Zwei Monate nach dem Hochwasser: Menschen in Stadt und Landkreis sind zurück im Alltag

Im Juni herrschte in Stadt und Landkreis Regensburg Ausnahmezustand. Zum Glück scheint es an einigen Orten letztlich aber nicht ganz so schlimm gekommen zu sein, wie zunächst befürchtet.
Menschen, die von Hochwasser betroffen sind, eint eine typische Handbewegung. Sie schwenken den Arm zur Seite, strecken den Finger aus und zeigen mit diesem dann die Marke an: „So hoch stand es bei uns.“ Herbert Kuchinka macht dies auch gerade. Am Gartentor seines Hauses in Kleinprüfening. Einen knappen Meter hoch stand dieses Anfang Juni unter Wasser. Die dort installierte Schutzwand hat aber auch dieses Mal wieder gehalten: „Wir sind gut durchgekommen.“
Am ersten Juni-Wochenende kam das Wasser. Eine gute Woche herrschte Katastrophen-Alarm. Ministerpräsident Markus Söder eilte nach Regensburg und machte sich vor Ort ein Bild von der Lage. Und den Betroffenen wurde finanzielle Hilfe versprochen. Doch wie geht es den Menschen jetzt, acht Wochen danach, wirklich?
Mit dem Boot zum Haus
Wenn die Flut kommt, wird Kleinprüfening schnell über Stadt und Landkreis Regensburg hinaus bekannt. Die am Donauufer gelegene Mariaorter Straße steht dann meist komplett unter Wasser. Die Bilder, wenn Anwohner nur noch mit Booten zum Haus kommen, sind weithin bekannt.
Herbert Kuchinka wohnt am oberen Ende der Mariaorter Straße. Sein Haus liegt dadurch etwas höher und er hat zudem eine eigene Hochwasserschutzwand. „Die hat auch dieses Mal wieder gehalten“, erzählt er. Und das Grundwasser, das dennoch reingedrückt wird, bekommt er mit Pumpen raus. „Alles gut“, sagt er.
Kuchinka weiß allerdings genau, was Hochwasser anrichten kann. Vor 25 Jahren hatte er noch keine Schutzwand und war gerade erst eingezogen. „Dann stand das Wasser plötzlich im Haus.“ Das habe alle völlig unvorbereitet getroffen und sei hammerhart gewesen: „Seelisch waren wir 1999 danach fast ein halbes Jahr krank.“ Es habe sich ohnehin vieles zum Besseren verändert, findet er. „Früher hattest du die Nachrichten, die genauen Hochwasservorhersagen noch nicht.“ Da habe er die Feuerwehrleute, die jede Stunde vorbei gekommen sind, gefragt, ob die irgendwas wissen, wie sich das Wasser entwickelt.
Viele Menschen in Stadt und Landkreis kamen nicht so glimpflich durch das Hochwasser wie Kuchinka. Es gibt unzählige einzelne Schicksale. Vollgelaufene Keller. Finanzielle Schäden. Doch eines war schon im Juni fast überall zu hören: „Es muss weitergehen.“ Und dann wurde angepackt.
Soforthilfe-Budget reicht locker aus
An vielen Orten scheint das Hochwasser am Ende zum Glück auch nicht ganz so viel Schaden, wie zunächst befürchtet, angerichtet zu haben. Darauf deutet jedenfalls die Zahl der Anträge bei der Hochwasser-Soforthilfe hin. Bei der Stadt Regensburg gingen bislang knapp 30 Anträge ein, knapp 20.000 Euro wurden bis vergangene Woche insgesamt ausbezahlt. Im Landkreis waren es knapp 50 Anträge und zuletzt insgesamt etwas über 60.000 Euro, die an Betroffene verteilt wurden. Die zur Verfügung gestellten Budgets waren allerdings weit höher. Die Stadt hat das Geld deswegen teils bereits an andere Kommunen weitergegeben.
Keinen Antrag hat auch Richard Weidmüller gestellt. „Es ist bei mir auch nichts passiert. Null Schaden. Eigentlich war das harmlos“, sagt er. Das ist durchaus überraschend, Weidmüller wohnt schließlich in der Regensburger Werftstraße. Diese wurde im Juni evakuiert. Rund 200 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.
Die Stadt teilte damals mit, dass der Untergrund der Straße aufweiche, es bestehe die Gefahr, dass der Hochwasserschutz keinen Halt mehr hat. Allerdings: Die Begründung, dass die Straße unsicher sei, kam für ihn „aus heiterem Himmel“, sagt Weidmüller. Bis dahin habe er das von der Stadt noch nie gehört. Die Evakuierung sei schlimm gewesen: „Der Ärger, das Haus verlassen zu müssen, sitzt bei uns allen hier noch ganz tief.“ Denn dieser Ärger mischt sich mit der Wut darüber, dass die Behörden nicht weitermachen.
Zwei entscheidende Fragen
Für Weidmüller gibt es nämlich zwei entscheidende Fragen: Wann saniert die Stadt die Ufermauer? Und wann baut der Freistaat den endgültigen Hochwasserschutz? Er sagt, dass er es akzeptieren könnte, wenn ihm ein Vertreter der Behörden direkt ins Gesicht sage, dass das Geld für etwas anderes verwendet wird.
Bislang würden er und die anderen Anwohner aber immer weiter vertröstet werden: „Es wird nicht mit offenen Karten gespielt. Es heißt nur, dass das alles nicht so einfach sei, dass es kompliziert sei, das dauere eben.“ Er glaube aber, dass es letztlich einfach ums Geld geht: „Sie könnten uns dann auch zumindest die Wahrheit sagen.“
Weidmüllers Großvater hat das Haus 1935 gekauft. Er selbst ist hier aufgewachsen, hat schon viele Hochwasser mitgemacht. „Ob ich den Bau des endgültigen Hochwasserschutzes noch erleben werde? Ich werde jetzt 72. Ich bin da eher skeptisch.“ Er fällt ein hartes Urteil: „Die haben die Zeit verplempert und das wird beim nächsten Hochwasser alles nicht besser sein.“
Wieder fein rausgeputzt
In Beratzhausen im westlichen Landkreis war im Juni ein kleiner Überlauf der Laber mitten im Ort aus allen Nähten geplatzt. Dort funktionierte damals allerdings das Konzept eines Rückhaltebereichs. Ein kleiner Spielplatz neben dem Überlauf, der damals komplett unter Wasser stand, ist jetzt wieder fein rausgeputzt. Eine Jacke, die ein Kind vergessen hat, hängt über der Lehne einer Sitzbank. Der Alltag ist zurück.
Das ist er auch in Kleinprüfening. An der Bushaltestelle hängen wieder Plakate. Und an der Donau stehen zwei Männer und werfen ihre Angeln aus. Auf dem Rasenstück am Ufer hat sich die Natur durch den Hochwasserschlamm gekämpft. Es gibt viel Unkraut, aber auch einen Himbeer-Strauch, der munter in die Höhe schießt.
Ein paar Meter weiter zeigt eine Frau, was in ihrem Garten zurückgeblieben ist. Die unteren Blätter eines Strauches sind immer noch mit einer grauen Schicht überzogen. Das ist der Schlamm, der einfach nicht ganz weggeht. Doch so etwas sei hier eben fast normal, sagt sie. Die Flut im Juni sei nicht die erste gewesen, die sie erlebt hat. Und sie sei sich ziemlich sicher, sagt sie, und zeigt dabei ein kämpferisches Lächeln, dass es auch nicht die letzte gewesen sein wird.

