Wanderung im Übungsplatz Hohenfels ließ eintauchen in Natur und Geschichte

Von Mittelbayerische Zeitung · 4. Juni 2024 um 15:00

Eine Gruppe, kunterbunt wie die unberührten Wiesen, zahlreiche Informationen über den Truppenübungsplatz sowie über Flora und Fauna und ein Bogen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart: So lässt sich die jüngste Wanderung in den Truppenübungsplatz Hohenfels beschreiben.

Es ging nicht nur um die Geschichte mancher verlassener Ortschaften, sondern auch um die Schönheit und Einzigartigkeit einer Landschaft – und um die Verletzlichkeit der Natur und die Folgen des Klimawandels. Organisiert hatten die Tour der Bundesforstbetrieb Hohenfels, der Heimat- und Kulturverein Schmidmühlen und die Pfarrei St. Ägidius. Forstdirektor Manfred Kellner vom Bundesforst Hohenfels verstand es hervorragend, mit wohl dosierten Informationen zu Natur und Kultur die Wanderer zu begeistern.

Ausgangspunkt war die St.Georgskirche in Schmidmühlen – und bereits diese steckt voller Geschichte(n), wie Heimatpfleger Josef Popp zu berichten wusste. Die Erbauungszeit lässt sich anhand alter Karten eingrenzen: Auf einer Karte von 1590 ist die Kirche noch nicht eingezeichnet, auf einer anderen von 1623 dann schon. Ein Grabstein datiert aus dem Jahr 1603.

Aber warum gibt es eine Friedhofskirche in Schmidmühlen? Die Frage konnte vor einigen Jahren während der Renovierung gelöst werden. So war das Gebäude wohl zunächst keine Kirche, sondern eher eine Halle mit zwei seitlichen Portalen, die man bei den Sanierungsarbeiten nachweisen konnte. Fragmente eines Engels wurden freigelegt, mit ziemlicher Sicherheit der Erzengel Michael, der der „Seelenwäger“ war. Alles spreche dafür, dass die Georgskirche ein Eingangsportal in den Friedhof war – virtuell „die Pforte in den Himmel“, habe Klaus Altenbuchner recherchiert.

Eine Kirche als Heimat für Fledermäuse: St. Ägidius in Bergheim

Weiter ging es dann St. Ägidius in Bergheim, bekannt als „Fledermauskirche“. Vorab stellte Forstdirektor Kellner den 160 Quadratkilometer großen Übungsplatz als ein landschaftlich faszinierendes Stück Oberpfälzer Jura vor. Hügel wechseln sich mit Tälern, Wälder mit Freiflächen ab.

Zur Geschichte Bergheims wusste wieder Heimatpfleger Popp einiges zu berichten. Die dortige Kirche St. Ägidius zählt mit zu den ältesten der Oberpfalz. 1912 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt und 2010 erneut vom Landesamt für Denkmalschutz als Baudenkmal ausgewiesen.

Allerdings sei nicht nur ihr tausendjähriges Alter etwas Besonderes. Sie befinde sich auf militärischem Sperrgebiet und werde deshalb nicht mehr als Gotteshaus genutzt. Ihre 2012 erfolgte Restaurierung verdanke sie der Großen Hufeisennase. Diese vom Aussterben bedrohte Fledermaus hat in der südlichen Oberpfalz deutschlandweit die letzte stabile Population, die Jungtiere in steigender Zahl hervorbringt.

Auch die US-Armee unterstützte das Projekt, das eine besondere Auszeichnung erhielt

Für das Projekt „Wiederaufbau der Kirchenruine Bergheim als Fledermausquartier“ erhielt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben 2013 die Auszeichnung als Projekt der UN-Dekade „Biologische Vielfalt“. Die US-Streitkräfte unterstützten das Projekt von Anfang an und realisierten 2021 auf eigene Kosten den Aufbau der ursprünglich nicht wiederhergestellten gotischen Apsis.

Mittlerweile nutzen viele verschiedene Fledermausarten die Kirche Bergheim als Quartier. Darunter ist auch die Große Hufeisennase, deren einzige in Deutschland bekannte Wochenstubenkolonie sich im Markt Hohenburg am Rande des Truppenübungsplatzes Hohenfels befindet.

Erinnerungen an die verlorene Heimat sind noch lebendig

In Bergheim feierte Pfarrer Werner Sulzer eine Maiandacht, musikalisch umrahmt von Helene und Christine Kellner. Dabei erinnerte der Geistliche an das, was einst ein Dorf ausmachte: eine Dorflinde, die Kirche und das Wirtshaus. Die Linde stand und steht für die Natur, die Kirche für die Spiritualität und das Wirtshaus für das gesellige Zusammensein. Um alle drei Faktoren sei es nicht unbedingt gut bestellt, für alle müsse man sich einsetzen, appellierte er.

Ein Beispiel für „verlorene Heimat“ ist der ehemalige Weiler Fischereis. Dort erzählte Peter Fochtner sen. über die Ablösung und deren Folgen. Die Familie habe nicht nur ihren Bauernhof verloren, sondern mit der Währungsreform auch die Ablösesumme und sei so gänzlich leer ausgegangen.

Die Matrikel der Diözese Regensburg beschreibt Fischereis 1916 als eine Einöde mit „einem Haus und sechs Seelen“. Selbst als das militärische Sperrgebiet schon bestand, sei man immer noch zum Anwesen gegangen, um Kirschen oder anderes Obst zu ernten, erinnerte sich Fochtner.

Eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt soll im Übungsplatz erhalten werden

Die Tour nutzte Manfred Kellner auch dafür, die Bedeutung des Naturschutzes zu vermitteln. So gebe es regelmäßig Maßnahmen, um eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt zu erhalten. Möglichst viele heimische Arten sollen im Gebiet des Übungsplatzes eine gesicherte Zukunft haben. Dabei sei es auch wichtig, ökologische Netzwerke zu kennen und zu bewahren. Viele seltene Tiere wie die Gelbbauchunke oder die Heidelerche hätten hier eine feste Heimat, so Kellner.

Letzte Station war die kleine Wallfahrtskirche Hl. Dreifaltigkeit auf dem Kreuzberg. Der dortige vorgeschichtliche Ringwall zeugt von der langen Besiedelungstradition des Vils- und Lauterachtals. Heimatpfleger Josef Popp dankte als Vertreter des Heimat- und Kulturvereins im Namen aller rund 150 Teilnehmer für die gelungene Wanderung. „Es war ein einzigartiges Erlebnis“, so das einhellige Resümee.

So entstand der Truppenübungsplatz Hohenfels

Nachdem am 16.März 1935 die allgemeine Wehrpflicht im Deutschen Reich eingeführt wurde, war der Bedarf an Truppenübungsplätzen groß. Die Wahl fiel auf dieses Areal im Süden des heutigen Landkreises. Ausschlaggebend war die äußerst dünne Besiedlung mit nur 14 Einwohnern pro Quadratkilometer, daneben auch die geringen Bodenerträge und eine relativ starke Bewaldung. In der Gegend gab es zudem wenig Wasser. Die Gegebenheiten führten zu Armut der Bevölkerung. Angesichts der ungewöhnlich schlechten Wasserverhältnisse war auch eine rentable Viehzucht ausgeschlossen, Tuberkulose bei Tieren und Notschlachtungen waren häufig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer weiteren Erweiterung des Übungsplatzes durch die US-Armee. Wie auch bei der Gründung wurden viele Menschen aus- und umgesiedelt und verloren ihre Heimat.

Viel aus seiner Kinderzeit konnte Peter Fochtner senior erzählen. Foto: Josef Popp
Schier unendlich war die Schlange der Teilnehmer, die mehr über das militärische Sperrgebiet erfahren wollten. Foto: Josef Popp