Schwimmen und spenden für Lukas – Mutter kommt für ihren kranken Sohn zur Abschlussfeier

Von Renate Ahrens · 21. Juli 2024 um 19:00

Es war eine besondere Entlassfeier der Gregor von Scherr-Realschule am Freitag in Neunburg vorm Wald. Festlich gekleidet und strahlend zogen die Absolventen in die Stadthalle ein, unter den stolzen Blicken ihrer Eltern und Lehrer.

Auf einen neuen Lebensabschnitt freuen sich die Jugendlichen. Wie eine dunkle Wolke hing jedoch ein Schicksalsschlag, den ihr Schulkamerad Lukas Vogl aus Pertolzhofen im Oktober 2023 getroffen hatte, über der Veranstaltung. Während die Eltern miterleben durften, wie ihre Kinder Zeugnisse überreicht bekamen, war es für Lukas Mutter Alexandra Vogl ein schwerer Gang.

Lange habe sie überlegt und mit sich gerungen, ob sie diesen Weg gehen und zur Entlassfeier kommen solle, erzählt sie der Mittelbayerischen Zeitung am Rande des Festakts. „Ich tue es für Lukas“, sagt sie tapfer unter Tränen.

Das Leben der gesamten Familie Vogl hatte sich an diesem Tag im Oktober schlagartig auf den Kopf gestellt. Nach einem Asthmaanfall zu Hause mit Herzstillstand lag Lukas lange im künstlichen Koma und wird seitdem teilintensiv überwacht. Schwere Gehirnschäden trug er davon. Vor zweieinhalb Monaten, so berichtet seine Mutter, sei eine Besserung eingetreten, und die Hoffnung war groß. „Er konnte sogar ein Wort sagen: Mama“, erklärt Vogl – und die Erinnerung daran, die in ihren Augen kurz aufleuchtet, schwindet sofort wieder. Denn die Besserung war nur von kurzer Dauer.

250 Kilometer entfernt

Nach einer weiteren Operation sei es „rapide abwärts“ gegangen. Lukas brauche viele Schmerzmittel und müsse zeitweise sogar sediert werden. Heute kann der inzwischen 17-Jährige nur ein wenig den Kopf bewegen, sprechen kann er nicht. „Aber er versteht alles. Er lacht, wenn ich etwas Lustiges erzähle und er weint, wenn ich gehen muss.“

Letzteres sei besonders schwer, sagt die Mutter. Doch Lukas liegt in einer Spezialklinik in Vogtareuth, etwa 250 Kilometer entfernt. Zwei- bis dreimal in der Woche fährt Alexandra Vogl frühmorgens zu ihrem Sohn in die Klinik, spätabends kommt sie zurück.

Dabei arbeitet sie noch halbtags in der Zulassungsstelle in Oberviechtach. Die Familie ist auf den Verdienst angewiesen. Denn Vater Hubert Vogl (63) leidet an Demenz, die sich seit dem Vorfall mit Lukas verschlechterte. Arbeiten kann er nicht mehr. Und da ist auch Tom, der zwölfjähriger Bruder von Lukas. „Er kommt gerade immer zu kurz“, sagt die 54-Jährige traurig. „Ich funktioniere einfach.“ Ihre Cousine, die in Rente ist, wacht rund um die Uhr bei Lukas, sogar deren Ehemann ist inzwischen in die Nähe der Klinik gezogen. Auch die Ärzte würden alles tun für Lukas.

Eine Welle an Hilfsbereitschaft ist zudem zu spüren, von Freunden, Kollegen, Vereinen – selbst von Fremden und Firmen, die Hilfe anbieten und Geld sammeln, spenden und Aktionen veranstalten, um den nun dringend benötigten behindertengerechten Umbau des Hauses der Familie Vogl möglich zu machen. Das, so sagt die Mutter, gebe ihr immer wieder Mut und Hoffnung, die tragische Lage zu überstehen. „Ich bin sehr dankbar. Ich hätte doch nie gedacht, dass uns so etwas passiert“, sagt sie und fügt tapfer hinzu: „Wir geben nicht auf. Wir kämpfen, für Lukas.“

Nur einen einzigen Wunsch habe sie: „Das Wichtigste ist, dass wir Lukas heimbekommen.“ Zu Hause könne Lukas endlich auch wieder seine geliebten Tiere, Hund Bomber und Katze Bruno, sehen. Im Herbst könnte es soweit sein. Schnell muss also unter anderem eine Auffahrrampe zur Terrassentür an Lukas Zimmer errichtet, das Bad barrierefrei gestaltet und ein rollstuhlgerechtes Auto angeschafft werden. Firmen hätten bereits angeboten, einen Bagger kostenlos zur Verfügung zu stellen oder Schotter zu liefern, sagt Vogl gerührt. Es gebe zwar Zuschüsse für den Umbau, aber diese würden bei Weitem nicht ausreichen. Beim Verein 9.9 Schwarzachtal aus Altendorf, der Menschen unterstützt, die unverschuldet in Not geraten, laufen alle Fäden zusammen.

Klassenkasse geplündert

Auch die Gregor von Scherr-Schulfamilie hat sich vieles überlegt, um einen Beitrag zu leisten. „Laufen und Schwimmen für Lukas“ heißt eine Aktion, an die jeder teilnehmen könne, wie Konrektor Bernd Bischoff, der Lukas in der fünften Klasse unterrichtet hatte, erklärt: Man sucht sich einen Sponsor und schwimmt zu den Öffnungszeiten im Freibad Neunburg. Das Geld wirft man in die bereitstehende Kasse und trägt die Summe, den Sponsor und die geschwommen Bahnen in eine Liste ein. Lehrer gaben dafür bereits den Startschuss und schwammen selbst.

Lukas Klasse, die nun ehemalige 10a, plünderte für ihren Kameraden die Klassenkasse, und auch bei der Entlassfeier füllte sich eine Spendenbox. Die gesamte Schulfamilie belaste der tragische Vorfall sehr, sagte Elternbeiratsvorsitzender Maximilian Lang und sicherte weitere Unterstützung zu. Neben vielen guten Wünschen überreichte man Alexandra Vogl ein Geschenk für Lukas, über das sie sich sehr freute und das bestimmt ihrem Sohn ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird, wie sie der Mittelbayerischen versichert.

Eine Zeugnismappe erhielt Lukas ebenfalls, wenn auch ohne Abschlusszeugnis. Darin ist ein Brief, den Lukas wie jeder Schüler in der fünften Klasse an sich selbst geschrieben hat, mit Visionen und Plänen für die Zukunft. Nur Lukas weiß, was er sich gewünscht und vorgestellt hat.

Hier kann geholfen werden

Spenden: IBAN: DE76 7506 9171 0000 1127 71, Empfänger: Verein 9.9 Schwarzachtal e.V., Verwendungszweck: „Lukas“; bei Angabe einer E-Mail- oder Wohnadresse im Verwendungszweck wird eine Spendenquittung ausgestellt.

Mitgliedschaft: Die Beiträge der Mitglieder (9,09 oder aufgerundet 10Euro im Jahr) für den Verein 9.9 werden an ausgewählte Projekte gespendet; in diesem Jahr gehen die Beiträge an Lukas.

Schulaktionen: Schwimmen im Freibad Neunburg zu den Öffnungszeiten gegen Spende. Außerdem gibt es weitere Pläne, wie beim Burgadvent oder eine Müllsammelaktion.

Benefizveranstaltung: Am Sonntag, 22. September, ganztägig am Feststodl in Pertolzhofen

Kontakt: E-mail an verein9.9schwarzachtal@gmail.com oder online unter www.9punkt9.org

Sie gaben den Startschuss: Die Lehrer Michael Fleischmann, Carmen Winkler und Franziska Schöps (v. l.) schwammen gegen eine Spende. Foto: Franziska Schöps