Verspäteter Auftakt der Schlossfestspiele mit weichgezeichneter Carmen

Von Claudia Böckel · 14. Juli 2024 um 17:13

Die Tempi dieser „Carmen“-Aufführung sind alle sehr gemäßigt. Manchmal möchte man anschieben, um ein wenig Schwung in die Partie zu bringen.

Regensburg. Zwischen Kisten mit Tabak und einer Reihe von Schreibtischen im Wachlokal eines Dragonerregiments spannt sich die „Carmen“ bei den Thurn & Taxis Festspielen im Schloss St. Emmeram in Regensburg auf. Die Gegenpole sind damit manifest: eine Frauenwelt der Tabakarbeiterinnen, untergeordnet natürlich, und eine scheinbar wohlgeordnete Männerwelt beim Militär. Dazwischen der Stierkampf als Anschauungsmodell einer anderen Männerwelt. Die Frauen dürfen bewundern, Offiziere und Toreros dürfen töten.

Wie ein Fiakerlied

In der Introduktion stecken schon alle diese Elemente, Marsch und Torerolied, Carmens Leitmotiv, mit dem charakteristischen übermäßigen Sekundschritt der Zigeunertonleiter. Spanisches Kolorit, geschaffen von einem französischen Komponisten, Georges Bizet, der in seine Oper aufnahm, was man im 19. Jahrhundert in Paris und anderswo für spanisch hielt. Und wie interpretiert man das mit den Solisten, dem Chor und dem Orchester der Janáček Oper des Nationaltheaters Brünn? Trotz all der Anweisungen des Komponisten, die immer wieder in der Partitur auftauchen – très rhythmé oder bien rhythmé – hat Dirigent Ondrej Olos doch eher weichgezeichnet. Besagte Introduktion klang denn auch eher wie ein Wiener Fiakerlied.

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Aber was soll‘s: Die Stimmung war gut, man hörte drei Stunden wohlvorbereitete Musik, konnte sehr guten Stimmen lauschen und sich an schönen Kleidern erfreuen – nachdem die Aufführung am Freitag wetterbedingt ausfiel. Eine Augenweide waren der Mädchenchor und vier Statisten der Regensburger Domspatzen, die sich in die Reihe der Tabakarbeiterinnen mit ihren Blumenkleidern fügten.

Die Jungs natürlich ahmten militärische Gebräuche nach und parodierten so einen echten Soldatenaufmarsch, wie er in einer Grand Opéra üblich gewesen wäre. „Carmen“ ist eine Opéra-comique, eine Form des Musiktheaters, in der sich wie beim deutschen Singspiel Musiknummern mit gesprochenen Texten abwechseln. Comique bedeutet dabei nicht komisch, sondern eher anrührend. Anrührende Momente gab es immer wieder an diesem Opernabend, mehr als mitreißende Momente. Sogar die Habanera, Carmens Paradestück, in dem sie über die Liebe als widerspenstigen Vogel, den man nicht zähmen könne, reflektiert, legte Jana Hrochová zurückhaltend und eher sanft an. Man ist es anders gewohnt.

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Mit ihrer erotischen Ausstrahlung, hier durch ein Lüpfen der Röcke dargestellt, verdreht sie dem tragischen Helden Don José (Peter Berger) den Kopf, bis dieser desertiert und zum Schluss zum Mörder wird. Die Tempi dieser Aufführung sind alle sehr gemäßigt. Manchmal möchte man anschieben, um ein wenig Schwung in die Partie zu bringen. Escamillos Couplet im zweiten Akt zeigt Roman Hozas schöne Stimme, der allerdings die Tiefe fehlt. Seiner gesungenen Darstellung des Stierkampfes wird hier noch ein Video mit der realen Kampfsituation hinzugefügt, eine gute Idee des Regisseurs Tomáš Pilar, der jeweils in den Finales die Chormassen gut zu bewegen versteht. Das Chanson von Don José war ein Höhepunkt der Veranstaltung: innig gesungen und romantisch. Zum ersten Mal gab es hier mehr als nur mäßigen Beifall als Szenenapplaus. Das Kartenterzett im dritten Akt fand innerhalb eines Steinkreises statt, Carmens Freundinnen, den Zigeunerinnen Mercédès und Frasquita verheißen die Karten Glück, Carmen aber den Tod. Jitka Klečanska und Andrea Sirokà sangen mit klaren Sopranstimmen, Carmen Jana Hrochovà hier ebenfalls sehr ausdrucksvoll. Schade, dass die Orchesterschläge kaum zusammen waren, was aber sicher der schwierigen Situation mit dem Orchester samt Dirigenten im Saal und den Sängern auf der Bühne geschuldet ist.

Gezierte Tanzbewegungen

Heimlicher Star war Micaela, Jana Srejma Kačírková, die innig und ausdrucksvoll den Herrn anrief, sie zu beschützen gegen die verfluchten Ränke Carmens. Mit raffiniertem Lichtdesign (Daniel Tesar) ließ man drei gotische Lanzettfenster auf den Bretterwänden erstehen. Da passte alles zusammen. Die Schlussszenen mit Toreador in Gelb und der Festgesellschaft in Rouge et Noir, die ein wenig gezierte Tanzbewegungen mit Fächern aufführten, dazu sevillanische Spitzhutträger, die etwas peinliche Armbewegungen – sollte es Choreografie sein? – ausführten: das war nicht ganz so geglückt. Aber das Ambiente und die Location trösten über vieles, was musikalisch auf der Strecke blieb, hinweg.