Bruder Gerhard Hospiz in Schwandorf: Ein Ort der Besinnung für sterbende Menschen

Hummeln summen in der Sonne auf der bunten Blumenwiese, der Brunnen plätschert leise. Es ist friedlich im Bruder Gerhard Hospiz in Schwandorf. Seit einem halben Jahr werden hier Menschen, die keine Aussicht mehr auf Heilung haben und zu Hause nicht mehr versorgt werden können, in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens liebevoll umsorgt.
Würde bis zuletzt ist das Motto des Trägers, der Johanniter, und des gesamten multiprofessionellen Teams. 36 Gäste, wie sie hier genannt werden, waren es bisher. Die durchschnittliche Verweildauer lag bei 24 Tagen, das Alter zwischen 41 und 90 Jahren. Zehn Betten stehen im Hospiz zur Verfügung, jedes Zimmer hat Zugang zum Garten.
Ruth Maier (Name von der Redaktion geändert) ist seit vier Monaten hier. Zuvor lebte sie alleine, nun schreitet der Krebs immer weiter fort. Hin und wieder kommt ein Enkel, mehr Besuch möchte sie nicht. „Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein darf“, sagt sie. Ihr Leben lang hat sie viel gearbeitet, wie sie erzählt, und sie freut sich, dass sie sich hier mit gewohnten Dingen beschäftigen kann: leichten Gartentätigkeiten wie Gießen oder Erdbeeren und Gurken pflücken, die in Hochbeeten wachsen. Das gefällt ihr. Noch einmal kann sie sich nützlich machen – vor allem aber lenke es ab von den Ängsten. Wie wird das Sterben sein? Wann wird es soweit sein? Und: Was kommt danach?
Das beschäftige die alte Dame sehr, so wie die meisten Gäste, sagt Katharina Salbeck, die Leiterin des Hospizes. „Manche haben die Erwartung, dass es schnell zu Ende geht, sobald sie hier sind. Nicht immer ist es so.“ Wie fast alle dem Tode nahen Menschen im Hospiz sucht auch Ruth Maier oft das Gespräch mit dem Pflegepersonal. Und diese haben, im Gegensatz zu Altenheimen und Krankenhäusern, viel Zeit.
Vier Dimensionen des Gastes
Im Hospiz kann man den Tag so gestalten, wie man möchte. Feste Strukturen gibt es nicht. Denn Selbstbestimmung bis zuletzt ist eine weitere Devise. Der Gast darf zum Beispiel so lange schlafen wie er möchte, ohne dass das Frühstück einfach gebracht wird. „Das genießen alle“, erklärt die Leiterin. Essen kann man im Zimmer, aber auch überall im Haus, an jedem Tisch. Dann kommt man manchmal ins Gespräch mit anderen Gästen. Zurzeit seien gerade zwei Frauen hier, die das hin und wieder täten. Die meisten wollen aber für sich sein, sagt Salbeck. Sie möchten sich auf sich selbst besinnen.
In einigen Fällen dauerte es nur wenige Tage, in einem Fall sogar nur sechs Stunden, bis der Gast verstarb. „Dann kann man nur noch auf das Ende hinleiten und das Nötigste tun. Wir müssen in diesem Fall den Gast woanders abholen und mit ihm gehen, wo er sich gerade befindet“, so Salbeck. Besser für den Gast sei es, mehr Zeit im Hospiz zu verbringen. Um zum Beispiel in Ruhe die Fische im Aquarium zu betrachten, oder jetzt im Sommer den Garten. Und noch einmal Revue passieren zu lassen und zurückzuschauen auf das Leben, letzte Dinge klären.
Bereits beim Aufnahmegespräch wird das, was dem Gast wichtig ist, in vier Dimensionen erfasst: in psychischer, physischer, sozialer und spiritueller Hinsicht. Die Frage wird gestellt: Was benötigen Sie von uns, um sich so wohl wie möglich zu fühlen? „Die meisten sagen, sie möchten einfach Ruhe haben. Sie sind am Ende ihrer Kräfte. Alle spüren, wie weit sie sind.“ Nicht wenige, so berichtet Salbeck, hätten aber dennoch die Hoffnung im Hinterkopf, es könnte ihnen wieder bessergehen, ja sogar das Hospiz wieder zu verlassen. Alle aber wollen vieles vom Personal wissen: Was kann getan werden, um das Sterben zu erleichtern? Werde ich Schmerzen haben? „Wir besprechen alle Möglichkeiten, wie wir helfen können und erklären alles. Der wichtigste Satz zum Gast ist: Wir sind da für Sie, egal, was kommt.“
Auch für die Angehörigen, die sogar hier mit übernachten könnten, sei das eine große Hilfe. In Ruhe und ohne Zeitdruck dürfen sie sich später von dem Verstorbenen verabschieden, gerne kann dieser im „Raum der Stille“ aufgebahrt werden und die Familie kann hier zusammenkommen. Rituale wie diese, sagt Salbeck, seien für die Trauerbewältigung sehr wichtig. Eine Kerze vor einem Zimmer bedeute: Dieser Gast ist vor kurzem gestorben. Bis es soweit ist, tut das 18-köpfige Pflege- und Therapiepersonal aber für den Gast alles, was möglich ist. Sonderwünsche beim Essen etwa werden gerne erfüllt. Mitarbeiterin Marion Pröbster (46) aus Schwandorf ist eine der guten Feen im Hospiz. „Übers Essen kommt man ins Gespräch mit den Gästen. Sie öffnen sich“, sagt die gelernte Köchin, Bäckerin und Konditormeisterin mit dem fröhlichen Lächeln. Zuvor arbeitete sie als Chef de Patissier in einem Fünf Sterne-Hotel.
Lachen kommt nicht zu kurz
„Meine Freunde erklärten mich für komplett verrückt, als ich auf eine Stellenanzeige im Hospiz anfing zu arbeiten.“ Bereut habe sie diesen Schritt nie, ganz im Gegenteil. Es sei eine sehr erfüllende Aufgabe – und viel mehr als ein Beruf. „Als der erste Gast starb, hat mich das schon umgehauen“, gibt sie allerdings zu. Marion Pröbster hat für sich eine Methode gefunden, manches zu verarbeiten: „Mit dem Fahrrad mache ich auf dem Heimweg oft einen größeren oder kleineren Umweg, wenn mich was beschäftigt“, sagt sie. Man lerne hier, loszulassen, und man lerne das Leben mehr zu schätzen. „Man bekommt so viel zurück. Die Gäste bedanken und freuen sich, wenn man sich Zeit für sie nimmt, sich ans Bett setzt oder ihnen das gewünschte Gericht zubereitet. Das ist hier einmalig und das gibt mir Kraft.“ Personalprobleme, so sagt Salbeck, gebe es hier tatsächlich nicht. Auch Hauswirtschafterin Bianca Gebert, die zuvor in einer Pflegeeinrichtung arbeitete, habe nun ihre Traumarbeitsstelle gefunden. „Die Versorgung der Gäste ist hier würdevoll und respektvoll. Es müsste viel mehr solch kleine Einrichtungen geben.“
Von Marion Pröbster werden Wünsche wie Kaiserschmarrn oder auch einmal eine Geburtstagstorte jedes Mal meisterhaft wie zuvor im Fünf-Sterne-Hotel dekoriert und angerichtet, so wie eigentlich jedes Essen. Viele Gäste wären dann überwältigt von der liebevollen Zuwendung. „Ich fühle mich wie Prinzessin Sissi“, habe ein Gast kürzlich gesagt und herzlich gelacht. Denn das Lachen, so betonen alle, komme hier keineswegs zu kurz.


