„Unangenehm, Leute wütend zu machen“: Regensburger Aktivistin verteidigt Flughafen-Blockaden

Von Philip Hell · 9. August 2024 um 10:00

Wer Ronja Künkler (25) dieser Tage eine E-Mail schreibt, bekommt eine bemerkenswerte Abwesenheitsnotiz. Wegen ihres Engagements gegen die Klimakrise sei sie derzeit nur eingeschränkt erreichbar, lässt die Sängerin und Aktivistin der Letzten Generation aus Regensburg ausrichten. Und in der Tat: Künkler ist derzeit sehr umtriebig. Vergangene Woche blockierte sie beispielsweise den Flughafen Leipzig/Halle. Im MZ-Interview spricht sie über die Aktionen.

Frau Künkler, wie fühlt es sich an, auf der Zufahrt zu einer Landebahn zu sitzen?

Ronja Künkler: Ich war in meinem Leben noch nicht so oft an Flughäfen. Es ist erschlagend, wie groß sie sind, wie überdimensioniert dieses Gelände ist. Es war überwältigend. Und man spürt, dass da normalerweise keine Menschen sitzen.

Was geht in einem vor, wenn man den Zaun kappt und dann auf dem Asphalt hockt?

Künkler: Ich war schon aufgeregt, wir wussten ja nicht, wie die Security und die Polizei reagieren. Außerdem war nicht klar, ob alles so klappt, wie wir uns das vorgestellt haben. Als ich irgendwann saß und wir alle klebten, überkam mich dann so eine gewisse Ruhe. Es ist ja kein Flugzeug mehr gestartet oder gelandet.

Früher habt ihr Straßen blockiert – nun Flughäfen. Ein weiterer Schritt Richtung Extreme. Warum tut ihr das?

Künkler: Ich finde die Flughafen-Blockaden nachvollziehbarer als die Straßenblockaden. Flughäfen sind ein Symbol der gegenwärtigen Ungerechtigkeit. Nur ein ganz kleiner Teil der Weltbevölkerung kann es sich überhaupt leisten, zu fliegen. Und trotzdem wird die Flugindustrie ohne Ende subventioniert. Gleichzeitig wird die Bahn kaputt gespart. Darüber hinaus haben wir ja nur den Frachtverkehr gestört und nicht Menschen, die am Morgen eh schon im Stress sind. Das finde ich moralisch sehr vertretbar.

Die Blockaden sind Teil einer internationalen Kampagne.

Künkler: Es ist etwas komplett Neues, dass wir uns international zusammen getan haben, um den zivilen Widerstand zu koordinieren: Daraus entsteht eine unfassbare Stärke.

Was fordern Sie?

Künkler: Gemeinsam mit 13Staaten, vor allem Länder des globalen Südens, pochen wir auf einen Fossil Fuel Treaty. Dieser Vertrag ist die Grundlage dafür, bis 2030 aus den Fossilen auszusteigen. Unsere Regierungen sollen sich zusammensetzen und den Vertrag ausarbeiten. Die Idee haben wir nicht aus der Luft gegriffen. Der Vertrag ist an der Wissenschaft orientiert, machbar und wird vom EU-Parlament und der WHO unterstützt.

Insbesondere in sozialen Medien werden Aktivisten wie Sie oft mit Morddrohungen überschüttet. Wie reagieren Sie darauf?

Künkler: Es macht mir natürlich schon ein bisschen Angst. Wir machen diese Proteste mit Namen und Gesicht. Das ist Teil unseres Konsenses. Wir verstecken uns nicht und reden mit der Presse. Wir zeigen Gesicht. Das birgt natürlich das Risiko, dass Leute wissen, wer man ist.

Werden Sie auf der Straße erkannt?

Künkler: Bislang eher wegen meiner Musik – zum Glück. Aber klar, andere Leute aus der Bewegung, die viel mit der Presse zu tun haben, die werden schon erkannt, aber es hält sich im Rahmen.

Verstehen Sie den Ärger vieler Menschen?

Künkler: Es ist natürlich unangenehm, Leute wütend zu machen. Und es ist natürlich völlig in Ordnung, wütend zu sein. Aber es ist eben nicht in Ordnung, zu Gewalt oder gar zum Mord aufzurufen.

Welche Konsequenzen haben die Flughafen-Blockaden für Sie ganz persönlich?

Künkler: Da ist zum einen die strafrechtliche Verfolgung. Es laufen Ermittlungen wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs. Außerdem wird uns derzeit noch gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr vorgeworfen. Das dürfte aber juristisch nicht zu halten sein. Wir halten einen Sicherheitsabstand zur Landebahn ein und haben sogar selbst den Notruf gewählt und die Behörden aufgefordert, den Flugverkehr zu stoppen. Am Ende müssen das Gerichte entscheiden.

Am Dienstag kam die Nachricht, dass sich die Letzte Generation Österreich in ihrer jetzigen Form aufgelöst hat. Hat Sie das überrascht? Ist das ein Aufgeben?

Künkler: Die Menschen, die nun sagen, dass sie den Protest nicht mehr als Letzte Generation führen möchten, werden in irgendeiner Art und Weise weitermachen. Viele von uns waren schon vor der Letzten Generation in anderen Gruppen, ich denke, es bringt nichts, emotional an einem Logo und einem Namen zu hängen. Das ist in meinen Augen zweitrangig. Es geht um die Sache.

Daran anknüpfend: Die Letzte Generation gibt es seit rund zwei Jahren. Hat sich das alles gelohnt?

Künkler: Ich glaube, es lohnt sich immer, zu protestieren, solange es friedlich und gewaltfrei bleibt. Wir müssen uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir das machen, weil es um unsere Lebensgrundlagen geht. Es geht darum, dass schon jetzt Menschen sterben oder vertrieben werden – wegen der Klimakatastrophe. Wir haben es auf jeden Fall geschafft, das Thema im Diskurs zu halten. Durch Corona und den Angriff auf die Ukraine geriet die Klimakrise ein wenig in Vergessenheit und hat auch noch nicht die Aufmerksamkeit, die sie braucht.

Sie machen also weiter?

Künkler: Auf jeden Fall.