Geht Brauereien heimische Braugerste aus? Im Kreis Neumarkt sucht man Lösungen

Von Wolfgang Endlein · 4. Juli 2024 um 19:00

Bier ist ein Teil der Kultur Deutschlands. Doch eine zentrale Zutat schwächelt: die Braugerste. Der Klimawandel erschwert deren Anbau. Auf einem Feld nahe Lauterhofen (Landkreis Neumarkt) suchen Brauer, Landwirte und Saatzüchter nach Antworten auf die Herausforderung. Was für Folgen könnten die Probleme bei der Braugerste für Verbraucher haben?

Es sind harte Zeiten für die Braugerste. 2023 war ein „legendär schlechtes Erntejahr“, wie Theresia Addokwei vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten aus Regensburg auf dem Versuchsfeld erklärt. Die Behörde hat hierher Vertreter von Brauereien, Mälzereien, Saatgut-Firmen und Bauern-Vertreter eingeladen. Es gilt ein Problem anzugehen.

Das Wetter wird extremer. Das hat auch Landwirt Norbert Strobl beobachtet, dem die Versuchsfelder gehören. Wenn es regnet, dann heftig. Wenn es trocken ist, dann oftmals lang anhaltend. Zudem steigen die Temperaturen im Schnitt an. Mehr als ein Grad wärmer ist es hier in Hartenhof im Vergleich zum mittleren Schnitt der vergangenen Jahrzehnte, wie Addokwei erklärt. Die Folge: Die Gerste entwickelt sich nicht so, wie sie soll. Sie ist zudem anfälliger für Krankheiten.

Warum Gerste nicht gleich Braugerste ist

Damit Gerste zu Braugerste wird, muss sie jedoch gewisse Anforderungen beispielsweise beim Eiweißgehalt erfüllen. Zu viel Protein im Korn beeinflusst die Gärung, erschwert die Filtration oder das Bier flockt aus. Geschmack und die Stabilität des Schaums kann durch einen zu geringen Proteingehalt schlechter sein.

Bei Stichproben der vergangenen Ernte erfüllten nur 35 Prozent der beprobten Gerste die Anforderungen an Braugerste, berichtete das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt. Der niedrigste Anteil seit Jahren. Was nicht als Braugerste durchgeht, wird Futter, wofür es weniger Geld gibt.

Da ist es nur konsequent, dass noch etwas anderes weniger wird: die Anbaufläche für Braugerste. In der Oberpfalz sind es 4000 Hektar weniger als noch 2023. Im Landkreis Neumarkt als wichtigster Anbauregion in der Oberpfalz betrug das Minus 600 Hektar.

Neun Hektar Gerste hat Norbert Strobl. Noch. Ob er ohne den Auftrag für das Versuchsfeld weiter Braugerste anbauen würde? Strobl scheint selbst nicht ganz so sicher zu sein. Nach einem trockenen 2023 mit sehr schlechter Ernte, ist 2024 ein nasses Jahr mit Kälteperioden im Frühjahr. Strobl erwartet wieder keinen besonders guten Ertrag. Da kann man schon ins Grübeln kommen.

Für einen Liter Bier braucht es rund 200 Gramm Gerste

„Braugerste anzubauen, ist für Landwirte nicht mehr so attraktiv“, sagt Goswin Diepenseifen von der Neumarkter Gansbrauerei am Rande des Versuchsfelds. Die schlechte Ernte 2023 hätten die Brauereien und Mälzereien bei Qualität, Menge und nicht zuletzt den Preisen gespürt, berichtet der Geschäftsführer. Für einen Liter Bier braucht es immerhin circa 200 Gramm Braugerste.

Wenn von Braugerste gesprochen wird, ist damit in der Regel Sommergerste gemeint. Sie kommt im Spätwinter in den Boden und wird im Hochsommer geerntet. Daneben gibt es die Wintergerste, die der Landwirt im Frühherbst sät und im Frühsommer erntet. Sie ist ertragreicher und lässt sich ebenfalls als Braugerste einsetzen. Allerdings braucht es aufgrund ihrer etwas anderen Beschaffenheit andere Prozesse in der Bierherstellung, erklärt der Braumeister der Lammsbräu, Florian Schönwetter.

Das ist wohl auch der Grund weswegen die Brauereien bislang traditionell auf die Sommergerste setzen und sehr zurückhaltend bei der Wintergerste sind, wie Walter König von der Braugersten-Gemeinschaft sagt. Die Lammsbräu will sich jedoch bald an das Thema Wintergerste heranwagen, sagt deren Braumeister. Und auch Goswin Diepenseifen erklärt: „Wir sind offen, das auszuprobieren“.

Das müsse es auch, wenn man dem Verbraucher regional gebrautes Bier mit regional produzierter Braugerste verkaufen wolle, sagt Walter König. Um die Produktion von Braugerste hierzulande zu sichern, soll der Anbau breiter aufstellt werden. Angepasst an die regionalen Gegebenheiten bei Boden und Wetter sollen Landwirte zu unterschiedlichen Zeiten aussäen und verschiedene Sorten nutzen.

Ändert sich mit mehr Wintergerste etwas am Geschmack des Bieres?

Wenn eine Aussaat einen Tiefschlag etwa durch Frost oder eine Trockenheit erleidet, kann dies durch andere, zeitlich versetzte Varianten ausgeglichen werden, so die Idee.

Sommergerste wird beispielsweise zunehmend im Spätherbst statt im Spätwinter in den Boden gebracht. Das hat Vorteile, weil sie früher reif ist und damit einer möglichen Trockenheit im Frühsommer entgeht. Damit geht aber das Risiko einher, dass es trotz zunehmend milder Winter doch Frost gibt. Es kommt daher auch auf die Sortenwahl an.

Was aber bedeutet das alles für den Verbraucher? „Er wird davon nichts schmecken“, sagt Florian Schönwetter mit Blick auf den Einsatz von Wintergerste beim Brauen. Neue Sorten gäben das her. Nur die Prozesse bei der Herstellung müssten Brauereien anpassen – wenn sie regionale Gerste verwenden und nicht aus dem Ausland zukaufen wollen.

Die Lammsbräu setzt mit einer Erzeugergemeinschaft seit Langem auf Regionalität. Und auch die Gansbrauerei lässt laut Diepenseifen ihre Braugerste teils von Landwirten in der Region anbauen.

Alles in allem ist das mit Mehraufwand verbunden – und auch mit mehr Kosten für den Biertrinker? Gansbräu-Geschäftsführer Goswin Diepenseifen lässt die Augenbrauen nach oben schnellen. Was so viel heißt wie: Auf lange Sicht und nicht nur wegen der Braugerste wird das beim Bier wohl nicht zu vermeiden sein.

Braugerste wiegt sich auf einem Versuchsfeld nahe Hartenhof (Gemeinde Lauterhofen) im Wind. Foto: Endlein