T. G. Copperfield über das neue Album „Steppenwolf“: Emotionen in der Musik sind wichtig

Mit seinem neuen Album „Steppenwolf“, das am 5. Juli erschienen ist, nimmt der Musiker T. G. Copperfield, bürgerlich Tilo Preißer, die Zuhörer auf eine tiefgehende musikalische Reise mit, die seine künstlerische Entwicklung widerspiegelt.
Bekannt für seine emotionale Authentizität und den Hang zur Perfektion in der Unvollkommenheit, spricht der Künstler im Interview über die Einflüsse und Erfahrungen, die sein Werk geprägt haben.
Spiegelt der Titel „Steppenwolf“ deine musikalische Reise und Entwicklung als Musiker wider?
T. G. Copperfield: Das ist eine gute Frage und daran habe ich selbst noch gar nicht gedacht. Man könnte aber tatsächlich an manchen Stellen meiner Solokarriere, die ja nun auch schon sieben Jahre andauert, sagen, dass der Steppenwolf in mir durchkommt. Aber eher in dem Sinne, dass ich künstlerisch immer versuche, meinen Weg zu gehen. Ob mit Band, komplett alleine oder mit Gastkünstlern – das mache ich immer vom jeweiligen Projekt oder Album abhängig. Man könnte also ein wenig meinen, ich streife einsam durch die Steppe. Allerdings muss man bedenken, dass der Wolf ein Rudeltier ist und ich immer im Team arbeite mit fantastischen Musikern. Das wäre alleine gar nicht möglich.
Das Album wurde in nur 15 Stunden komplett live und ohne Overdubs aufgenommen. Warum war dir das so wichtig?
Wer mich kennt, der weiß mittlerweile, dass mir Emotionen in der Musik besonders wichtig sind. Mir geht es nicht darum, ein möglichst perfektes Ergebnis abzuliefern, sondern ein möglichst menschliches. Die 15 Stunden kamen zustande, weil wir im Prinzip bei keinem der Songs mehr als drei Takes machen wollten. Meine Erfahrung ist, dass ab dem vierten Aufnahmeversuch irgendwas verloren geht. Die Musiker fangen viel zu viel zu denken an und Sachen, die bei den ersten Durchgängen noch etwas mehr Leben hatten, werden teilweise steril und das wollte ich nicht.
Ganz ursprünglich hatte ich die Idee, das Album komplett alleine im Stil von Bruce Springsteens Album „Nebraska“ aufzunehmen, aber als meine Band die Songs hörte, wollten sie unbedingt dabei sein und dann haben wir uns ein Studio gesucht, in dem wir das möglichst perfekt umsetzen konnten. Das heißt, wir brauchten einen Ort, wo wir alle miteinander komplett live spielen konnten und ich auch zeitgleich den Gesang einsingen konnte, während ich Akustikgitarre spiele. Diesen Ort fanden wir in der „Mühle der Freundschaft“ in Bad Iburg bei Osnabrück. Teil des Konzepts war auch, dass wir nicht zu viel geprobt haben vor dem Studio. Wir haben im Prinzip nur einmal die Arrangements festgelegt und den Rest dem Gefühl überlassen.
Wie war die Atmosphäre während der Aufnahmen? Gab es besondere Momente, die dir in Erinnerung geblieben sind?
Die Atmosphäre war schon durch das Studio absolut einmalig. Es befindet sich in einer 300 Jahre alten umgebauten Wassermühle. Kernstück ist der große Aufnahmeraum mit einer Deckenhöhe von vier Metern. Als wir dort ankamen, war uns gleich bewusst, dass wir hier einen ganz besonderen Vibe haben, der das Album sehr geprägt hat. Marcus Praed, der vielen bekannt ist von seiner Arbeit mit Tito & Tarantula, war ein hervorragender Gastgeber und wir konnten alle seiner Vintage-Instrumente, die teilweise aus den 60er Jahren stammen, dort nutzen. Vor allem für Hammond- und Rhodes-Sounds war das natürlich sehr cool. Besondere Momente entstanden dann vor allem beim Aufnehmen, wenn man plötzlich die ganze Band in dem Soundgewand hört und die Songs zum Leben erweckt werden. Da hatte ich teilweise schon eine richtige Gänsehaut, weil das einfach so toll war, das so zu hören im Moment der Aufnahme.
Kannst du mehr über den kreativen Prozess hinter „Steppenwolf„ erzählen?
Steppenwolf ist ein wenig beiläufig entstanden, als ich mein Vorgängeralbum „Out In The Desert“ fertiggestellt hatte. Da ich gerade im Flow war, Songs in dieser „Wüstenstimmung“ zu schreiben, habe ich einfach weitergemacht und plötzlich hat sich irgendwie ein gemeinsames Thema entwickelt: „innere Zerrissenheit“, das mich sehr stark an einen meiner Lieblingsromane von Hermann Hesse erinnert hat. Deshalb auch der Name „Steppenwolf“.
Ich produziere Alben immer ein wenig als Gesamtkunstwerk und da hilft ein solches Thema natürlich sehr. Auch das Artwork im Booklet ist sehr stark vom Roman geprägt. Eins meiner bisher schönsten und intensivsten Layouts, wofür ich meinem Grafiker Patrick unendlich dankbar bin. Künstlerisch nimmt also das Album den Charakter des Romans auseinander und ich finde es sehr interessant, dass dieses Buch ziemlich genau vor 100 Jahren geschrieben wurde, ebenfalls in den „Zwanziger Jahren“; einer Zeit, die damals auch von vielen gesellschaftlichen und technischen Umbrüchen gezeichnet war.
Wie unterscheidet sich „Steppenwolf“ von deinen vorherigen Alben in Bezug auf Sound und Stil?
Stilistisch bewege ich mich bei dem Album irgendwo zwischen Americana Musik und diesmal etwas mehr Folk. Die einfache Instrumentierung der Songs trägt dazu bei, dass die Scheibe sehr zeitlos klingt, stellenweise ein wenig wie „Harvest“ von Neil Young, das sicher eine Art Blaupause war, als es um die Umsetzung ging. Obwohl ich bei meinen Alben immer darauf achte, dass es möglichst organisch klingt, so ist es uns auf „Steppenwolf“ so ehrlich und authentisch wie noch nie gelungen, das Live-Element der Musik einzufangen. Wir haben kaum ein Metronom benutzt, fast keine Overdubs und die kleinen Unsauberkeiten wurden einfach drauf gelassen. Einer meiner ganz großen Helden J.J. Cale hat auch immer so aufgenommen und das wollte ich auch mal so durchziehen.
Welche Geschichten oder Erlebnisse stehen hinter den Texten von „Steppenwolf“?
Ich lehne mich an der Romanvorlage von Hermann Hesse an und beschreibe den inneren Kampf des Protagonisten, der sich einerseits in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft befindet, aber immer wieder versucht, auszubrechen. Eine psychologische Auseinandersetzung mit dem „Menschlichen“ und dem „Wölfischen“.
Gibt es einen Song auf dem Album, der dir besonders am Herzen liegt?
Auf „The Night Is Coming Down“ kann man sehr schön das Zusammenspiel der Musiker hören. Mit an Bord sind Michael „Air“ Hofmann, Claus Bächer und diesmal Alexander Schott (Schotti) am Bass. Der Track erschien auch im aktuellen Classic Rock Magazin, was immer eine große Ehre für uns ist. Irgendwie bringt der Song den Raum, in dem wir aufgenommen haben, sehr gut auf Tape.
Gibt es Pläne für eine Tournee oder Live-Auftritte zur Promotion des Albums?
Wir sind in nächster Zeit mit unserem Acoustic Trio unterwegs und werden auch am 25. Juli im L.A. Cham spielen. Das wird eine schöne Sache, weil ich meine Freunde aus Nashville (The Infamous Her) dort supporten werde. Der nächste Gig in der Nähe ist dann in Roding auf dem Reibn Fest am 3. August. Weitere Termine findet man immer auf www.tgcopperfield.com. Wir hatten Anfang des Jahres eine intensive Tour durch Tschechien, die sehr gut angenommen wurde von den Fans und das werden wir sicher auch mal wiederholen.
Was sollen die Leser noch wissen?
Mein Album „Steppenwolf“ hört man am besten am Stück. In einer Zeit, in der die Ablenkung an jeder Ecke lauert, hat es genau die richtige Länge, um sich mal eine halbe Stunde Auszeit zu nehmen und die Gedanken kreisen zu lassen. Dafür ist es bestens geeignet.