Nach 70 Berufsjahren: Strohhalm-Gründer Josef Troidl schließt seine Physiotherapie-Praxis

Josef Troidl macht Schluss. Glauben können es viele seiner Patienten noch nicht, aber zum 1. September schließt der 84-Jährige seine Physiotherapie-Praxis in der Regensburger Isarstraße.
Wie viele Patienten mit Rückenleiden und anderen Beschwerden er mit seinem Team in den vergangenen 55 Jahren behandelt hat, kann er nicht sagen. „Es waren viele.“
Freiwillig hört er nicht auf. „Mir geht es gesundheitlich gut“, sagt er. Zwar habe er eine Herz-Operation gehabt, aber es liege nichts vor, was ihn zum Aufgeben zwingt. Es sind die fehlenden Mitarbeiter, die ihn nun zu diesem Schritt bewegen. Von den früheren 35 Angestellten an drei Standorten sind ihm heute noch in der verbleibenden Praxis drei Mitarbeiter geblieben. Zwei von ihnen gehen nun in Rente. Troidl hoffte, dass er für die Praxis eine Nachfolge findet, doch Fehlanzeige.
Weiterbildung mitgeprägt
„Für meine Patienten ist das schlimm“, sagt er. Die Versorgungssituation in Regensburg sei schwierig geworden. „Es müssten viel mehr Physiotherapeuten ausgebildet werden.“ Viele Jahre hat er sich auf Verbandsebene engagiert und die Aus- und Weiterbildung mitgeprägt. „Es gibt zwar viele, die die Ausbildung machen, aber dann studieren sie Medizin“, weiß er. Insgesamt hätten sich die Voraussetzungen für selbstständige Praxen verschlechtert. Die Kosten für die Energie würden explodieren und gleichzeitig seien die Sätze, die die Physiotherapeuten mit den Krankenkassen abrechnen dürfen, aus seiner Sicht zu niedrig. „Neulich habe ich einen Elektriker gebraucht“, erzählt er. „Ich muss zwei Stunden arbeiten, um ihn für eine Stunde zu bezahlen.“
Dass er seine Praxis samt aller Apparaturen abgeben will, hat er an verschiedenen Stellen inseriert, auch in der Zeitung. „Die Resonanz war null“, sagt er und muss nun schweren Herzens aufgeben. Ein Zahnarzt habe Interesse, die Räume zu übernehmen. Ein paar Patienten will er behalten und auch künftig behandeln, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. „Eine Patientin behandle ich schon seit mehr als 55 Jahren“, sagt er. Dass er keine Nachfolge finden kann, schmerzt ihn. Zudem treibt ihn die Sorge um, was er künftig mit der freien Zeit anfangen soll. „Ich habe ein Leben lang gearbeitet“, sagt er und hofft, dass er jüngeren Leuten vermitteln kann: „Wenn man hart und viel arbeitet, kann man etwas erreichen.“
Troidl hat ursprünglich Maurer gelernt. Die Bundeswehr ermöglichte ihm eine Ausbildung zum Krankenpfleger und Sanitäter. Später war er im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder tätig, wo er sich durch Wochenenddienst und Nachtarbeit die Kosten für die Ausbildung zum Masseur erarbeiten konnte. 1969 eröffnete er seine eigene Praxis, zu der später noch zwei weitere dazukamen. Zwei Schicksalsschläge, 1998 der tödliche Tauchunfall des Sohnes und 1999 der frühe Tod seiner Frau, führten zu Einschnitten.
Strohhalm gab ihm Kraft
Statt zu verzweifeln, stürzte er sich in Arbeit und gründete nebenher den Verein mit Begegnungsstätte Strohhalm für Obdachlose und einsame Senioren. „Der Strohhalm hat mir Kraft gegeben“, sagt Troidl. „Wenn ich dort war, habe ich gesehen: Den Leuten geht es noch schlechter als mir.“ Das war sein Antrieb. Seine Vorstandstätigkeit gab Troidl Ende 2022 auf und ist seither als Ehrenvorsitzender für den Strohhalm tätig.
Dass nun mit der Aufgabe der Praxis viele tagfüllende Aufgaben wegfallen, bereitet ihm Sorge. „Nichtstun passt nicht zu mir“, sagt er. Daher überlegt er schon jetzt, was seine neue Aufgabe sein könnte. „Mein Traum wäre, noch etwas für einsame Senioren zu machen.“