Malade Schulter, Autounfall, kein Mechaniker, nervöser Magen − und trotzdem wird Steinberger Weltmeister

Von Thomas Mühlbauer · 16. Juli 2024 um 05:00

Es ist eigentlich nicht in Worte zu fassen, was der Körper von Rainer Steinberger in der vergangenen Woche geleistet hat. Will man es ein wenig in Zahlen ausdrücken bedeutet das: 3600 Kilometer Radfahren mit circa 31000 Höhenmetern, dabei nur circa 90 Minuten Schlaf auf 24 Stunden gerechnet – und das nonstop.

Und um noch dem ganzen die Krone aufzusetzen, schaffte Rainer Steinberger, der einer der erfolgreichsten Ultracycler in Europa ist, das in 149 Stunden und zehn Minuten (sechs Tage, fünf Stunden und zehn Minuten).

Den Lohn für diese Quälerei hat Rainer Steinberger drei Tage nach Zieleinlauf vor sich auf einem Tisch aufgereiht: den Pokal für den Weltmeistertitel im Ultracycling, den Pokal für den ersten Platz in der Altersklasse Männer bis 50 Jahre, den Pokal für den ersten Platz aller Teilnehmer und den Pokal für den ersten Platz bei den Männern gesamt.

Rainer Steinberger bestritt in der vergangenen Woche das wichtigste Rennen in seiner Saison, nahm er doch beim Race Around Poland teil, das als Weltmeisterschaft der Ultracycler ausgetragen wurde.

Im vergangenen Jahr noch Zweiter geworden, baute er schon lange im Vorfeld dafür sein Training neu auf und ließ nahezu keinen Stein auf dem anderen, denn das Ziel war klar – die Vorjahresplatzierung toppen.

Neuer Streckenrekord

Am Ende gelang dies in eindrucksvoller Art und Weise. Denn die 149 Stunden und zehn Minuten bedeuteten nicht nur den Weltmeistertitel, sondern auch die Pulverisierung des bisherigen Streckenrekordes. Noch nie in der Geschichte des Rennens, erreichte ein Teilnehmer so schnell den Ausgangspunkt Warschau wieder.

Selbst seine Zeit aus dem Jahre 2023 unterbot der Pösinger um fast 16 Stunden – und das allen Widrigkeiten zum Trotz, wie Rainer Steinberger erzählt.

Man könnte es fast als Witz einordnen, als Steinberger darüber informiert, dass er bis zwei Tage vor dem Rennen gar nicht wusste, ob er überhaupt starten kann.

Denn in einer der letzten lockeren Radfahrten vor dem Rennen, stürzte er bei einer Mountainbike-Runde schwer auf seine Schulter. Eine MRT-Untersuchung, die in den nächsten Tagen erfolgen soll, wird dann Gewissheit bringen, wie schwer die Schulter verletzt ist. „Ich konnte in den Tagen vor dem Rennen kaum schlafen“, berichtet Steinberger. Erst in der Nacht vor dem Rennen von Freitag auf Samstag wurde es etwas besser und es war wieder an einen geregelten Schlaf zu denken.

Der Mechaniker wird krank

Doch das sollte nicht das einzige Problem bleiben, denn auch sein Radmechaniker musste zwei Tage vor dem Rennen krankheitsbedingt seine Teilnahme absagen. Ganz kurzfristig konnte Steinberger mit Gerhard Aschenbrenner ein ehemaliges Crewmitglied für die Teilnahme gewinnen. Doch dass er ohne Radmechaniker an diesem Rennen teilnahm, wurde während des Rennens noch zum Problem, wie er sagt: „Ich musste alle meine drei Rennräder, die ich dabei hatte, hernehmen, weil wir ja die Verschleißteile am Rad nicht selbst reparieren konnten.“

Und mit den Problemen ging es noch weiter.

Denn während der Anfahrt nach Polen gab das Wohnmobil 270 Kilometer vor Warschau den Geist auf – Motorschaden. In kürzester Zeit und nur durch ganz viel Glück, konnte in der Hauptreisezeit in Polen noch vor Ort ein Wohnmobil organisiert werden. „Wir hätten sonst noch ein größeres Auto nehmen müssen, um die Sachen zu transportieren, das wäre ein riesen Problem geworden.“

Bis dahin trotzten das Team und Rainer Steinberger allen Widrigkeiten und es ging schließlich rein ins Rennen.

Magen samt Inhalt meldet sich zu Wort

Im Wettkampf wäre nach zehn Stunden ebenfalls beinahe Feierabend gewesen, denn beim Pösinger meldete sich der Magen – samt Inhalt – zu Wort. „Ich hatte so eine Situation in einem Rennen noch nie“, kann der Weltmeister im Nachgang über die Situation schon wieder schmunzelnd erzählen. „Doch lustig war das keinesfalls, denn es stand die Frage im Raum, was kann ich überhaupt jetzt essen, ohne es nicht wieder zu sehen?“

Steinberger, mittlerweile erfahren genug, tastete sich langsam wieder ans Essen ran und nach ein paar Stunden wieder alles normal zu sich nehmen. Trotzdem ging es nicht einfach weiter, denn das polnische Wetter tat das Übrige dazu, es regnete immer wieder – vor allem nachts – unaufhörlich, einhergehend mit starken Gewittern. „Ich hab mich mehrfach umziehen müssen, das war eine richtige Materialschlacht.“

90-Minuten-Schlaf

Doch Steinberger nahm sich diese Zeit und in diesem Jahr nahm er sich auch die Zeit in der Nacht für Schlafpausen. Meist in den Nachtstunden legte er sich 90 Minuten kurz schlafen und das auch schon in der ersten Nacht. „Wir wollten das Rennen von der Taktik ganz anders angehen als im letzten Jahr, und im Nachgang betrachtet, ist der Plan voll aufgegangen.“

Denn obwohl er – für Steinberger Verhältnisse – viel schlief, verlor er seinen österreichischen Kontrahenten nie aus den Augen.

Dass Steinberger lange Zeit auf dem zweiten Platz lag und nicht in einem polnischen Krankenhaus grenzt allerdings auch fast an ein Wunder. Und auch, wenn er von dieser kritischen Situation erzählt, kann der Oberpfälzer schon wieder schmunzeln.

Steinberger fuhr ungefähr bei Kilometer 800, als vor ihm ein Auto fuhr, das immer wieder Gas gab und dann abbremste. „Normalerweise überhole ich solche Autos, weil ich mich auf solche Spiele nicht einlasse.“ Doch aufgrund der noch zurückzulegenden Distanz von 2800 Kilometern entschied sich der Pösinger dagegen und blieb dahinter – im Nachgang betrachtet fast eine fatale Fehlentscheidung. Und so kam es fast zur Katastrophe. Denn in einer Ortschaft bremste der Autofahrer für Steinberger unvorhersehbar abrupt ab.

Bis sich der Ultracycler aus einer aerodynamischen Sitzposition aufgerichtet hatte und richtig zum bremsen kam, war es schon zu spät, denn er war dem Autofahrer ins Heck gekracht.

Lenker bei Unfall zerstört

Beim Versuch das Schlimmste abzuwenden, drehte er die Schulter in Richtung Auto und prellte sich so erneut seine bereits lädierte Schulter stark. „Ich konnte meinen linken Arm kaum mehr heben“, berichtet er von großen Schmerzen.

Der Lenker des Rades war ebenfalls hinüber, so musste das Ersatzrad herhalten. Doch Aufgeben war (noch) keine Option, so setzte er sich nach kurzer Zeit wieder aufs Rad und es ging weiter.

Nach Rücksprache mit einem Arzt in Deutschland empfahl dieser Schmerzpflaster und ein Schmerzmittel, das nicht auf der Dopingliste steht. Steinberger hatte beides im Gepäck. „Ich hatte knapp zwei Tage lang richtig Probleme, ich konnte meinen Arm kaum vom Lenker nehmen.“ Zudem führte das Schmerzmittel auch zu Müdigkeit. So hieß die Option eigentlich immer nur: Schmerzmittel einnehmen und sich hinlegen zum Ausruhen. Doch es wirkte und so konnte Steinberger seinen Arm nach zwei Tagen fast wieder voll belasten. Rückblickend sagt er zu jener Szene: „Ich hatte einfach ein riesiges Glück.“

Und trotz dieser Widrigkeiten blieb der Pösinger immer auf dem zweiten Platz in Tuchfühlung zum Österreicher Philipp Kaider. Und als dann auch der Österreicher immer mal wieder Pausen einlegen musste, fuhr Steinberger auf ihn auf und so wechselte die Führung immer wieder hin und her. An einer Baustelle, musste Steinberger fast 30 Minuten auf die Weiterfahrt warten, dabei schloss der Österreicher wieder zu ihm auf und beide konnten sich knapp 20 Minuten unterhalten. Anschließend ging es weiter auf der sehr anspruchsvollen Strecke. Ab dem Erreichen der Ostsee brach der Zweitplatzierte Philipp Kaider komplett ein und konnte das Tempo von Steinberger nicht mehr halten. Und da auch der zu jenem Zeitpunkt Drittplatzierte Ralph Diseviscourt bei Kilometer 2500 aufgrund schwerwiegender Nackenprobleme aufgeben musste, war klar: Wenn Steinberger die restlichen 1000 Kilometer noch ins Ziel bekommt, ist ihm der Weltmeistertitel nicht mehr zu nehmen. „Wir haben dann die Taktik umgestellt und uns am Österreicher Philipp Kaider orientiert“, beschreibt Steinberger die letzte Phase des Rennens. Denn der Vorsprung lag bei durchschnittlich 120 Kilometern was ungefähr vier Stunden Vorsprung entspricht.

Taktische Ruhepausen

Auf das Rennen umgemünzt hieß das Folgendes: Wenn das Team am Tracker sah, dass Kaider eine Schlafpause einlegt und ruht, ruhte auch Steinberger. „Wir haben bewusst das Tempo rausgenommen und sind kein Risiko mehr eingegangen beziehungsweise haben das Risiko nicht bis zum Letzten ausgereizt.“

Denn der Druck von hinten war weg und es war klar, dass es ein neuer Streckenrekord wird. „Für uns als Team zählte dann sicher ins Ziel kommen und den Weltmeistertitel mit nach Hause nehmen“, so der Oberpfälzer.

Der erfolgreiche Ultracycler erinnert in dem Zusammenhang die Schweizer Ultracyclerin Nicole Reist, die vor zwei Jahren den Sieg beim Race Across Amerika dicht vor den Augen hatte und 70 Kilometer vor dem Ziel so schwer stürzte, dass sie das Rennen aufgeben musste. Denn wer 3600 Kilometer lang am Stück am Rad sitzt und solchen Belastungen ausgesetzt ist, der läuft Gefahr schnell in unvorhergesehene Situationen zu kommen. „Der Kopf schaltet da einfach ab, du funktionierst einfach nur noch“, so Steinberger.

Und so war es für den Pösinger auch eine willkommene Abwechslung als in einer der langen Nächte ein Radfahrer extra auf ihn wartete, um ihn ein Stück des Weges zu begleiten. „Ich hab mir hier aber auch nur gedacht, Mensch, warum schläfst du denn nicht und fährst mit mir jetzt Rad?’“ Aber das, so der zweifache Familienvater sind Geschichten, die der Sport schreibt.

Jetzt wird geangelt

Und Geschichten, die der Sport und das Leben schreiben, erlebt Rainer Steinberger jetzt ab kommender Woche. Um abzuschalten und die Eindrücke noch einmal sacken zu lassen, fährt er nun für zweieinhalb Wochen mit seinem Sohn Leo nach Kanada, um zu campen und zu angeln. „Ich werde so mein Rad gegen die Angel tauschen“, sagt der Pösinger lachend.

Und zur Zukunft? Die Saison ist noch lange nicht zu Ende, denn im Herbst steht noch einmal ein Rennen auf dem Programm, ehe es in die Saisonpause geht, um die Ziele für 2025 abzustecken. Denn Steinberger hält es mit dem Weltmeistertitel nämlich so: Weltmeister ist man nur für ein Jahr – und die Ziele und Rennen gehen dem Pösinger nicht aus.

Und solange Rainer Steinberger so erfolgreich in dieser Sportart ist, wird er, wie er selbst sagt, das Rad noch lange nicht an den berühmten Nagel hängen.

Stärkung: ein Haferl zum Sonnenaufgang
Mit vier Trophäen kehrt der Pösinger heim.
Drei Rennräder hatte Steinberger dabei – zum Glück.