Kein Extra-Kochen, weniger Jammern: So klappt’s mit der gesunden Ernährung bei Kindern

Von Katrin Böhm · 17. Juli 2024 um 15:00

Eigentlich wissen es alle Eltern: Ein Apfel ist besser als ein Schokoriegel, Brokkoli besser als Pommes. Wären da nur nicht die Kinder – die bei der einen Sache jubeln und bei der anderen das Essen verweigern. Ernährungsexpertin Kristina Schreiber weiß Rat für Eltern, die regelmäßig am Esstisch verzweifeln.

Gesunde Ernährung ist ein großes Thema. Wissen Eltern heute besser Bescheid als früher?

Kristina Schreiber: Das theoretische Wissen über Ernährung ist deutlich ausgeprägter, aber was weniger wird, ist die Alltagskompetenz. Das Versorgungs-Kochen, also günstig und gut satt zu werden, das geht leider verloren. Früher gab es viele Mehr-Generationen-Haushalte, da haben die Kinder das mitbekommen, so wurde es immer an die nächste Generation weitergegeben.

Stattdessen informieren sich viele Menschen online, springen dann auch bei Kinderernährung auf Trends auf.

Schreiber: Der Anspruch der Menschen, sich und die Kinder zu optimieren, verführt und macht Druck zugleich. Beim Essen geht es auch um Emotionen. Wir haben eine Ess-Geschichte, verbinden bestimmte Gerichte mit bestimmten, meist schönen Erfahrungen. Dieses Emotionale und auch die Intuition von Eltern werden weniger, weil wir so kopfgesteuert sind.

Zur Optimierung gehören für viele Menschen Nahrungsergänzungsmittel – auch für Kinder.

Schreiber: Kinder sollten Nahrungsergänzungsmittel nur gezielt und nur dann zu sich nehmen, wenn ein Mangel vorliegt. Zum Beispiel, wenn ein Kind eine Allergie hat und große Lebensmittelgruppen weglassen muss. Das muss aber mit dem Arzt geklärt werden. Manchmal macht es Sinn, zum Beispiel Vitamin D, Eisen oder Jod zuzugeben, aber nur nach Rücksprache. Ansonsten können sich Nahrungsergänzungsmittel im Körper anreichern. Bei Spurenelementen wie Zink oder Selen ist es sogar so, dass schon eine wirksame Dosis relativ nah an der toxischen Dosis dran ist.

Dass Zucker dem Körper schadet, ist bekannt – spätestens, seitdem eine potenzielle Zuckersteuer im Gespräch ist, setzen Hersteller auf Zero-Produkte. Eltern wiederum könnten dann zu dem Schluss kommen, dass Softdrinks für ihre Kinder kein Problem mehr sind, weil sie ja keinen Zucker enthalten.

Schreiber: Da wird das Unwissen bei den Verbrauchern ausgenutzt. Entweder enthalten die Produkte Süßstoffe, also synthetische Stoffe mit hoher Süßkraft, oder Zuckeraustauschstoffe, die Blähungen oder Durchfall auslösen können. Süßstoffe wie Aspartam können die Blut-Hirn-Schranke durchbrechen und gaukeln erst recht Heißhunger auf Süßes vor. Durch den extremen Süßgeschmack wird außerdem die Schwelle für das, was wir als süß empfinden, immer höher gesetzt. Das heißt: Wir wollen immer süßere Sachen. Außerdem können Phosphate in Softdrinks den Knochenaufbau hemmen. Ich sage immer: Bis zwölf Jahre sollten Kinder gar keine Softdrinks trinken, egal ob mit oder ohne Zucker.

Was ist mit Fruchtzucker?

Schreiber: Gerade bei Babynahrung wird häufig damit geworben, dass sie nur Fruchtsüße enthält. Diese ist aber in diesen Produkten so unnatürlich hoch konzentriert, dass es problematisch ist.

Ob mit oder ohne Zucker: Energydrinks sind bei vielen Kindern im Trend, darunter auch bei zunehmend jüngeren. Manchmal trinken schon Grundschüler Energydrinks.

Schreiber: Energydrinks sind vor allem wegen des hohen Koffeingehalts bedenklich, Kinder und Jugendliche sollten maximal drei Milligramm pro Kilo Körpergewicht täglich aufnehmen, wobei gerade Kinder unter zwölf Jahren schon bei geringerer Aufnahme mit gestörtem Schlaf-Wachrhythmus, Herzrasen, Aufmerksamkeitsdefiziten oder Stimmungsschwankungen reagieren können. Eine durchschnittliche 500-Milliliter-Dose enthält etwa 160 Milligramm Koffein, ältere Teenager konsumieren oft auch mehrere Dosen davon. Neben dem Koffein sind Zusatzstoffe und der hohe Gehalt an Zucker beziehungsweise Süßstoffen und/oder Zuckeraustauschstoffen ungünstig. Ich finde es erschreckend, wenn ich beobachte, wie eine Gruppe Schüler sich in der Mittagspause im Supermarkt mit Energydrinks und Chips als Verpflegung eindeckt.

Wenn es um die täglichen Mahlzeiten geht, klagen viele Eltern: Mein Kind isst kein Gemüse.

Schreiber: Zum einen ist Erziehung Vorbild. Erwachsene sollten sich hinterfragen: Esse ich Gemüse, weil es mir schmeckt und zeige das auch? Und dann ist es so, dass der Geschmackssinn eines Kindes mindestens 20 Mal braucht, bis er sagt: Das ist zumindest okay. Manche Kinder sind sogenannte Hypertaster. Sie sind besonders sensibel in der Geschmackswahrnehmung und nehmen Geschmäcker noch intensiver wahr. Auch die verschiedenen Konsistenzen, zum Beispiel bei einer Tomate, mögen manche Kinder nicht: Für die ist das extrem unangenehm, mit dem mehligen, glibbrigen und zugleich flüssigen Teilen umzugehen. Die Aversion gegen Bitterstoffe ist ein natürlicher Schutzmechanismus – und wandelt sich meist im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren.

Was sollte man tunlichst vermeiden, um eine gewisse Ablehnung von Gemüse nicht noch zu verstärken?

Schreiber: Gemüse sollte nie mit Druck verkauft werden. Mit größeren Kindern im Kindergartenalter kann man immer einen Probierlöffel vereinbaren und sie darauf hinweisen, dass der Geschmack oft viele Anläufe braucht. Viele Kinder essen gern Rohkost. Bei Kleinkindern, die Rohkost verweigern: einfach konsequent eine ganz kleine Menge auf den Teller legen, aber kein Thema draus machen, wenn es nicht gegessen wird, sondern einfach kommentarlos den Teller nehmen. Generell sollte man kleine Dinge machen, die aber konsequent durchhalten. Der Job von Eltern ist es, Vorbild zu sein und regelmäßig ausgewogene, kindgerechte Mahlzeiten anzubieten. Als Faustregel dafür gilt: ein halber Teller mit Brot, Nudeln oder Reis, eine Handvoll tierischer Produkte und eine Handvoll Gemüse, wenig Convenience-Food und als Getränke Wasser, Tee oder stark verdünnte Saftschorle. Wenn ein Kind nicht isst und später einen Snack möchte: konsequent bleiben und sagen, dass es gerade erst Mittagessen gab. Grundsätzlich gilt die Faustformel: Wenn ein Kind täglich zwei verschiedene Gemüse und zwei verschiedene Obstsorten isst, dann ist es okay.

Ist es irgendwann zu spät oder kann man auch Teenager noch zum Gemüseessen bringen?

Schreiber: Das geht definitiv. Die Kinder haben dann selbst oft schon einen Leidensdruck. Die sagen: Sie sind eingeladen und haben Angst, weil sie nicht wissen, was es zu essen gibt – und gehen dann vielleicht gar nicht erst hin. Da ist es mein Job als Ernährungstherapeutin, erst einmal den Druck rauszunehmen und zu schauen: Was ist machbar? Toleranzentwicklung ist aber immer möglich.

Der Wunsch aller Eltern dürfte es sein, dass alle zufrieden am Esstisch sitzen und sich gut gelaunt unterhalten. Die Realität sieht aber bei einem Gericht für alle oft anders aus – darum werden dann lieber drei verschiedene Sachen aufgetischt.

Schreiber: Das sollte man nicht machen. Kinder dürfen lernen, Vielfalt zu nutzen. Ich habe vier Kinder und plane die Mahlzeiten immer für die nächste Woche. Wer möchte, darf sich einbringen und sich etwas wünschen. Jeder wird berücksichtigt, alle haben die gleichen Rechte. Das bedeutet aber auch, dass die Kinder auch das essen müssen, was die anderen sich wünschen. Diese Gleichberechtigung macht sehr viel aus. Was mir auch ganz wichtig ist: Dass nichts Negatives über das Essen gesagt wird, dass es eine Wertschätzung dafür gibt.

Viele Eltern hoffen, dass Kinder später irgendwann selbst zum Gemüse greifen.

Schreiber: Von ganz allein geht es nicht. Manchmal ist es dann der Partner oder die Freundin, die es richten darf. Aber immer wieder gibt es Erwachsene, die sehr eingeschränkt essen, weil es von den Eltern so hingenommen wurde. Natürlich haben manche auch gewisse Grundeinstellungen und es ist wichtig, diese zu respektieren. So gibt es Menschen, die fahren in exotische Länder und probieren dort alles – aber auch die, die dort nur vom Kontinental-Buffet essen. Dahinter steckt eine gewisse Unsicherheit.

Auf Rohkost zum Abendbrot können sich relativ viele Kinder einlassen – manchmal hört man aber, dass das wegen der Verdauung problematisch sein könnte.

Schreiber: Das ist individuell sehr unterschiedlich. Prinzipiell ist der Magen jung und funktioniert gut, Kinder haben außerdem eine natürliche Vorliebe für Rohkost. Man sollte das Kind beobachten – wenn es Blähungen hat oder sich nachts stark herumwälzt, könnte es etwas mit der Rohkost zu tun haben.

Und jetzt noch eine ganz praktische Frage, die Eltern jeden Tag beschäftigt: Was gehört in die Pausenbrotbox?

Schreiber: Da machen sich Eltern vielleicht zu viele Gedanken. Die meisten Kinder finden es toll, wenn jeden Tag das selbe drin ist, das strukturiert und gibt Halt. Gut sind zum Beispiel ein Frischkäsebrot und Karotte, Gurke, Paprika oder Tomaten. Dazu im Sommer Beeren und ein Apfelschnitz. Manchmal gebe ich noch eine kleine Nussmischung dazu. Wenn Kinder besondere Wünsche haben, sollte man sie eine Liste machen lassen. Bei uns in der Familie gab es auch mal ein Pausenbrot-Buffet: Da durfte sich jeder die Brotbox selbst mit fertig geschnittenem Obst und Gemüse befüllen. Und was übrig blieb, war für die Erwachsenen – denen tut das nämlich auch gut.

Zum Hintergrund:

Die Expertin: Kristine Schreiber aus Holnstein ist studierte Diplom-Ökotrophologin und betreibt die Praxis „Essen mit Bauchgefühl“. Die Ernährungswissenschaftlerin berät zu Fragen rund um die Ernährung und unterstützt therapeutisch bei Ernährungsstörungen und -erkrankungen. Ihre Beratung betrachtet sie als „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Hilfe: Eltern, die Rat suchen, finden Informationen rund um Ernährung auch beim „Netzwerk Junge Eltern/Familien – Ernährung und Bewegung“ des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Neumarkt. Das Programm richtet sich laut AELF an Eltern mit Kindern bis zu sechs Jahren. Darin soll schon früh ein gesunder Lebensstil gefördert werden. Das Netzwerk will Kompetenzen in der Region bündeln und kooperiert dazu mit Organisationen, Einrichtungen und Expertinnen.

Kristina Schreiber ist Ernährungswissenschaftlerin. Foto: Daniel Snaider