Kulinarische Stadtführung: Der 500 Jahre alte Drachenstich im Wandel der Zeit

Von Alexander Frimberger · 22. Juli 2024 um 11:00

Welche Geschichten und Anekdoten sich um das älteste Volksschauspiel Deutschlands ranken, erzählt ein kleines Schauspieler- und Musikerensemble bei der amüsanten Stadtführung: „Ritter, Drachen, Gaumenschmaus – Der Drachenstich im Wandel der Zeit“.

Bevor der Gaumenschmaus im Traditionsgasthaus Stangl zu sich genommen werden kann, steht den rund 30 Personen eine eineinhalbstündige Führung rund um den Schloss- und den Stadtplatz bevor.

Amüsante Geschichtsstunde

Die Geschichtsstunde in Sachen Drache und Festspiel lockt Interessierte in großer Zahl an. Alle angebotenen Führungen sind so gut wie ausgebucht, ist aus dem Kulturbüro zu hören. Auffällig ist, dass diesmal viele Further auf dem Spaziergang dabei sind. Das zeigt wieder, wie sehr die Bevölkerung mit ihrem Drachenstich verwurzelt ist.

Los geht es am Brunnen auf dem Schlossplatz. Nachdem Heinz Winklmüller als Stadtschreiber die Gäste begrüßt hat, zeigen Ritterin Steffi Decker und Ritter Christian Stauber, wie der Drachenstich in seinen Anfängen ausgesehen hat. Nur wenige Zeilen Text, ein schneller Schwerthieb und das Untier ist getötet. Überglücklich liegt sich das Paar in den Armen. Winklmüller erzählt von den Anfängen, der Besiedelung auf dem rund 418 Meter hoch gelegenen Schlossplatz auf dem schon vor Urzeiten ein „Luk ins Land“, also ein Beobachtungsposten existiert haben soll. Früh führten die Handelswege von Straubing und Nürnberg nach Osten durch Furth im Wald. Im Jahr 1332 feierte man Stadterhebung, 1450 wurde die Schlossanlage gebaut, die natürlich zu Beginn ein anderes Erscheinungsbild hatte So stand der Stadtturm zunächst nicht seitlich am Schlossplatz, sondern wesentlich zentraler. „Furth ist geprägt durch die Lage an der Grenze“, sagt der Stadtschreiber und die Ritterin ergänzt: „Die Geschichte von Furth ist mit Feuer und Blut geschrieben.“

Das Stück in seiner heutigen Form, das die Kreuzzüge gegen die Hussiten thematisiert, existiert erst seit 1952. Gespielt wird es freilich schon viel länger. Urkundliche Beweise gehen auf das Jahr 1590 zurück. Allerdings wurde laut Winkl-müller ein alter Stich aus dem Jahr 1520 gefunden, auf dem das Schauspiel zu sehen ist. „Damit sind wir bei den 500 Jahren, von denen wir immer reden“, so Winklmüller. In den Anfangsjahren war das Ritter- sein ein hartes Brot. Er musste sich um alles selbst kümmern, brauchte vier sogenannte Trabanten und vor allem jemanden, der sich als Drachen zur Verfügung stellte. Meist waren es Geschäftsleute und andere honorige Persönlichkeiten, die diese Aufgabe übernahmen und auch eine sittsame und jungfräuliche Ritterin präsentieren mussten.

Winklmüller erzählt amüsante Anekdoten, zum Beispiel vom beleidigten Drehbuchschreiber, dessen Festspielstück nicht genommen wurde und der dann über die Further und ihr Stück herzog. Dann platzt die alarmierte Prinzessin in die Runde und warnt lautstark vor einem Stadtbrand. Den hat es 1863 tatsächlich gegeben. Damals ist die Schlossanlage nahezu komplett verbrannt. Im Anschluss daran hat der Turm seinen jetzigen Standort bekommen.

Der Spaziergang geht weiter zum Pfarrhof. Winklmüller erzählt, dass der dortige Brunnen der einzige von ehemals elf Stadtbrunnen ist, der am historisch korrekten Platz steht und berichtet dann von einem Eklat, der letztlich dazu geführt hat, dass es das Stück in seiner heutigen Form überhaupt gibt. Einst war der Drachenstich Teil der Fronleichnamsprozession. Mehr und mehr wird das Stück zur deftigen und derben Volksbelustigung, die Bayern und Böhmen zusammen feiern. Die Rufe, das Stück zu verbieten, werden lauter. 1878 macht der Stadtpfarrer ernst und schloss den Drachentrupp aus. Doch die Further lassen sich ihren Spaß nicht verderben. Sie ziehen vor das Pfarrhaus. Fensterscheiben klirren. Letztlich werden beide Lager getrennt, der Drachenstich geht von da an eigene Wege, wandelt und wandelt sich.

Das Stück im Wandel der Zeit

Erfrischend abwechslungsreich machen die Stadtführung die schauspielerischen Leistungen, wenn beispielsweise Winklmüller als Drache getroffen zu Boden geht oder Annika Bosek und Korbinian Groß einer Szene mit mittelalterlichen Klängen Atmosphäre verleihen. Dazwischen gibt es Drachenblut und Drachentatzen und zur gemütlichen Nachlese geht es ins Gasthaus Stangerl, in dem natürlich Drachenfleisch serviert wird. „Das Festspiel konnte die Jahrhunderte überleben, weil es sich immer wieder dem Wandel der Zeit angepasst hat. So wurden wir auch zum immateriellen Kulturerbe“, sagt Heinz Winklmüller.

„Drachenblut ist für alles gut“: Na dann Prost.
Mittelalterliche Klänge lockern die Stadtführung auf.