Nachgefragt bei Netto: Ist der intelligente Supermarkt schon wieder tot?

Ein US-Handelsriese wechselt seine Strategie und schafft kassenlose Supermärkte ab. Ein Experte erklärt, welche Folgen das für die Branche hierzulande hat. Auch die Oberpfälzer Discounter-Kette Netto betreibt eine intelligente Filiale mit modernster Technik in Regensburg – mit Erfolg?
Im Supermarkt einkaufen, ohne beim Bezahlen einem echten Menschen gegenüber zu treten? Bis vor einigen Jahren war das noch undenkbar. Mittlerweile sind Selbstbedienungskassen allgegenwärtig. Doch es steht schon die nächste Revolution vor der Tür. In einer Regensburger Netto-Filiale muss nicht mal mehr gescannt werden. Allerdings: Während das Oberpfälzer Unternehmen hier erst am Anfang steht, rudert ein US-Handelsriese beim Thema kassenlose Supermärkte schon wieder zurück. Ist die Technologie doch nicht die Zukunft des Einkaufens?
Nachgefragt bei Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Er gilt als renommiertester Experte in Deutschland für intelligente Supermärkte. Er hat eine klare Meinung: „Nein, das Konzept ist nicht tot.“
Amazon wechselt zu smarten Einkaufswagen
Bei dem US-Händler, der in der Technologie offenbar keine Zukunft sieht, handelt es sich um das auch hierzulande omnipräsente Amazon. Das Unternehmen sorgte 2018 für Aufsehen, weil es in den Vereinigten Staaten eigene Lebensmittel-Läden unter dem Namen „Amazon Go“ eröffnet hat. Das Besondere: Statt Schlange stehen kann man dort nach dem Einkaufen einfach den Shop verlassen. Sensoren und Kameras haben vorher bereits erfasst, was der Kunde sich aus den Regalen genommen hat. Der fällige Betrag wird dann über eine App abgebucht.
Neben den relativ kleinen „Go“-Shops, betreibt der US-Konzern auch größere Supermärkte: „Amazon Fresh“. Auch dort wurde das kassenlose Einkaufen getestet – offenbar mit mäßigem Erfolg, weshalb das Unternehmen nun die Strategie ändert. In den nordamerikanischen Supermärkten sollen stattdessen „smarte Einkaufswagen“ zum Einsatz kommen. Dabei scannen die Kunden selbst mit ihren Handys, was sie aus den Regalen nehmen. In der entsprechenden App gibt es zudem weitere Features, die das Einkaufen erleichtern sollen – beispielsweise kann man sich den Weg zu einem gewünschten Produkt anzeigen lassen. Der Einkaufswagen selbst ist unter anderem mit einer Obst- und Gemüsewaage ausgestattet.
Handels-Experte Stephan Rüschen: Konzept eher für kleiner Märkte
Der Technologiewechsel von Amazon müsse „nicht richtungsweisend für die Gesamtbranche sein“, sagt Handels-Experte Rüschen. Der Konzern sei schließlich kein relevanter Lebensmittelhändler. Rüschen zufolge ist das Erfassen des Einkaufs mit Kameras ohnehin eher für kleinere Märkte geeignet. 100-Quadratmeter-Läden ohne Personal und mit verlängerten Öffnungszeiten seien bereits heute verbreitete Realität in Polen. Das Unternehmen Zabka betreibt dort schon etwa 60 kassenlose Shops. Auch Amazon will die Technologie in seinen kleineren „Go“-Supermärkten offenbar beibehalten. In Deutschland wird kassenloses Einkaufen von diversen Händlern getestet. 16 entsprechende Märkte gibt es laut Rüschen hierzulande. Das einer der Akteure aber ein flächendeckendes Filialnetz aufbaut, sei „noch nicht erkennbar“.
Der Experte kennt auch die Regensburger Netto-Filiale in der Karl-Stieler-Straße. Im März habe er dem Markt einen Besuch abgestattet. „Die sogenannte Customer Journey wurde im Vergleich zum ersten Store in München weiterentwickelt“, sagt Rüschen. Nun entscheide man erst am Ende des Einkaufs, wie man bezahlen möchte. „Dies halte ich für sinnvoll.“
Wirklich „kassenlos“ ist die Filiale des Oberpfälzer Handelskonzerns deshalb nicht. Während des Einkaufens ordnet smarte Technologie in den Decken und Regalen die entnommenen Produkte den jeweiligen Kunden zu und erstellt virtuelle Warenkörbe in Echtzeit. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig. Persönliche Daten erfasse man nicht, heißt es von Netto. Deswegen spaziert der Kunde, sobald er gefunden hat, wonach er gesucht hat, auch nicht einfach aus der Filiale. An einem sogenannten „Fast-Exit-Terminal“ müssen die Produkte aber weder auf ein Kassenband gelegt noch gescannt werden. Das Display zeigt mit einem Klick den passenden Warenkorb. Dann kann – wie bei herkömmlichen Selbstbedienungskassen – einfach eine Bezahlmethode ausgewählt werden.
Netto nennt keine Zahlen zur Filiale in Regensburg
Sollte sich dennoch ein Fehler eingeschlichen haben, kann der Inhalt des Warenkorbs noch manuell geändert werden. Dazu, wie oft das vorkommt, schweigt Netto. Grundsätzlich sei die Genauigkeit der Systeme aber eine der größten Herausforderungen bei der Etablierung von solchen intelligenten Filialen, sagt Stephan Rüschen. Die Technologie müsse akkurat arbeiten. „Fehlerhafte Rechnungen sind für den Kunden ärgerlich“, so der Experte.
Außerdem müsse das Konzept profitabel sein. „Die zusätzlichen Kosten für Technologie müssen durch geringere Kosten“ – zum Beispiel Personalkosten − „und zusätzliche Umsätze erarbeitet werden“, sagt Rüschen. Ob die Netto-Filiale in Regensburg ein finanzieller Erfolg ist, ist unklar. Das Unternehmen aus Maxhütte-Haidhof (Lkr. Schwandorf) teilt auf Nachfrage nur mit, dass „sehr viele Kundinnen und Kunden“ die Chance nutzen, autonom einzukaufen. „Diese positive Nachfrage erfüllt unsere Erwartungen an unseren innovativen Filialstandort.“ Nähere Details, wie Investitionssummen, Umsatzzahlen, Informationen zum Stand der Technik oder zu weiteren Planungen werde man aber aus wettbewerbsrelevanten Gründen nicht kommunizieren. Ob das Unternehmen weitere solcher Filialen plant, bleibt also offen. Rüschen zufolge ist die Mehrheit der Kunden wahrscheinlich ohnehin noch nicht bereit dafür. „Solche tiefgreifende Technologie-Veränderungen benötigen Zeit, bis die Kunden dies akzeptieren.“ Der Personalmangel zwinge aber die Händler, nach alternativen Lösungen zu suchen, sagt der Experte.