Helmut Andelt ist der Griffkünstler aus Klardorf-Stegen – Er vertreibt seine Produkte weltweit

Helmut Andelt hat die Passion seines Lebens zum Beruf gemacht. Der Mann hat früher Routen bis zum unteren zehnten Grad durchstiegen, und noch heute ist er zwei- bis dreimal pro Woche an steilen Felswänden unterwegs. Der Reiz der Vertikalen prägt auch seine Arbeit: Der 61-Jährige entwirft künstliche Griffe für Kletterhallen oder Spielplätze – und vertreibt sie von Schwandorf aus weltweit.
Gestartet hat Andelt das Geschäft im Fränkischen, wo er auch herstammt, wie der Dialekt unschwer verrät. Der Frankenjura mit seinen bizarren Felsnadeln und marmorglatten Wänden lag gleich vor der Haustür, und schließlich, im Alter von 18 oder 19 Jahren, zog es auch ihn nach draußen. Etwa 300 Erstbegehungen gehen auf sein Konto, erzählt er heute – und das bis zur Schwelle zum zehnten Grad. Normalsterbliche schauen sich solche Routen von unten an und wundern sich, wie sich die Schwerkraft überlisten lässt.
Ein nüchterner Zweckbau
Die Idee zu den Klettergriffen entstand spontan, als Helmut Andelt und seine Freunde eine Boulderwand fürs Training gebaut haben. Weil die Griffe sündteuer waren, „habe ich es mit dem Selbermachen ausprobiert“, erzählt der 61-Jährige. Und er ist dabei geblieben.
2006 wurde die Firma angemeldet, drei Jahre später machte sich Andelt selbstständig. 2012 ist er nach Schwandorf umgezogen, und das Geschäft zog mit. Seitdem residiert die Firma Move-it-Climbingholds in einem nüchternen Zweckbau im kleinen Gewerbegebiet von Klardorf-Stegen.
In einer Halle mit rund 300Quadratmetern stellt der Inhaber jährlich bis zu 25000Klettergriffe her – alles in Handarbeit, und nur ab und zu assistiert von seiner Frau. Das Geschäft läuft nach wie vor, auch wenn die Auftragsspitzen aus der Corona-Zeit heute nicht mehr ganz erreicht werden. „Ich kann gut davon leben“, sagt der Wahl-Schwandorfer.
Helmut Andelt hat sich in der Region mit einigen Kreationen verewigt. Die kleine Kletterwand am ehemaligen Jugendtreff in Krondorf hat er entworfen und gebaut, ebenso das Pendant in der Sandoase in Bruck. Und in der beliebten und gut frequentierten Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins in Regensburg „stammt eine Unmenge an Griffen von mir“, wie er erzählt.
Auf künstliche Klettergriffe hat er sich wegen des gestiegenen Auftragsvolumens inzwischen auch spezialisiert. Sie verschickt er praktisch an Abnehmer in der ganzen Welt – bis auf die USA und Australien, wegen der ausufernden Frachtkosten. Schwerpunkte sind Deutschland und Österreich, die Schweiz und Italien. Hier beliefert er zum allergrößten Teil gewerbliche Anbieter – vor allem Kletterhallen, aber auch Spezialisten für Spielgeräte oder Baumklettern.
Vom Shapen bis zum Guss
Aber was heißt schon Griffe. Im Online-Katalog von Move-it-Climbingholds gibt es sie in allen erdenklichen Farben und Ausformungen. Da kann man Crinkle Jugs und Sloper bestellen, schmale Leisten und große Henkelgriffe – und das von knalligem Pink bis hin zum grünstichigen Neon-Gelb der „Alien“-Serie. Immer wieder entwickelt Helmut Andelt auch Neues: kombinierbare Tufas zum Beispiel, die die spektakulären Sintersäulen aus der Natur für die Kletterhalle nachbilden. Oder die Serie von Kindergriffen, die er seit vergangenem Jahr unter dem Markennamen „Frutti di Mare“ vermarktet. Da können sich die Kleinen nicht einfach nur an schnöden Griffen hochhangeln, sondern an bunten Haien, Tintenfischen oder Seepferdchen.
Besonders stolz ist der 61-Jährige auf eine Kreation, die sich im Design und in der Haptik besonders am natürlichen Fels orientiert. Für die „Sandstone“-Kollektion hat Andelt Abgüsse von natürlichen Felsstrukturen genommen, und in der Tat fühlen sich die Griffe an wie irgendein Block von den Anhöhen am Spielberg. „Das hat in dieser Form sonst keiner auf der Welt“, sagt Andelt.
Das Grundrezept für die Herstellung bleibt immer gleich: Aus Blöcken von PU-Hartschaum, wie ihn ähnlich auch die Modellbauer verwenden, fertigt der Griff-Experte fast wie ein Bildhauer ein Modell, einen sogenannten Master. Nach diesem „Shapen“ (deutsch: Formen) wird das Urbild mit Silikon umkleidet, so dass eine Negativform entsteht, die am Ende mit Polyurethan-Harz ausgegossen werden kann.
Sämtliche Arbeitsschritte erledigt Andelt selbst und ohne angestellte Mitarbeiter – vom Entwurf bis zum Versand. Die genauen Farbabstufungen und Einzelmischungen sind Betriebsgeheimnis. Helmut Andelt hat sie sich selber beigebracht und in all den Jahren immer mehr verfeinert. Learning by doing hieß die Devise – fast so, als würde er eine neue Kletterroute ausprobieren.
Dass Sportklettern inzwischen olympisch ist und jetzt im August in Paris die entscheidenden Wettkämpfe anstehen, nimmt der 61-Jährige zur Kenntnis. Aber so richtig mitfiebern wird er wohl nicht, obwohl sich gleich zehn deutsche Sportlerinnen und Sportler qualifiziert haben. „Wettkampf-Klettern ist nicht so mein Ding“, sagt er nur.
Kletter-Heroen wie Chris Sharma oder Adam Ondra, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten die Schwierigkeitsgrade in schwindelerregende Höhen gepuscht haben, kennt er nicht vom Bildschirm oder aus Youtube-Videos. Er hat sie persönlich getroffen – draußen, am Fels.


