Schuss aus fliegendem Hubschrauber: Scharfschützen stellen sich in Hohenfels schweren Aufgaben

„Wir sind eine kleine Gemeinschaft“, sagt ein Scharfschütze über sich und die anderen Sniper aus 19 Armeen, die an einem Wettbewerb von Europas besten Scharfschützen-Teams auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels teilnehmen. Das ermöglicht Einblicke in eine Welt, die Zivilisten normalerweise verborgen bleibt.
„Gleich wird’s laut“, sagt ein US-Soldat und verschließt die Ohren mit je einem Finger. Dann knallt es. Selbst einige Meter entfernt spürt man eine Druckwelle. Rauch steigt auf. Der Scharfschütze zieht einen Verschluss an seinem Gewehr zurück und die leere Patronenhülse springt klirrend heraus. Ein Soldat schreit aus dem Hintergrund: „Treffer“. Das Ziel ist rund 800 Meter entfernt. Zum Vergleich: Die Marktstraße in Neumarkt ist 500 Meter lang.
Normalerweise wird auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels nicht mit scharfer Munition geschossen. Für den Wettbewerb von Scharfschützen aus 19 Ländern gibt es eine Ausnahme. Sechs Tage lang treten 35 Teams aus je zwei Mann im Wettstreit gegeneinander an und lernen voneinander.
Bundeswehr-Scharfschützen treffen aus 800 Meter Entfernung
Die beiden Scharfschützen der Bundeswehr führt ihre erste Aufgabe auf das Flachdach eines Hauses auf einer Anhöhe. Durch die Fernrohre ihrer Gewehre suchen sie das rund 800 Meter weiter unten zwischen Büschen gelegene Ziel. Mit bloßem Auge ist nur das Wrack eines Helikopter zu erkennen. Irgendwo da muss das Ziel sein.
Die Deutschen wechseln kurze Sätze, beobachtet von den Schiedsrichtern der US Army. Wo ist das Ziel? Wie ist der Wind? Hat jeder der beiden das Ziel im Visier für einen gleichzeitigen Schuss, wie es die Regeln fordern? Als die Schüsse verhallt sind, packen die Schützen eilig ihre Rucksäcke, Ständer und G22 a2 Gewehre. Allein das Scharfschützengewehr der Bundeswehr wiegt rund neun Kilogramm. So bepackt geht es im Laufschritt zum nächsten Punkt. Denn die Uhr der Schiedsrichter läuft ebenfalls.
„Scharfschützen müssen fit sein“, sagt Lampe. So lautet der Deckname des Offiziers, der die Deutschen coacht. Die Aufgaben von Scharfschützen stellten sich viele Zivilisten falsch vor, sagt er. Ziele wie etwa Offiziere des Feindes mit einem Schuss aus der Deckung auszuschalten, gehörten dazu. Viel häufiger gehe es aber darum, zu kundschaften. Physisch und psychisch belastbar zu sein, ist dabei ebenso wichtig wie sich zu tarnen, sich im Gelände zu orientieren und im Team zu arbeiten.
Die beiden deutschen Scharfschützen liegen inzwischen im Gras und beobachten durch ihre Fernrohre von Hecken durchzogene Wiesen. „Siehst Du was?“, fragt einer der beiden. Seine Stimme klingt angespannt. Es vergehen stille Sekunden, in die erst ein aufgeregter Ruf und dann ein lauter Schuss platzen.
Roboter fahren Zielscheiben für Scharfschützen umher
So geht es für Minuten. Immer wieder zeigen sich zwischen den Hecken für kurze Zeit sich bewegende Zielscheiben. Hunderte Meter entfernt sind sie für das bloße Auge schwarze Flecken, die bei einem Treffer umfallen. Die fahrenden Roboter, auf die sie montiert sind, sieht man nicht.
Entwickelt hat diese und weitere Aufgaben Commanding Sergeant Major Jesse Clark von der US Army. Was die schwerste ist? „Mogadischu“, sagt Clark. Das Szenario ist angelehnt an ein Gefecht von US-Soldaten in Somalia 1993. Der Film „Black Hawk Down“ hat es bekannt gemacht. Unter anderem schossen dabei Scharfschützen aus fliegenden Helikoptern. Die meisten Teams in Hohenfels seien das nicht gewohnt, sagt Clark. Der Hubschrauber bewegt sich und dessen Rotor wirbelt die Luft auf, so dass die Flugbahn der Kugel ins 500 Meter entfernte Ziel schwer einzuschätzen ist.
Scharfschützen laufen mit Gasmasken in den Nebel aus Reizgas
„Aber an sich sind alle Aufgaben schwer“, sagt Clark. Das erfahren auch zwei französische Scharfschützen, die in voller Tarnmontur bis zu den Schultern in einem Wassergraben versinken. Mit vollgesogener Ausrüstung schießen sie anschließend auf 500 und mehr Meter entfernte Scheiben.
Plötzlich rufen amerikanische Ausbilder: „Gas!“ Sie haben Granaten gezündet. In den gelben und weißen Schwaden aus Reizgas verschwinden die beiden Soldaten mit ihren Gasmasken. Gedämpfte Schüsse sind in einem System aus Schützengräben zu hören.
Unter einem Baum auf einem Hügel machen US-Scharfschützen Pause und beobachten die beiden Franzosen. „Das ist der große Vorteil des Wettbewerbs“, sagt ein Sergeant. Man sehe, wie unterschiedlich die Teams und ihre Armeen Aufgaben angehen, und könne daraus lernen.
Vor allem die Vorjahressieger aus Griechenland machen auf sich aufmerksam. Eingespielt und sehr präzise, lautet das Urteil von Beobachtern. „Manche Teams sind aus Spezialeinheiten. Die haben ganz andere technische Ausrüstung und Trainingsbedingungen“, sagt der deutsche Offizier Lampe, der einer Panzergrenadier-Truppe angehört.
Wertschätzung für die Bundeswehr aus Sicht eines Soldaten ausbaufähig
Auf die Motorhaube eines Jeeps gelehnt bespricht Lampe mit den Schützen, wie sie die erste Aufgabe bewältigt haben. „Es könnte immer besser sein“, urteilt Lampe über das Punkteresultat. Was offenbar auch für das Scharfschützenwesen generell in der Bundeswehr gilt. Rund 300 Scharfschützen gebe es, sagt Lampe. Es sollten eigentlich mehr sein, aber es finde sich nur schwer Personal.
Für den Offizier verändert sich zwar die Haltung der Gesellschaft zur Bundeswehr seit dem Ukraine-Krieg. In anderen Ländern werde das Militär dennoch mehr wertgeschätzt. Mehr sagt Lampe dazu nicht. Wie überhaupt bei den Scharfschützen mehr Schüsse als Worte fallen. Lampe: „Vom Naturell sind wir keine Draufgänger, sondern ruhige Typen“.


















