Schuss aus fliegendem Hubschrauber: Scharfschützen stellen sich in Hohenfels schweren Aufgaben

Von Wolfgang Endlein · 10. August 2024 um 11:00

„Wir sind eine kleine Gemeinschaft“, sagt ein Scharfschütze über sich und die anderen Sniper aus 19 Armeen, die an einem Wettbewerb von Europas besten Scharfschützen-Teams auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels teilnehmen. Das ermöglicht Einblicke in eine Welt, die Zivilisten normalerweise verborgen bleibt.

„Gleich wird’s laut“, sagt ein US-Soldat und verschließt die Ohren mit je einem Finger. Dann knallt es. Selbst einige Meter entfernt spürt man eine Druckwelle. Rauch steigt auf. Der Scharfschütze zieht einen Verschluss an seinem Gewehr zurück und die leere Patronenhülse springt klirrend heraus. Ein Soldat schreit aus dem Hintergrund: „Treffer“. Das Ziel ist rund 800 Meter entfernt. Zum Vergleich: Die Marktstraße in Neumarkt ist 500 Meter lang.

Normalerweise wird auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels nicht mit scharfer Munition geschossen. Für den Wettbewerb von Scharfschützen aus 19 Ländern gibt es eine Ausnahme. Sechs Tage lang treten 35 Teams aus je zwei Mann im Wettstreit gegeneinander an und lernen voneinander.

Bundeswehr-Scharfschützen treffen aus 800 Meter Entfernung

Die beiden Scharfschützen der Bundeswehr führt ihre erste Aufgabe auf das Flachdach eines Hauses auf einer Anhöhe. Durch die Fernrohre ihrer Gewehre suchen sie das rund 800 Meter weiter unten zwischen Büschen gelegene Ziel. Mit bloßem Auge ist nur das Wrack eines Helikopter zu erkennen. Irgendwo da muss das Ziel sein.

Die Deutschen wechseln kurze Sätze, beobachtet von den Schiedsrichtern der US Army. Wo ist das Ziel? Wie ist der Wind? Hat jeder der beiden das Ziel im Visier für einen gleichzeitigen Schuss, wie es die Regeln fordern? Als die Schüsse verhallt sind, packen die Schützen eilig ihre Rucksäcke, Ständer und G22 a2 Gewehre. Allein das Scharfschützengewehr der Bundeswehr wiegt rund neun Kilogramm. So bepackt geht es im Laufschritt zum nächsten Punkt. Denn die Uhr der Schiedsrichter läuft ebenfalls.

„Scharfschützen müssen fit sein“, sagt Lampe. So lautet der Deckname des Offiziers, der die Deutschen coacht. Die Aufgaben von Scharfschützen stellten sich viele Zivilisten falsch vor, sagt er. Ziele wie etwa Offiziere des Feindes mit einem Schuss aus der Deckung auszuschalten, gehörten dazu. Viel häufiger gehe es aber darum, zu kundschaften. Physisch und psychisch belastbar zu sein, ist dabei ebenso wichtig wie sich zu tarnen, sich im Gelände zu orientieren und im Team zu arbeiten.

Die beiden deutschen Scharfschützen liegen inzwischen im Gras und beobachten durch ihre Fernrohre von Hecken durchzogene Wiesen. „Siehst Du was?“, fragt einer der beiden. Seine Stimme klingt angespannt. Es vergehen stille Sekunden, in die erst ein aufgeregter Ruf und dann ein lauter Schuss platzen.

Roboter fahren Zielscheiben für Scharfschützen umher

So geht es für Minuten. Immer wieder zeigen sich zwischen den Hecken für kurze Zeit sich bewegende Zielscheiben. Hunderte Meter entfernt sind sie für das bloße Auge schwarze Flecken, die bei einem Treffer umfallen. Die fahrenden Roboter, auf die sie montiert sind, sieht man nicht.

Entwickelt hat diese und weitere Aufgaben Commanding Sergeant Major Jesse Clark von der US Army. Was die schwerste ist? „Mogadischu“, sagt Clark. Das Szenario ist angelehnt an ein Gefecht von US-Soldaten in Somalia 1993. Der Film „Black Hawk Down“ hat es bekannt gemacht. Unter anderem schossen dabei Scharfschützen aus fliegenden Helikoptern. Die meisten Teams in Hohenfels seien das nicht gewohnt, sagt Clark. Der Hubschrauber bewegt sich und dessen Rotor wirbelt die Luft auf, so dass die Flugbahn der Kugel ins 500 Meter entfernte Ziel schwer einzuschätzen ist.

Scharfschützen laufen mit Gasmasken in den Nebel aus Reizgas

„Aber an sich sind alle Aufgaben schwer“, sagt Clark. Das erfahren auch zwei französische Scharfschützen, die in voller Tarnmontur bis zu den Schultern in einem Wassergraben versinken. Mit vollgesogener Ausrüstung schießen sie anschließend auf 500 und mehr Meter entfernte Scheiben.

Plötzlich rufen amerikanische Ausbilder: „Gas!“ Sie haben Granaten gezündet. In den gelben und weißen Schwaden aus Reizgas verschwinden die beiden Soldaten mit ihren Gasmasken. Gedämpfte Schüsse sind in einem System aus Schützengräben zu hören.

Unter einem Baum auf einem Hügel machen US-Scharfschützen Pause und beobachten die beiden Franzosen. „Das ist der große Vorteil des Wettbewerbs“, sagt ein Sergeant. Man sehe, wie unterschiedlich die Teams und ihre Armeen Aufgaben angehen, und könne daraus lernen.

Vor allem die Vorjahressieger aus Griechenland machen auf sich aufmerksam. Eingespielt und sehr präzise, lautet das Urteil von Beobachtern. „Manche Teams sind aus Spezialeinheiten. Die haben ganz andere technische Ausrüstung und Trainingsbedingungen“, sagt der deutsche Offizier Lampe, der einer Panzergrenadier-Truppe angehört.

Wertschätzung für die Bundeswehr aus Sicht eines Soldaten ausbaufähig

Auf die Motorhaube eines Jeeps gelehnt bespricht Lampe mit den Schützen, wie sie die erste Aufgabe bewältigt haben. „Es könnte immer besser sein“, urteilt Lampe über das Punkteresultat. Was offenbar auch für das Scharfschützenwesen generell in der Bundeswehr gilt. Rund 300 Scharfschützen gebe es, sagt Lampe. Es sollten eigentlich mehr sein, aber es finde sich nur schwer Personal.

Für den Offizier verändert sich zwar die Haltung der Gesellschaft zur Bundeswehr seit dem Ukraine-Krieg. In anderen Ländern werde das Militär dennoch mehr wertgeschätzt. Mehr sagt Lampe dazu nicht. Wie überhaupt bei den Scharfschützen mehr Schüsse als Worte fallen. Lampe: „Vom Naturell sind wir keine Draufgänger, sondern ruhige Typen“.

Schiedsrichter der US Army beobachten die Scharfschützen während des Wettbewerbs auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Foto: Endlein
Erst geht es in einen Graben mit kalten Wasser, wenn die Scharfschützen sich auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels herausgekämpft haben, müssen sie sofort auf weit entfernte Ziele schießen. Foto: Endlein
Scharfschützen arbeiten im Team: Beide Mitglieder nehmen wechselnd die Position des Schützen und Beobachters ein.
Ein Schützengraben ist ebenfalls Teil des Wettbewerbs von Scharfschützen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Foto: Endlein
Ein Scharfschütze der Bundeswehr visiert während eines Wettbewerbs auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels durch das Fernrohr seines G22 a2 Gewehrs ein Ziel an. Foto: Endlein
Zu einem Scharfschützen gehört auch immer ein sogenannter „Spotter“, der das Ziel, Entfernung und den Wind im Blick behält. Foto: Endlein
Aus der Deckung Schüsse auf weit entfernte Ziele abzufeuern, gehört zu den Aufgaben bei einem Wettbewerb von Scharfschützen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Foto: Endlein
Zwei Scharfschützen der Bundeswehr postieren sich während eines Wettbewerbs auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels auf einem Dach. Foto: Endlein
Das Ziel, auf das der Scharfschütze auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels hier anlegt, ist ein kleiner Punkt in der Ferne. Rund 800 Meter ist es entfernt. Foto: Endlein
Zwei Scharfschützen der Bundeswehr nehmen bei einem Wettbewerb auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels ein Ziel ins Visier. Foto: Endlein
Nicht nur Treffsicherheit wird beim Wettbewerb für Scharfschützen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels abgefragt, sondern auch Orientierung, Tarnung und körperliche sowie psychische Belastbarkeit. So müssen die Schützen auch zwischen den Schüssen weit laufen. Foto: Endlein
Teil einer Aufgabe beim Wettbewerb für Scharfschützen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels ist es, zunächst einen tiefen Wassergraben in voller Montur zu durchqueren und dann gezielte Schüsse abzugeben. Foto: Endlein
Durchnässt müssen diese französischen Scharfschützen nach dem Bad in einem kalten Wassergraben auf 500 Meter entfernte Ziele schießen. Foto: Endlein
Teil einer Übung der Scharfschützen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels ist es, mit Gasmasken durch einen Nebel aus Reizgas zu laufen und in einem Schützengraben einen Angriff zu simulieren. Foto: Endlein
Auch das Schießen mit Pistolen ist Teil des Wettbewerbs für Scharfschützen auf dem Truppenübungsplatz in Hohenfels. Foto: Endlein
Die Schiedsrichter der US Army nehmen die Treffer auf und errechnen am Ende, wie viele Punkte die Scharfschützen-Teams auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels erzielt haben. Gewonnen hat das Team mit den meisten Punkten. Foto: Endlein
Für den Fall der Fälle steht die Ambulanz beim Wettbewerb der Scharfschützen auf dem Truppenübungslplatz Hohenfels bereit. Foto: Endlein
Unter dem Zelt auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels warten die Schiedsrichter der US Army auf die Scharfschützen-Teams. Die müssen sich bewegende Ziele bei den Hecken im Hintergrund ausmachen und treffen. Foto: Endlein
Leere Patronenhülsen auf dem Dach eines Hauses auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels zeugen von den vielen Übungsrunden, die Scharfschützen hier absolviert haben. Foto: Endlein