Bayerns frühester Unterrichtsstart künftig nicht mehr in Kreisstadt Cham

Nach den Ferien können die Schüler in Untertraubenbach (Stadt Cham) endlich länger schlafen. So früh wie sonst nirgends in ganz Bayern – und vermutlich in ganz Deutschland – mussten die Kinder dort bisher Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.
Ab September beginnt nun der Unterricht an der Lorenz-Gradl-Grundschule später. Der Titel „Frühester Unterrichtsbeginn im Freistaat“ bleibt trotzdem im Landkreis Cham.
Müde und verschlafen in den Unterricht? Schon lange diskutieren Eltern-, Schüler- und Lehrerverbände darüber, ob 8 Uhr als Unterrichtsbeginn nicht zu früh ist. Viel spreche dafür, das die Kinder deutlich aufnahmefähiger wären, wenn sie erst ab 9 Uhr in die Schule kommen müssten. In Untertraubenbach konnten die Eltern über solche Vorstöße bisher nur hilflos die Schultern zucken: In der Lorenz-Gradl-Grundschule begann der Unterricht seit Jahrzehnten traditionell 20 Minuten nach Sieben.
Schon um 6.30 Uhr am Bus
Bedeutet: Bereits um halb Sieben standen die sechs- bis zehnjährigen Kinder im Schulsprengel zu nachtschlafender Zeit an den Bushaltestellen. Begründet wurde der frühe Unterrichtsstart auch genau damit: mit den Busverbindungen. Untertraubenbach ist eine Schnittstelle zwischen den Chamer und Rodinger Schulzentren, Schüler steigen dort um und fahren dann in die jeweils andere Stadt weiter.
„Jetzt endlich haben wir eine Lösung gefunden“, freut sich Bürgermeister Martin Stoiber. Der Chamer Rathauschef war bereits zu Schuljahresanfang von den beiden neuen Schulleiterinnen Cornelia Kiener und ihrer Stellvertreterin Kerstin Bauer kontaktiert worden, um den Unterrichtsstart nach hinten zu verschieben. Unter anderem auch deshalb, weil Untertraubenbach seit dem Schuljahr 2023/24 von der Wiltinger Grundschule aus mit geleitet wird und die verschiedenen Anfangszeiten bei der Stundenplangestaltung Probleme bereiteten. Lehrer, die in beiden Schulen eingesetzt wurden, wie Konrektorin Kerstin Bauer, mussten beim Hin- und Herpendeln zwischen den Schulen quasi einen Spagat hinlegen.
Bei einer Umfrage unter den Eltern während des Schuljahres plädierten gut 80 Prozent der Papas und Mamas für den späteren Schulstart. Am Ende habe man nun die Busverbindungen so organisieren können, dass der lang gehegte Wunsch umgesetzt werden konnte. Erst etwa eine halbe Stunde später als bisher müssen die Kinder künftig an den Haltestellen bereitstehen. Beispiel Ried am Pfahl: Statt 6.47 Uhr sammelt der Bus die Kinder hier künftig erst um 7.12 Uhr ein.
Nicht zuletzt war die Änderung auch im Sinne des Erhalts kleiner Schulen im Bereich der Stadt Cham – in der Vergangenheit hatten etliche Eltern für ihre Kinder einen Gastschulantrag an später beginnenden Schulen gestellt, weil die frühe Anfangs- und damit auch das frühe Unterrichtsende schlecht mit der Arbeit vereinbar war.
Aber wieso sind die Schulzeiten im Landkreis überhaupt unterschiedlich? Beim Landratsamt heißt es dazu, das liege zum Teil daran, dass die Festlegung ausschließlich die Sachaufwandsträger treffen, das sind zumeist die Gemeinden und Städte. Die Mobilitätszentrale des Landkreises sieht einen Grund darin, dass Gemeinden das bestehende öffentliche Bus- und Bahnsystem auch für Grund- und Mittelschulen nutzen wollen. Ein Aspekt dabei sind vermehrt die fehlenden Busfahrer für eigene Schulbusse.
Früher Schulbeginn ungerecht: „Wir leben im Jahr 2024“
In Untertraubenbach freuen sich Eltern und Lehrer über das Geschenk der Stadt. „Wir leben im Jahr 2024, da sollte das alles schon gleich laufen und nicht ungerecht verteilt werden“, sagt Kerstin Bauer – die während ihrer Grundschulzeit in Untertraubenbach im Übrigen selbst zu den Leidtragenden der frühen Anfangszeit gehörte. „Ich habe das damals schon nicht verstanden, wieso der Unterricht in Untertraubenbach so früh beginnen muss.“
Bauer freut sich, dass der Stadtrat sich sofort aufgeschlossen gegenüber der Idee gezeigt hatte. „Als wir vorgesprochen haben, waren alle sehr verständnisvoll. Und wir haben auch nicht locker gelassen“, betont Bauer. „Seit Schuljahresanfang haben wir an der Idee gebastelt, es war klar, dass das jetzt nicht sofort von jetzt auf gleich umsetzbar sein werde. Und so hat es eben ein Jahr gedauert.“ Bürgermeister Stoiber habe großen Anteil daran, dass es geklappt habe.
Zu wenig Busfahrer: Regel gilt erst nur für ein Jahr
Einen kleinen Wermutstropfen gibt es dennoch: „Die Regelung gilt jetzt erst einmal für das kommende Schuljahr“, lässt Amtsleiterin Sigrid Stebe-Hoffmann von der Stadtverwaltung Cham wissen. „Wie es in den Folgejahren ausschaut, das wissen wir noch nicht; das Problem mit den Verbindungen wird stetig größer, es gibt immer weniger Busfahrer.“ Sie schließt nicht aus, dass man im schlimmsten Fall wieder zur ursprünglichen Anfangszeit zurückkehren müsse. „Man muss einfach weiter Daumen drücken.“
Die Rote Laterne in Bayern geht an...
Im Landkreis Cham ist man aber weiterhin von einer einheitlichen Schulanfangszeit entfernt. Wie es beim Schulamt heißt, müssen die Schüler der Grundschule Geigant, der Grundschule Haibühl oder der Montessorischulen in Schönthal und Grafenwiesen weiterhin bereits vor 8 Uhr im Klassenzimmer sitzen. „Der Beginn des Unterrichts variiert hier zwischen 7.40 und 7.50 Uhr.“ Die rote Laterne in Sachen Schulstart hält in Landkreis, Bayern, womöglich Deutschland künftig die Grundschule Geigant. Ebenfalls aufgrund der Busverbindungen wurde hier der ohnehin frühe Schulstart ab September noch einmal um fünf Minuten auf 7.35 Uhr verschoben.
In der Zwischenzeit setzt sich der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband weiterhin für einen späteren Schulbeginn an den bayerischen Schulen ein. Unter anderem, weil Studien zeigen würden, dass der kindliche und jugendliche Biorhythmus mit der 8-Uhr-Regelung (!) Probleme habe...
