Ohrenschmerz und Pflicht-Maniküre: Reporter versuchen sich im Unterwasserrugby

Während der Olympischen Spiele schaut alle Welt auf Paris: Mit über 300Wettbewerben ist die sportliche Vielfalt riesig – aber war das schon alles? Nein, noch lange nicht. Wir, MZ-Reporter Kilian Graef und Daniel Pfeifer, haben die außergewöhnlichsten nicht-olympischen Sportarten gesucht, die man in Regensburg ausüben kann – und sie getestet: von Roundnet bis Flag Football. Dieses Mal tauchen wir tief ab, zum Unterwasserrugby.
Auf dem Weg zum Training im Regensburger Unibad sind Daniel und ich besorgt. Daniel weiß nicht, ob seine Lungenkapazität dem Unterwassersport standhält und ich habe Angst um meine Zähne. „Unterwasserrugby ist ein Kontaktsport, da wird natürlich zugepackt“, sagte unser Trainer Thomas Scheffczyk im Vorfeld.
Unsere Sorgen sind unberechtigt. Klar: Unterwasser ist es schwieriger, jemandem die Zähne auszuschlagen, als an Land. Trotzdem haben wir Respekt vor der Trainingseinheit.
Am Beckenboden der Realität
Mit – was Wassersport angeht – ungesundem Selbstvertrauen eines Leistungsschwimmers springe ich Kopf voran und voller Kraft ins Wasser. Ich bin bereit, den Bundesligaspielern – Thomas, Julian und David Scheffzyk, die uns betreuen, zu zeigen, wie Unterwasserrugby richtig geht.
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Als es mir beim Eintauchen den Schnorchel vom Kopf reißt, das Wasser schlagartig meine Taucherbrille flutet und ich mich darauf einstelle, dass gleich jemand meine Kontaktlinsen mit einer Pinzette aus dem Inneren meines Augapfels fischen muss, bin ich mit der Realität konfrontiert. Der Vorteil aus meiner Zeit als Leistungsschwimmer hält sich in Grenzen. An den Anfängerübungen komme ich nicht vorbei.
Bei Daniel sieht es derweil wenig eleganter aus. Sein Sprung: Eine Mischung aus Kartoffelsack und wasserscheuer Katze. Bei den Tauchübungen hängt er meistens hinterher und der Wasserdruck macht ihm zu schaffen. Aus dem Nichts macht das erste Tor allerdings er.
Kurz vor dem Korb spielt ihm David Scheffzyk den mit Salzwasser gefüllten Ball zu. Über dem Korb, in den man den Ball legen muss, schwebt ein Torwart, daneben ein Verteidiger und die Angriffskollegen. „Das ist ein ziemliches Gewurschtel da unten“, analysiert Daniel zwischendurch.
Daniel zeigt vollen Körpereinsatz
Eine Anfängervariante, um ein Tor zu erzielen: Man spielt sich mit den Kollegen, pro Team sechs Spieler, die in kurzen Perioden mit sechs weiteren Spielern tauschen, den Ball zu und wartet darauf, dass der Torwart keine Luft mehr hat und es zum fliegenden Wechsel kommt. Dann ergibt sich manchmal eine kurze Lücke. Die gilt es, zu nutzen.
Für Daniel ist diese Version zu lasch. Außerdem ist er derjenige, dem die Luft langsam ausgeht. Er schiebt den Torwart mit vollem Körpereinsatz ein Stückchen weg vom Korb und versenkt den Ball. Kompromisslos.
Ein bisschen Erbarmen hatte Torwart Julian Scheffzyk allerdings, wie er nach dem Training zugab:„Wenn Anfänger dabei sind, passen wir uns dem Niveau natürlich an“, sagt der ehemalige ungarische Nationalspieler. „Alles andere wäre ja auch übertrieben. Sonst sieht man als Neuling kein Land.“
Die Profis üben dann zum Beispiel, mit dem schwächeren Arm zu spielen. Für Daniel und mich ist an so etwas nicht im Entferntesten zu denken. Wir sind beide froh, wenn mal ein Pass ankommt. Meistens driftet der Ball, den man Unterwasser stoßen muss, schon nach einem Meter stark ab und sinkt dann auf knapp drei Meter.
„Unterwasserrugby ist ein verletzungsarmer Sport“
Das ist eine Anfängertiefe. Normalerweise spielt man den Trendsport in 3,50 bis fünf Metern Tiefe. Unseren Ohren hat die Anfängertiefe schon gereicht. Die Befürchtungen, dass uns Tritte, rabiates Ziehen, oder zu lange Tauchphasen zusetzen könnten, bestätigten sich dafür nicht. „Unterwasserrugby ist ein verletzungsarmer Sport“, sagt Julian Scheffzyk.
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Vor jedem Training und jedem Wettbewerb schneiden sich die Spieler ihre Fingernägel möglichst kurz und feilen sie ab. Auch die Kanten der Tauchermasken und Schwimmflossen werden abgeschliffen, dass niemand Wunden davonträgt. Selbst mitten im Gerangel haben Daniel und ich nie das Gefühl, dass wir uns verletzen könnten. Nur eine Sache macht mir am Anfang des Trainings zu schaffen. Der Druck auf den Ohren. In der ersten Viertelstunde tun mir beim Training die Ohren weh – trotz Druckausgleich. Dann scheinen sie sich daran zu gewöhnen. Der Schmerz ist weg. „Nach ein paar Trainings merkt man das gar nicht mehr“, sagt Julian Scheffzyk.
Popularität durch Technik
Er und sein Bruder David sind durch ihren Vater Thomas zu dem Sport gekommen. Dass Unterwasserrugby noch nicht olympisch ist, erklärt sich Vater Scheffzyk so: „Dem Sport hat es lange Zeit an Aufmerksamkeit gefehlt.“ Das werde mittlerweile besser. Auch, weil sich die Technik weiterentwickelt hat. „Früher gab es keine Unterwasserkameras zu einem bezahlbaren Preis. Das hat sich geändert“, erklärt er.
Gute Beispiele dafür hat der Routinier parat. Die Unterwasserbilder des zweiten Bundesligaspieltages: gestochen scharf.Die Top-Athleten darauf sehen sehr fit aus – auch noch nach dem Spiel. Bei Daniel und mir sieht es anders aus. Wir laufen platt und hungrig aus dem Unibad. Die Ohren brummen etwas. Trotzdem habe zumindest ich das Bedürfnis, bald wieder abzutauchen.
Bewertung von zwei Amateuren: Atem(be)raubend
Daniel Pfeifer: Uff! Für diesen Sport bin ich nicht gemacht. Im Vergleich zu Kilian mache ich mich richtig zum Affen. Als mittelmäßiger Schwimmer und ungeübter Schnorchler versuche ich mehr, Wasser aus meinen Lungen zu halten, als Spielzüge zu planen. Aber wenn es klappt, ist es ein Mega-Erfolgserlebnis. Und ich habe wohl noch nie so vom Arbeitstag abgeschaltet, wie hier Unterwasser.
Persönliche Bewertung: 3/5.
Kilian Graef: Das Unterwasserrugby-Training verging wie im Flug. Die Belastungszeiten waren kurz und intensiv. Nach 20 bis 30 Sekunden unter Wasser ist man aufgetaucht und hat kurz durchgeschnauft. Für mich war es eine angenehme Art der Anstrengung. Das Spiel ist schnell und es passiert ständig etwas. Wenn man keine Angst vor Wasser hat, ist Unterwasserrugby absolut anfängerfreundlich.
Persönliche Bewertung: 4,5/5.
Über den Tauchclub Ratisbona un Unterwasserrugby
Verein: Der Tauchclub Ratisbona bietet seit zehn Jahren Unterwasserrugby an. 2023 zogen die Regensburger ihre Mannschaft aufgrund Spielermangels aus der zweiten Bundesliga zurück. Das Ziel des Clubs ist es, bald in den Ligabetrieb zurückzukehren.
Historie: Die Sportart wurde 1961 im Ruhrpott erfunden. Seit 1980 finden alle vier Jahre Weltmeisterschaften statt. Bei zwölf Teilnahmen holte Deutschland neun Medaillen. Gewonnen haben die Erfinder aber nie. Amtierender Weltmeister: Kolumbien.
Mitmachen: Das Training des TC Ratisbona ist freitags ab 19.30Uhr im Westbad. „Wir leihen für das Training auch Material“, sagt Julian Scheffzyk. Lediglich eine Voranmeldung ist erwünscht. Weitere Trainings werden intern ausgemacht.


