Gemeinsam liest es sich besser – Auch in Regensburg gründen sich immer mehr Buchclubs

Von ihrem Ursprung haben sich Buchclubs schon lange entfernt. Im 19. Jahrhundert waren sie vor allem für die ideologische Festigung in politischen Lagern gedacht, später hat Talkshow-Legende Oprah Winfrey mit dem Format „Oprah’s Book Club“ ihre Karriere befeuert. Heute hat die Belletristik durch die chinesische App TikTok ein Comeback und das hat auch dem Buchclub ein Revival beschert – auch in Regensburg gründen sich immer mehr solche Gemeinschaften zum Besprechen von Literatur.
„Wir unterhalten uns vor allem über die Figuren und die Handlung der Romane. Wir analysieren die Sprache aber nicht wie im Deutschunterricht“, sagt eine Teilnehmerin. Die Regensburgerin hat vor etwa einem Jahr nach anderen Lesern auf der Internet-Plattform Reddit gesucht. Daraus ist ein Buchclub entstanden, der sich regelmäßig trifft. Die Literatur wurde durch die sozialen Medien vom Pflichtgefühl der Hausaufgabe befreit: Auf TikTok und Instagram wird in Jugendsprache über Literatur gesprochen. Nebenbei schminkt man sich oder weint in die Kamera. Besonders ein Buch verursacht viele Tränen: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Der Roman von 2015 erzählt aus dem Leben von Jude und seinen Freunden. Jude ist ein Anwalt in New York, gesundheitlich schwer angeschlagen. Er kämpft mit Traumata aus seiner schrecklichen Kindheit. Yanagiharas Buch behandelt die Frage, ob persönliches Glück nach grausamen Erlebnissen noch möglich ist. Es wird auf TikTok gefeiert. Tausende Videos, wie „Was ich gern gewusst hätte, bevor ich ,Ein wenig Leben‘ gelesen habe“ finden sich dort.
Nicht wie im Deutschunterricht: Das ist auch der Anspruch von „Regensburg liest“. Alle zwei Jahre veranstaltet der Verein einen Sommer lang ein Literaturfestival zu jeweils einem Roman.
Jeder hat hier etwas zu sagen
In diesem Jahr knöpfte man sich „Titos Brille“ von Adriana Altaras vor – der autobiografische Text beschäftigt sich mit Altaras‘ Familiengeschichte, die sie sich nach dem Tod ihrer Eltern aus deren Hausrat zusammensetzt. Und damit erzählt das Buch auch vom jüdischen Leben im Europa des 20. und des 21. Jahrhunderts.
„Wir wählen nicht immer das beste Buch aus, das wir gelesen haben, aber das richtige“, sagt Andrea Borowski, die von Anfang an bei „Regensburg liest“ dabei ist. „Es soll immer eine Geschichte oder ein Thema sein, zu dem jeder etwas zu sagen hat. Im Fall von ,Titos Brille‘ sind es die Geheimnisse, die in jeder Familie stecken.“ Die Stadt, das ist die Grundidee, soll gemeinschaftlich über ein Stück Literatur sprechen. Kein elitärer Diskurs, sondern Spaß. Keine feuilletonistische Abhandlung, sondern persönliche Eindrücke, die sich jeder auszusprechen traut. Das soll auch ein klassischer Buchclub leisten.
Das Medium Buch wird dabei auch zum Selbstzweck. Leute wollen wieder „mehr lesen und weniger auf Bildschirme schauen“. Was wie eine Anweisung vom Augenarzt klingt, kann als eine kulturelle Gegenbewegung verstanden werden – gegen die Kurzlebigkeit und schnelle Befriedigung von einminütigen Clips auf den sozialen Medien. Was auf Papier gedruckt ist, wird automatisch als nährstoffreichere Kost angesehen. Mona Lang, Lektorin beim Verlag Kiepenheuer & Witsch und Buch-Influencerin, empfiehlt ihren Anhängern auf Instagram Bücher: „Für euch alle, die ihr wieder zu Lesen anfangen wollt und nichts zu Ende lest“, schreibt sie und empfiehlt den Roman „Das Größere Wunder“ von dem österreichischen Autor Thomas Glavinic.
Die Gemeinschaft des Clubs
Aber es gibt auch Menschen, die sowieso viel lesen, denen es aber am Austausch fehlt. Ein Buchclub ist eine verbindliche Verabredung zu einem Gespräch, das man sonst nicht führen würde, weil niemand dieselben Bücher liest.
In dem jungen Club, der sich auf Reddit gegründet hat, lesen die Mitglieder vor allem romantische und fantastische Romane – die Genres, die auch auf den sozialen Medien besonders beliebt sind. „Wir kommen dann aber meist einfach ins Reden und unterhalten uns generell über Literatur“, sagt die Gründerin. Sie hat deshalb gezielt nach Gleichgesinnten gesucht. Die Runde trifft sich meist nach der Arbeit in einer Bar. „Das Gespräch dreht sich irgendwann um alles mögliche.“
Der regelmäßige Literaturtreff „Buch, Kaffee und mehr...“ in der Regensburger Stadtbibliothek Nord hat sich aus einem ähnlichen Gedanken heraus gegründet. Mit dem Angebot richtet sich Hermann Englmann von der Bibliothek gezielt an Senioren aus Regensburg. Englmann stellt den Raum in der Bibliothek zur Verfügung und kocht jeden Monat Kaffee und Tee, wenn die Senioren kommen. Es wird nicht, wie bei dem Reddit-Club ein Buch verabredet, über das beim nächsten Treffen alle diskutieren. „Ich will mir die Bücher, die ich lese, gern selbst aussuchen“, sagt Josef Bäuml.
Er ist dabei, seit der Treff im April gegründet wurde. Seine Frau Hannelore hat den Club gegründet. Zwischen vier und acht Senioren treffen sich in der Bibliothek, jeder stellt ein mitgebrachtes Buch vor, dann diskutiert die Runde. „Ich habe mal einen Roman mitgebracht, der in der Nachkriegszeit spielt. Da hat jeder aus seiner Familie erzählt, wie es damals war“, erzählt Gertraud Schrettl. Ihr habe der Club geholfen, erzählt sie, da sie vorher oft einsam gewesen sei: „Das beflügelt mich richtig, einmal im Monat unter Menschen zu sein und in den Austausch zu gehen. Wenn ich jetzt ein Wochenende allein bin, dann lese ich. Ich schwimme dann tagelang in dem Buch, das ich das nächste Mal vorstellen werde.“