Mit Video: Taktik und Fahnenziehen: MZ-Reporter testen Flag-Football in Regensburg

Von Daniel Pfeifer · 9. August 2024 um 12:00

Flag Football ist eine noch sehr junge Version des Football. Jeder Spieler hat zwei gelbe Flaggen. Fotos: Nils Mayer

Während der Olympischen Spiele schaut alle Welt auf Paris: Mit über 300 Wettbewerben ist die sportliche Vielfalt riesig – aber war das schon alles? Nein, noch lange nicht. Wir, MZ-Reporter Kilian Graef und Daniel Pfeifer, haben die außergewöhnlichsten nichtolympischen Sportarten gesucht, die man in Regensburg ausüben kann – und sie getestet: von Roundnet bis Unterwasserrugby. Dieses Mal wird’s amerikanisch, beim Flag Football.

Zugegeben: American Football sieht im Fernsehen oder im Stadion ja schon spektakulär aus, wenn sich wieder mal Zuchtbullen in Menschenform gegenseitig umrennen. Kilian und ich würden uns so schnell nicht an den Sport wagen, dafür ist uns unsere Gesundheit zu lieb. Aber zum Glück gibt es für Pazifisten wie uns einen Ausweg: Flag Football ist eine noch sehr junge Version des Football, bei der Verteidiger die Angreifer nicht mittels roher Gewalt stoppen, sondern indem sie ihnen Fahnen („Flags“) klauen, die jeder am Körper trägt. Seit kurzem gibt es diesen Sport auch in Regensburg.

Ein Sport unter Freunden

Mit einer gewissen Gelassenheit, riesiger Motivation und enorm wenig Wissen über Football-Taktik, über Football-Technik und einfach generell über Football kreuzen wir auf dem Trainingsgelände im Regensburger Westen auf. Mit einem breiten Lächeln klatschen uns die Spieler und Spielerinnen ab, man hat sofort das Gefühl, als würde hier eine Freundesgruppe nach Feierabend noch ein bisschen spielen: Viel Herzlichkeit, kaum Konkurrenzdruck.

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„Sehr entspannt, so nach einem langen Arbeitstag“, denke ich mir. Zumindest kurzzeitig. Denn nachdem mir Flag-Football-Coach Robin Reller mit kumpelhafter Lockerheit den Sport erklärt hat und ich meinen Gurt mit zwei herabhängenden Kunststoff-Flaggen angelegt habe, übernimmt Carina Liebenthal das Aufwärmen. Und dann ist mal kurz Schluss mit lustig. Was Kilian und ich an dem Punkt noch nicht wissen: Liebenthal ist deutsche Nationalspielerin. Sie ist ehrgeizig und eine Sportlerin durch und durch.

Nationalspielerin Carina Liebenthal will zu Olympia

Ihr großes Ziel: in vier Jahren bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Dementsprechend diszipliniert läuft das Aufwärmen ab. Von einfachen Sprints geht es über in komplexe Seitwärts-Rückwärts-Übungen. „Wozu soll das denn gut sein?“, frage ich Kilian. Er hört mir nicht zu, denn er ist schon damit beschäftigt, die nächste Übung nicht zu verstehen. Eines muss ich ihm aber lassen: Seine Football-Wurftechnik wird rasant besser und ästhetischer.

Wenig später trainieren wir Spielzüge und schnell wird uns klar, warum wir unsere Körper so auf das Kreuz-und-quer-Laufen eingestellt haben. Das A und O des Sport ist, sich blitzschnell auf dem Feld manövrieren zu können, Haken zu schlagen und im Seit- oder Rückwärtslauf die schnellen und weiten Bälle des Quarterbacks zu fangen. All das in einer möglichst so hohen Geschwindigkeit, dass niemand an die Flaggen greifen kann, die vom eigenen Körper runterhängen. Denn dann lösen sie sich mit einem „Plop“ und man ist aus dem Spiel.

Ständige Angst vor dem „Plop“

Das muss ich auf die harte Tour lernen, denn die erste Verteidigerin, gegen die ich als Angreifer anlaufe, ist Carina. Ich kann gar nicht so schnell schauen, da macht es schon „Plop“ und ich bin raus. „Das ist ein sehr höflicher Sport. Wenn wir eine Flagge ziehen, bringen wir sie immer mit einem Lächeln zurück“, erklärt Robin Reller. Und so drückt mir Carina mit einem überlegenen Lächeln mein Fähnchen in die Hand.

Robin Reller ist Initiator, Coach und Motor des Flag Football in Regensburg. Im abschließenden Match ist er außerdem in meinem Team – ich spiele Offense, also Angriff. Jeden Spielzug, mit dem wir dem Sieg näherkommen wollen, plant Reller wie ein Schachspieler. Er ist optimistisch und plant mich zwei oder drei Mal als Schlüsselspieler ein, der den Pass fangen und uns zum Sieg führen soll. Nett ist er ja. Aber so naiv. Natürlich verdaddel ich jeden Ball. Immerhin muss ich keine Angst vor Verteidiger Kilian haben, denn er hat bei all der komplexen Taktik längst mental abgeschaltet, sagt er.

Unter dem Pass hindurch

„Ich glaube nicht dran, dass du nen Punkt machst, ich glaube aber auch nicht dran, dass ich einen Punkt vereitel“, sagt Kilian philosophisch und wettet zehn Euro darauf, dass ich bei der Taktikbesprechung nix verstehe außer: „Renn geradeaus.“ Ja, Pech gehabt, ich soll nach links laufen. Das tue ich gewissenhaft, dass ich ungebremst am Pass von Robin vorbeilaufe. Ups. Am Ende gewinnen wir trotzdem. Glaube ich. Kilian zuckt mit den Schultern. Egal, Hauptsache wir hatten Spaß.

Am Spielfeldrand tauchen immer mehr Männer in Helmen und Schutzausrüstung auf: die erste Football-Mannschaft von Phoenix. Unser Training ist vorbei, wir müssen den Platz räumen, denn jetzt trainieren die großen Jungs mit der dicken Rüstung. Da würden Kilian und ich jetzt ungern drinstecken. Unser Flag-Team ratscht noch und genehmigt sich eine Feierabend-Halbe. Das klingt doch deutlich besser.

Bewertung von zwei Amateuren: Taktisch unbrutal

Kilian Graef: Das Flagfootball-Training war für mich Licht und Schatten. Das Licht: Ab Sekunde eins habe ich mich im Team aufgenommen gefühlt und das Training hat bis zum Übungsspiel viel Spaß gemacht. Der Schatten: Ich habe nichts verstanden. Nach 15 Sekunden waren die meisten Spielzüge vorbei und es gab die nächste Taktikbesprechung. Einen richtigen Spielfluss gibt es nicht.

Persönliche Bewertung: 3/5.

Daniel Pfeifer: Was ich mag: Nach einem stressigen Arbeitstag auspowern, am liebsten gemeinsam mit sympathischen Menschen. Was ich nicht so mag: Gewalt, Schleudertrauma und eigentlich alles, das eine Schutzausrüstung voraussetzt. So cool American Football ist, hat Flag, finde ich, doch mehr Alltagssport-Potenzial. Ein Ball, ein fähiger Coach, zwei Flaggen – mehr braucht es nicht.

Persönliche Bewertung: 4/5.

Über Phoenix Regensburg Flagfootball

Verein: Phoenix, gegründet Ende der 90er, ist bekannt als Regensburgs Football-Heimat. Seit 2022 gibt es auch ein Flag Football Team. Initiator ist Robin Reller (Foto rechts), der den Sport aus Frankfurt kannte.

Sportart: Die Geschichte der Sportart geht bis in die 1940er zurück, 2028 wird sie erstmals olympisch. Und es könnte echt spannend werden: So dominant wie im „normalen“ Football sind die USA nicht.

Mitmachen: Die Flag Footballer von Phoenix freuen sich immer über neue Gesichter. Trainings sind dienstags um 17.30 Uhr und donnerstags um 18 Uhr am Sportplatz „Katharinenhof“ in der Prüfeninger Straße 83.

Das Flag-Football-Team gibt es seit 2022.
Kilians Wurftechnik: sicher schlechter als von Nationalspielerin Carina Liebenthal (links)