Der Waidler: Bayern-Museum zeigt Menschen im Bayerischen Wald

Von Katharina Kellner · 30. Juli 2024 um 15:02

Der Mann mit wildem Bart und Haar und knittrigem Hut hat es zu einem Waidler-Original gebracht – und damit in die Reiseführer seiner Zeit. Eine Postkarte zeigt den „Schwammerl-Lusei von Zwiesel“ um 1920 mit zwei großen Körben voller Schwammerl, von deren Verkauf er im Sommer lebte und von denen er seinen Namen hatte.

Richard Loibl, Direktor des Bayern-Museums und selbst bekennender Waidler aus Hengersberg, hat recherchiert, dass es sich bei ihm um den 1853 geborenen Alois Schmitt handelte, der sich wegen einer unglücklichen Liebe in die Wildnis des Bayerischen Waldes zurückgezogen hatte.

Zu sehen ist der „Schwammerl-Lusei“ ab sofort und voraussichtlich bis Ende des Jahres in einer neuen Ausstellung im Regensburger Haus der Bayerischen Geschichte unter dem Titel „Menschen im bayerischen Wald 1900 bis 1950“.

Die Schau aus 50 teils großformatigen Reproduktionen von Postkarten und Fotos – viele davon in beeindruckender fotografischer Qualität – zeigen Szenen des Lebens in der Region, die sich ungefähr von Regensburg bis Passau und von der Donau bis zur tschechischen Grenze erstreckt. Sie ist im Museum denkbar prominent platziert: Auf dem Weg zu Garderobe und Toiletten kommt niemand an ihr vorbei.

Anonymer Sammler: 8000 Fotografien und Postkarten

Neben Porträts sind Ortsansichten zu sehen oder Fotos, die für die typischen Lebensverhältnisse in der Region stehen: Sie erzählen von Glas und Granit, vom späten Eisenbahnbau, zeigen meterhohen Schnee 1905 am Ortseingang von Finsterau oder die Trift von 1911, bei der man Baumstämme die Wolfsteiner Ohe nach Passau schwimmen ließ.

Die 50 Bilder sind Loibls persönliche Auswahl aus einer Sammlung von rund 8000 Fotografien und Postkarten, die das Haus der Bayerischen Geschichte einem Sammler abgekauft hat, der nicht genannt werden will. Der Kern der Sammlung gehe auf den 1891 in Tittling bei Passau geborenen Schriftsteller Max Peinkofer zurück, erzählt Loibl.

Dieser hatte 1924 die heimatkundliche Beilage „Heimatglocken“ der Passauer Donauzeitung begründet und war wegen einer NS-kritischen Kolumne von den Nazis eingesperrt worden. 80 Prozent der Sammlung seien bisher unveröffentlicht, sagt Loibl.

Bayerischer Wald: „Von Klischees überwuchert“

Wichtig sei ihm, mit einigen Klischees über den Bayerischen Wald aufzuräumen: „Kaum eine bayerische Region ist so von Klischees überwuchert“, sagt er – teils würden die Bewohner diese selbst glauben.

So gebe es nicht den einen Bayerischen Wald, sondern eine Region mit unterschiedlichen geografischen und klimatischen Bedingungen. Das Klischee von der „Notstandsregion“, das in den 1920er und 1930er Jahren entstand, sei nur partiell richtig: Als Beispiel nannte er die Gegend um Hauzenberg und Tittling, wo viele im Granitabbau arbeiteten.

Der sei unter anderem zurückgegangen, weil ab Mitte der 1920er Jahre die Straßen nicht mehr gepflastert, sondern asphaltiert wurden. Während höher gelegene Gegenden wegen geringer Fruchtperioden nicht von der Landwirtschaft leben konnten, seien andere Regionen wie die um die Stadt Regen sehr fruchtbar. Mancherorts florierte der Tourismus und es habe viermal so viele Jugendherbergen wie heute gegeben.

Auch mit einem hartnäckigen modischen Klischee räumt Loibl auf: „Kurze Lederhosen suchen Sie auf den Bildern vergeblich“ – diese haben keine Tradition in Niederbayern: „Die kurze Lederhose ist eine oberbayerische Gebirgstracht, die erst mit dem nationalsozialistischen Regime weiter ausgreift.“

Vilshofen: Der „Niklo“ mit Sonnenbrille

Getragen hätten sie die Angehörigen der höheren NS-Dienstgrade. Diesen Umstand habe sein eigener Vater in einer schmerzhaften Lektion gelernt, erzählt Loibl: Als er sie in der Nachkriegszeit bei Touristen sah, bat er seinen Vater – Loibls Großvater – um eine kurze Lederhose. Der wurde durch die Bitte seines Sohnes an die Nazis erinnert – und gab diesem eine „schallende Watschn“.

Und dann ist da noch der Nikolaus mit Sonnenbrille. Diese gibt Loibl Rätsel auf: Ein Blindenschutz könne es nicht sein – auf der Postkarte von 1948 liest der „Niklo“, wie er in Vilshofen genannt wird, aus einem Buch.

Ob er auf den „american way of life“ anspielt, wie er ihn von Army-Soldaten her kannte, bleibt eine Vermutung. Loibl hofft auf Hinweise von Besuchern. Wer einen solchen hat, kann ihn an poststelle@hdbg.bayern.de schicken.