Kooperation mit Kirgistan: Landkreis will Arbeitskräfte für die Region gewinnen

Von Mittelbayerische Zeitung · 8. Juli 2024 um 11:00

Die Musikgruppe in der Schule 69 in Bishkek empfing die Delegation. Fotos: Isabella Bauer

2023 haben im Zuge eines Pilotprojektes 21 Jugendliche aus Kirgistan eine Ausbildung im Landkreis Cham begonnen. In diesem Jahr werden 40 bis 50 Auszubildende folgen, und zwar in den Branchen Hotel- und Gaststättenbereich, Industrie, Pflege und Handwerk.

Eine Chamer Delegation mit Vertretern aus Politik, Arbeitsverwaltung, Volkshochschule, Industrie- und Handelskammer sowie Handwerkskammer hat sich für vier Tage in das fast 5000 Kilometer Luftlinie entfernte Bishkek, der Hauptstadt von Kirgistan, begeben, um die Situation und die Ansprechpartner vor Ort persönlich kennenzulernenwie es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes heißt.

„Um die Arbeitskräfte, und damit den Wohlstand für unsere Region zu sichern, sind Kooperationen und Projekte wie diese unverzichtbar. Die Ausbildung von Jugendlichen aus Kirgistan stellt eine Möglichkeit neben vielen weiteren Maßnahmen dar, die langfristig weiterverfolgt und ausgebaut werden sollte.“ Mit diesem Statement werden die Eindrücke der Delegationsmitglieder am Ende zusammengefasst.

Markt wird internationaler

„Wenn wir in Bayern und auch im Landkreis Cham unseren bisherigen Wohlstand erhalten wollen, dann brauchen wir einen funktionierenden Arbeitsmarkt“, so Landrat Franz Löffler. Ziel der Chamer Delegation mit Landrat Franz Löffler, Dr. Georg Haber (Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz), Richard Brunner ( Geschäftsleiter der IHK in Cham), Siegfried Bäumler und Wolfgang Kürzinger von der Agentur für Arbeit, Winfried Ellwanger von der Volkshochschule in Cham und Isabella Bauer von der Wirtschaftsförderung des Landkreises, sei es gewesen, die Situation vor Ort, die Verlässlichkeit der Strukturen und die Partner vor Ort persönlich kennenzulernen.

Siegfried Bäumler, Leiter der Agentur für Arbeit Schwandorf, und Wolfgang Kürzinger, Leiter der Geschäftsstelle in Cham, ergänzen in ihrem Statement: „Die demographische Entwicklung, bei der wesentlich mehr Menschen in Rente gehen als ins Berufsleben einsteigen und die gute wirtschaftliche Entwicklung im Landkreis Cham, die allein in den vergangenen zehn Jahren einen Zuwachs von 10 000 Arbeitsplätzen mit sich gebracht hat, stellen eine große Herausforderung im Hinblick auf die Sicherung der zukünftigen Arbeitskräfte dar.“

Die beiden mitreisenden Kammervertreter Georg Haber und Richard Brunner sehen das genauso: „Wenn wir die Leistungsfähigkeit in Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistung sowie die Innovationsfähigkeit unserer Wirtschaft erhalten wollen, dann brauchen wir gesteuerte Zuwanderung auch im Bereich der Ausbildung.“ Dass der Arbeitsmarkt dabei immer internationaler wird und werden müsse, zeige ein Blick in die Statistik für den Landkreis Cham: Von rund 57 000 Beschäftigten seien 10 000 ausländische Beschäftigte.

Für die Unternehmen im Landkreis Cham sei es schon lange keine Seltenheit mehr, dass sich ihre Belegschaften aus den verschiedensten Nationen zusammensetzten. Ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland, auch außerhalb der EU, würde Betriebe oft nicht mehr funktionieren. Für die weitere Entwicklung der Region sei es entscheidend, dass die „internationale Ausgestaltung“ des Arbeitsmarktes selbst gestaltet und nicht dem Zufall überlassen werde. Ziel sei eine qualifizierte und gesteuerte Zuwanderung, die möglichst frühzeitig, etwa mit der Ausbildung, beginne und „zielgerecht auf Berufe und Unternehmen im Landkreis ausgerichtet“ sei, heißt es in der Pressemitteilung.

Sprache spielt große Rolle

Eine Möglichkeit von vielen sähen die Verantwortlichen in der Ausbildungskooperation mit Kirgistan. Kirgistan habe, obwohl es zur ehemaligen Sowjetrepublik gehört habe, eine hohe Affinität zu Deutschland, auch aufgrund vieler deutschstämmigen Menschen dort. In zahlreichen Schulen werde Deutsch ab der ersten Klasse als Hauptfach unterrichtet. Viele gut gebildete Jugendliche sähen aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit im eigenen Land ihre Chance im Ausland, und viele Länder bemühten sich bereits um diese möglichen Arbeitskräfte.

Ein weiteres Augenmerk der Reise nach Kirgistan habe auch der Aufgabe gegolten, sich als Region vorzustellen und sich im Wettbewerb mit anderen Regionen und Ländern zu profilieren.

Die Botschaft habe ein umfangreiches Programm organisiert, das mit dem Besuch der Schule 69 in Bishkek gestartet habe. Aus dieser Schule hätten bereits einige Schüler in Cham eine Ausbildung gemacht. Weitere Termine seien im Außenministerium gefolgt, wo die geopolitische Lage im Vordergrund gestanden. Auch mit der Bildungsministerin habe sich die Delegation getroffen, wobei es vor allem um die Deutsch-Ausbildung und die Vorbereitung in den Schulen gegangen sei.

Der stellvertretende Minister im Ministerium für Arbeit, Soziales und Migration habe die besondere Herausforderung der Arbeitsvermittlung bei viel zu wenigen Arbeitsstellen in seinem Heimatland dargestellt.

Weitere Gespräche habe es auf politischer Ebene mit dem stellvertretendem Vorsitzenden des Ministerkabinetts und mit Abgeordneten des kirgisischen Parlaments gegeben. Bei einem Besuch in der Industrie- und Handelskammer in Bishkek habe die duale berufliche Ausbildung im Mittelpunkt gestanden. Den Abschluss der Gespräche habe ein Besuch in der Residenz der deutschen Botschafterin in Kirgistan, Dr. Gabriela Guellil, dargestellt, die das Ausbildungsprojekt als „guten Beitrag für die Fachkräftesicherung in Deutschland“ bezeichnet habe.

Die Deutsch-Ausbildung war der Schwerpunkt bei Gesprächen mit der Bildungsministerin von Kirgistan.
Die geopolitische Lage stand im Mittelpunkt beim Gespräch mit dem stellvertretenden Minister im Außenministerium.
Auch die deutsche Botschafterin in Bishkek wurde besucht.