Die Frau mit den tausend Gesichtern: Hommage an Ingeborg Bachmann

Von Barbara Reitter-Welter · 30. Juli 2024 um 13:00

Eine umfangreiche Bildergalerie mit Porträts empfängt Besucher der Ausstellung. Der Titel ist ein sphinxhaftes Zitat der österreichischen Schriftstellerin: „Ich bin es nicht. Ich bin’s.“

Eine Frau mit tausend Gesichtern: ernsthaft, verspielt, melancholisch, übermütig, nachdenklich. Immer mit neuer Frisur, oft mit Pony oder raspelkurz. Dazu modisch stets up to date, denn die bewusst gewählten Outfits wechselten von aufreizend zu mondän, von elegant zu extravagant. Eine umfangreiche Bildergalerie mit Porträts von Ingeborg Bachmann (1926-1973) aus den Jahren ab den 1950ern empfängt den Besucher der Schau im Literaturhaus. Unter dem sphinxhaften Zitat „Ich bin es nicht. Ich bin’s“ der österreichischen Schriftstellerin wird eine umfassende Hommage gezeigt.

Einige Bildnisse, stark vergrößert, führen zu fünf Kapiteln, die Bachmann als Privatperson, vor allem aber als Autorin lebendig werden lassen. Selbstbewusst bewegte sie sich in der Männer-Domäne der Gruppe 47 und hinterließ ein kleines, noch immer aktuelles Œuvre aus Lyrik, Hörspielen, Romanen und Essays. Nicht zu vergessen ihre Korrespondenz: Sie war befreundet mit Ilse Aichinger, Marie-Luise Kaschnitz und Hannah Arendt, mit Paul Celan, Hans Werner Henze, für dessen Opern sie Libretti verfasste, und mit Max Frisch, mit dem sie eine toxische Liebesbeziehung verband. Allen ihr nahen Menschen blieb sie auch über längere Trennung hinweg per Brief verbunden.

Lesen Sie mehr: Es flüstert und knallt: ein kompromissloser „Don Giovanni“

Unter den Schreiben ist eine recht selbstbewusste Antwort- an den damaligen Lektor im Salzburger Otto-Müller-Verlag, Hansjörg Graf, der einen Gedichtband von ihr abgelehnt hatte – und dessen Tochter Tanja Graf nun Leiterin des Literaturmuseums ist.

In der Ausstellung, die den ganzen Raum in das helle Licht von Bachmanns Lieblingsstadt Rom taucht, kann man viele Originalbriefe ihres engen literarischen Netzwerks finden – kaum ein Intellektueller dieser Jahre fehlt, selbst der spätere US-Außenminister Henry Kissinger ist dabei. Am spannendsten sind natürlich Bachmanns Manuskripte wie des ihres Gedichts „Böhmen liegt am Meer“ oder die Korrekturausgabe von „Malina“, versehen mit unzähligen Verbesserungen. Erstausgaben erinnern an Bachmanns Werke, seien es der Lyrikband „Die gestundete Zeit“ der Debütantin, Hörspiele wie „Der gute Gott von Manhattan“ oder „Die „Zikaden“, der Erzählband „Das dreißigste Jahr“ oder der späte Roman „Malina“. Dass sich die Schriftstellerin jahrelang mit einem Projekt über „Todesarten“ beschäftigte, wirkt makaber: Bachmann kam 1973 – abhängig von Alkohol und Tabletten – bei einem tragischen Brandunfall in ihrem Bett in Rom ums Leben.

Lesen Sie mehr: Ekstatischer Funk in Bügelfalten

Im Zentrum des langgestreckten Ausstellungsraums steht ein bescheidener Schreibtisch mit Bachmanns Schreibmaschine – daneben vier weitere, um interessierte Besucher zu eigenen Formulierungskünsten zu animieren. Schließlich hängen überall auf großen Stoffbahnen neben biografischen Informationen auch Textzitate, die ein Schlaglicht auf Bachmanns starke poetische Sprachkraft, auf ihre psychische Verfasstheit, ja ihre seelische Gefährdung und das Gefühl des Ausgeliefertseins werfen, das sie immer wieder überkam – außer bei der Arbeit, die für die Nachkriegsliteratur formal innovativ und inhaltlich radikal war.

Deutlich wird in der Schau auch ihre lebenslange kritische Einstellung gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur – ihr Vater war schon früh in die Partei eingetreten – und ihre feministische Position, die sich in Äußerungen manifestierte wie: „Ich bin niemands Frau... Ich will bestimmen, wer ich bin“ oder „Die Ehe ist eine unmögliche Institution“.

„Ich existiere nur, wenn ich schreibe“ war das Motto ihres aufregenden Lebens, das nach behüteter Kindheit in Klagenfurt, Studium samt Promotion über Martin Heidegger in Wien, Jahren in München, Zürich und Berlin geprägt war, bis sie sich in Rom niederließ. Früh wurde sie berühmt, wie ein Spiegel-Cover von 1954 beweist. Und sie entwickelte sich zu einer Mode-Ikone, was einige Stücke ihrer riesigen Garderobe veranschaulichen – darunter ein oranges Complet und ein schwarzes Abendkleid.

„Ingeborg Bachmann: Ich bin es nicht. Ich bin’s“ ist bis 24. November im Literaturhaus München zu sehen.