Wolfgang Dersch: „In der Kultur gibt es immer Baustellen“

Von Marianne Sperb · 9. August 2024 um 12:00

Kulturreferent Wolfgang Dersch drängt auf eine Konzert- und Kunsthalle und hat aktuell jede Menge Herausforderungen zu meistern: Im großen Sommerinterview spricht er offen über die Rochade in den Museen, die Suche nach einer neuen Leitung, den hohen Krankenstand bei Aufsichten oder den Schimmelbefall im neuen document Kepler.

Herr Dersch, lose Dachziegel an der Städtischen Galerie Leerer Beutel, kein Klo im Welterbezentrum, das Historische Museum ohne Leitung, Reparaturbedarf am neuen document Kepler, die Skandalorgel in der Minoritenkirche noch immer stumm: Täuscht der Eindruck, dass Kultur eine Riesenbaustelle ist?

Wolfgang Dersch: In der Kultur gibt es – wie in jedem Privathaus – immer etwas zu entwickeln, zu bearbeiten – ein immerwährender Prozess, wenn Sie so wollen. Es gibt immer Baustellen, ganz klar.

Zur Baustelle Historisches Museum, das Flaggschiff, Ihr großes Thema seit Ihrem ersten Tag im Amt: Die frühere Leiterin und neue Generalkonservatorin hat ihr Büro geräumt. Wann wechselt sie ins 43 Millionen Euro teure Depot Burgweinting – und wie geht’s am Dachauplatz weiter?

Dersch: Die ersten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Dachauplatz ziehen wohl im September um. Das Historische Museum wird sich ja entwickeln, da ist es gut, Raum zu haben.

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Die Weichen stellen Sie gerade. Kürzlich erschien die Ausschreibung für die Museumsleitung. Ich stutzte: Es wird viel verlangt – aber keine Promotion. Ein Chef, eine Chefin ohne Doktortitel: Das gab’s in der Geschichte des Hauses noch nie, oder?

Dersch: Wir haben mit vielen Experten gesprochen und sind uns einig: Für dieses Museum braucht es jemanden, der Pragmatiker ist, der als Persönlichkeit überzeugt, gegenüber dem Team, den Besuchern, der Politik, der Verwaltung. Das muss kein Kunsthistoriker sein, das kann auch ein Historiker oder Kulturmanager sein. Wir haben eine hochbedeutende Sammlung und wollen ganz einfach den oder die Beste!

Bekommt diese hochbedeutende Sammlung im Stellenplan dann auch wieder einen offiziellen stellvertretenden Chef?

Dersch: Abteilungsleiter Dr. Andreas Boos, der bisher als Stellvertreter fungiert, geht 2025 in Ruhestand und dann wird der Stellvertreter-Posten wieder ausgeschrieben. Ich erwarte, dass mittelfristig die Personalstruktur im Haus mit seinen 35 Mitarbeitern plus Aufsichten neu geordnet wird.

Sondiert dann die Agentur Dr. Scheytt die Bewerbungen?

Dersch: Die Agentur „Kulturexperten“ unterstützen uns, die Auswahl trifft aber ein Findungsgremium. Mir war wichtig, die Leitungsstelle nicht nur bundesweit, in Österreich und der Schweiz auszuschreiben, sondern fähige Leute direkt anzusprechen.

Als Headhunter?

Dersch: Das Büro Scheytt hat ein Riesenportfolio, ist vielfach vernetzt und erfahren. Es kontaktiert potenzielle Kandidaten direkt, um ihnen Regensburg schmackhaft zu machen. Bewerber in der engeren Wahl sollten der Jury auch ihre Ideen zum „Museum 2030“ skizzieren. Die Empfehlung geht dann an den Personalrat und den Personalausschuss.

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Im Museum sind immer wieder ganze Abteilungen geschlossen. Wie oft geschieht das? Und: Bleibt das so?

Dersch: Ja, das kommt leider häufig vor. Das bedauere ich sehr. Die Unterbesetzung bei Aufsichten ist fast notorisch. Zum einen sind zu wenig Planstellen da, zum anderen gibt es eine hohe Krankheitsrate von zeitweise fast 80 Prozent.

Es gibt Tage, an denen acht von zehn Aufsichten ausfallen? Das klingt nach Rekord.

Dersch: Das hat sehr unterschiedliche Gründe. Wir überlegen Konzepte, denken auch über Video-Überwachung nach oder über eine externe Besetzung. Es gibt bundesweit viele Museen, die die Aufsicht ausgelagert haben. Wir prüfen das.

Das document Kepler hat drei Stellen: zwei für Aufsicht, eine für Kasse, aber zwei Eingänge, die schwierig zu überwachen sind. Ist das geschickt – oder ein Geburtsfehler des Museums, das gerade knapp fünf Millionen Euro gekostet hat?

Dersch: Die zwei Eingänge waren ein Wunsch des Fördergebers. Mir wird gespiegelt, dass sich die Situation zunehmend einspielt.

Wie gut läuft das Kepler-Haus, das im Februar eröffnet hat?

Dersch: Das Interesse ist enorm, auch überregional, auch von Medien. Im Schnitt haben wir seit Februar pro Monat rund 1000 Gäste. Das ist für so ein kleines Haus grandios.

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Vor allem, weil es ja kaum beworben wird, schon gar nicht bundesweit.

Dersch: Das findet noch nicht statt, weil wir Kinderkrankheiten auskurieren wollen. Wie die Schimmelbildung, nachdem die Baustelle 2023 bei Starkregen nicht abgedeckt war und Wasser in die Mauern eingedrungen ist. Auch bei der Technik schrauben wir nach und bei der schwer lesbaren Beschriftung. Man muss sehen: Wir standen wegen der Frist für die zwei Millionen Euro EU-Förderung heftig unter Druck. Jetzt können wir in Ruhe nachjustieren.

Ab zur nächsten Baustelle: Städtische Galerie Leerer Beutel. Ziegel fallen vom Dach, aber vor allem: Sie trennen die Galerie vom Historischen Museum. Was schwebt Ihnen vor?

Dersch: Der Leere Beutel ist für ganz Ostbayern ein Kristallisationspunkt für zeitgenössische Kunst. Ich glaube, als Anhängsel am Historischen Museum kann diese Galerie nicht richtig loslegen. Gleichzeitig gibt es ganz wunderbare Synergieeffekte mit unserem Kulturamt, das mit der Kulturförderung, mit Artists in Residence, M26, Prinz Leopold Kaserne und anderen Hotspots sehr nah dran ist an der jungen Kreativszene und Kunstvereinen. Es existiert viel Expertise, die wir jetzt koppeln mit Dr. Reiner Meyer und Dr. Caroline-Sophie Ebeling von der Städtischen Galerie.

Das heißt: Der Leere Beutel wird am 1. Januar eine Abteilung des Kulturamts. Gibt es dann noch eine Leitung der Galerie?

Dersch: Selbstverständlich. Vielleicht kann ich es so verdeutlichen: Maria Lang, die Leiterin des Kulturamts, führt ja auch nicht das M26, sondern das M26 hat eine eigene Führung. Ich denke, es braucht neue Impulse. Denn der Leere Beutel ist sehr gefragt für Ausstellungen zu runden Künstlergeburtstagen; jeder will dort rein. Aber wir brauchen dort mehr junge Kunst und andere Formate.

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Trafen Sie mit der Umstrukturierung auf Widerstand?

Dersch: Veränderung ist für viele Menschen per se oft ein Problem. Deshalb will ich glasklar sagen: Der Leere Beutel wird nicht an Bedeutung verlieren, sondern im Gegenteil: Das Schiff Historisches Museum, das wirklich tief im Wasser hängt, wird schwimmfähig, wieder flott gemacht. Für die neue Leitung des Historischen Museums ist es ja auch viel richtiger und sinnvoller, sich auf das große Haus und die documente zu fokussieren, als zusätzlich eine zeitgenössische Galerie zu betreuen, die gut zum Profil des Kulturamts passt. Im Gegenzug dockt ja das Naturkundemuseum Ostbayern am Historischen Museum an.

Brauchen Sie wirklich noch ein großes Haus, in das keiner reingeht?

Dersch: Ich möchte das nicht so sagen. Viele, viele Kinder und Jugendliche waren und sind im Naturkundemuseum. Und gerade heute spielt ein Haus, das Themen wie Naturschutz oder Klimawandel verhandelt, ein wichtige Rolle. Das Naturkundemuseum wird ab Januar 2026 eine Abteilung der städtischen Museen. Der Stadt gehört das Gebäude, sie zahlt auch heute schon das Personal. Ich sehe es als unsere Aufgabe, das Haus jetzt professionell aufzusetzen und in die Zukunft zu führen.

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Auch da funktioniert es heute nicht mehr, einen Rentner an die Kasse zu setzen und zu denken: Das funzt dann schon.

Dersch: Stimmt absolut. Dr. Wouter Vahl ist ein hervorragender Museumsleiter, der das Haus öffnet, tolle Sonderausstellungen bietet. Er packt die Sachen an, hat klare Vorstellungen – und den Naturwissenschaftlichen Verein an seiner Seite, der das Haus über Jahrzehnte sehr verdienstvoll betrieben hat. Das hat viel Potenzial.

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Weg von den Baustellen, hin zu den schönen Dingen! Sie sind seit 2019 Kulturreferent, im Oktober 2025 steht Ihre potenzielle Wiederwahl an. Was haben Sie vor? Welche Ideen möchten Sie – vielleicht hier exklusiv – erzählen?

Dersch: Dass meine Arbeit hier noch lange nicht getan ist, ist klar. Natürlich gibt es viele Ideen. Ich stehe dazu, dass ich eine Konzert- und Kunsthalle für sinnvoll halte, für eine Stadt von 170 000 Menschen, die immer noch weiter wächst. Wir brauchen Orte, um Kultur zu entwickeln!

Am Neupfarrplatz womöglich, wo gerade mit der Galeria Kaufhof viel Fläche leer wird?

Dersch: Ich bin offen. Ich wäre dafür, eine Standortanalyse zu machen, so wie München für die Konzerthalle. Auch wenn unser Haushalt gerade wenig erlaubt: Diese Prozesse sind langwierig und gerade deshalb ist es wichtig, früh zu sondieren. Ostbayern ist das wert. Ich vergleiche es gern mit Fußball: Seit wir das Jahn-Stadion haben, ist Regensburg Anziehungspunkt für Sportbegeisterte – egal ob jung oder alt – aus ganz Ostbayern. Auch für die Kultur, die in der ersten Liga spielen will, brauchen wir so einen Ort.

Interview: Marianne Sperb

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