist unverantwortlich. Aber das Graffiti finde ich ganz schön. Benedikt Baumgartner
Auf Kosten der anderen
Dass Jahn-Fans das Welterbe verschandeln, kostet Hausbesitzer und Steuerzahler Geld. Wo ein Sticker klebt, folgen weitere und beschädigen ein Quartier. Wer Verkehrsanlagen über der Autobahn besprüht, ist völlig rücksichtslos. Die Kameras der Anlagen sollten dauerhaft laufen, um die Adrenalin-Junkies zu überführen. Auf die Sticker-Kleber sollte der Kommunale Ordnungsservice ein Auge haben.
Marion Koller



