Regensburg wird mit Kultur überschwemmt: Das ist schön, birgt aber auch Gefahren für die Szene

Kann es in Regensburg zu viel kulturelles Angebot geben? Für die Veranstalter kann das vielseitige Angebot zu einem Problem werden – denn die Menge an Zuschauern wächst nicht unbedingt mit der Menge an Angeboten. Sie teilt sich bloß neu auf und davon profitieren nicht alle.
Das kulturelle Riesenwochenende in Regensburg, mit dem Sommernachtsball und der „Rocky Horror Show“ des Theaters, dem Jazzweekend der Stadt und dem Christopher Street Day ist gerade erst vorbei. Am selben Wochenende feierte die Kirchenmusikhochschule 150 Jahre Bestehen mit dem „Te Deum“ im Dom und in der Dreieinigkeitskirche war das „Elias“-Oratorium zu hören. Beides sind aufwendige Produktionen mit sehr vielen Beteiligten.
Aktuell haben die Schlossfestspiele begonnen, das Piazza-Festival findet Ende Juli statt. Im selben Zeitraum ist auch das Klangfarben-Festival angesetzt. Direkt darauf spielen Musiker beim Palazzo-Festival an 13 Abenden Konzerte. Andererseits finden die Matineen in der Minonitenkirche mit unter anderem dem Organisten Roman Perucki statt und es gibt noch viele weitere kleinere Konzerte in der Stadt.
Luxus für die Zuschauer
„Für die Zuschauerschaft ist das natürlich luxuriös“, sagt der Veranstalter, Kirchenmusiker und und Produzent Andreas Meixner. „Wir haben in Regensburg abgesehen von dem Theater und anderen großen Playern einen großen kulturellen Mittelbau und eine schöne Kleinkunstszene. Das ist eine bürgerliche Einrichtung der Stadtgesellschaft, die sollte man pflegen wie Bonsais.“
Was aber für die Zuschauer ein Segen ist, kann für Veranstalter zum Fluch werden. Denn die müssen mit mehr Angeboten um das Publikum kämpfen. „Die Zuschauer reagieren nur noch auf Highlights. Man muss auch die Maschinerie auf den sozialen Medien bedienen können, nicht nur Veranstaltungen planen. Da hat die Marketing-Krake Theater einen riesigen Vorteil, so präsent können die Kleinen gar nicht sein.“ Das Theater Regensburg hatte mit der „Rocky Horror Show“ und dem Sommernachtsball zwei Großereignisse am vergangenen Wochenende. Andrea Hoffmann, Sprecherin des Theaters Regensburg, glaubt allerdings, dass sich die verschiedenen Angebote in erster Linie ergänzt hätten. Trotzdem: „Wir besprechen uns mit dem Kulturreferat, um größere Überschneidungen zukünftig möglichst zu vermeiden“, sagt sie. Der Kulturreferent der Stadt Regensburg, Wolfgang Dersch, sagte auf Anfrage, dass er die Lage im Blick habe. „Deshalb nehmen wir hier auch immer wieder eine koordinierende Rolle ein.“ Das heißt, die Veranstalter melden Termine für ihre geplanten Veranstaltungen dem Kulturreferat, das versucht, diese zeitlich zu entzerren.
Unterschiede zwischen Klassik- und Popszene
Für Meixner, der klassische Konzerte organisiert, ist auch die altersbedingt schwindende Zuschauerschaft ein Problem. Bei Pop- und Rockkonzerten verbuchen dagegen Veranstalter wie Power Concerts sogar einen Anstieg der Besucherzahlen. „Der Sommer ist eben begrenzt und die Europameisterschaft in Deutschland hat den Zeitrahmen für die Veranstaltungen in diesem Jahr noch kleiner gemacht“, sagt Arthur Theisinger, Geschäftsführer von Power Concerts. Sein Piazza-Festival startet am 19. Juli – Die Schlossfestspiele laufen dann noch drei Tage. Darin sieht er aber kein Problem, obwohl der Anteil an Popkonzerten bei den Festspielen in den vergangenen Jahren gestiegen ist. „Der Preisunterschied für die Karten ist sehr groß. Ich glaube, dass die Zuschauer auch anhand dessen entscheiden, was sie sich lieber anschauen wollen.“
Unterschiedliche Zielgruppen
Den Eindruck hat auch Ludwig Söll, Prokurist bei Odeon Concerte, die unter anderem die Schlossfestspiele veranstalten. „Wenn parallel zu uns noch eine Open-Air-Oper stattfinden würde, wäre das ein Problem. Aber die Zuschauerschaft unterscheidet sich beim Piazza und bei uns sehr.“ Bei den Festspielen sind das Zuschauer, die bereit sind, bis zu 250 Euro für eine Karte zu zahlen. Und das sind nicht nur Regensburger: „Die Schlossfestspiele locken auch viele Gäste aus Nah und Fern“, so Kulturreferent Dersch. „Und das kollidiert sicherlich nicht mit einem sonntäglichen Besuch der Matineen in der Minoritenkirche, sondern ergänzt vielleicht sogar ein kulturelles Wochenende in Regensburg.“
Das Geschäft mit der Kultur hat sich in Regensburg dynamisiert. Der Wettbewerb der Aufmerksamkeit von Einheimischen und Touristen erfordert es, mehr Energie in die Werbung zu setzen, immer wieder neue Ideen zu haben. „Mittlerweile muss der Veranstalter selbst zum Star werden, um ein Konzert zu bewerben“, sagt Andreas Meixner. „Das kann nicht jeder. Man muss sich fragen: Bin ich sexy genug für den Zirkus?“