Der 30. Juni 1974 war ein besonderer Tag: Tieflader der Firma Bögl brachte den neuen Drachen

Von Alfred Wutz · 29. Juni 2024 um 05:00

Der 30. Juni 1974 war für Furth im Wald ein besonderer Tag. Vor 50 Jahren kam nämlich hier der Hauptdarsteller des Further Drachenstichs an. Auf einem Tieflader wurde der damals nagelneue Further Drache in die Stadt gefahren. Hunderte Menschen standen an den Straßenrändern, um das Ungetüm zu sehen.

Die „Drachen-Reise“ wurde 1974 mit einem Tieflader des Neumarkter Unternehmens Bögl realisiert und nahm diese Route: Von Mühlhausen (bei Neumarkt/Oberpfalz) über Pilsach und Lauterhofen, Amberg, Schwandorf, Bruck, Roding, Cham, Miltach, Kötzting und Grafenwiesen nach Furth im Wald.

Über die Kötztinger Straße kam der Schwertransport in die Stadt – nicht über die seinerzeit noch nicht ausgebaute Bundesstraße 20. Das überdimensionale Gefährt – so wurde damals gesagt – hätte wegen seiner Größe nicht durch die Arnschwanger Bahnunterführung gepasst. So wurde also aus diesem ersten Drachentransport schon damals ein Spektakel.

Brotzeitkorb im Maul

In den Zeitungen war die Aktion angekündigt worden, der genau ausgetüftelte Transportweg war bekanntgemacht worden, und so standen auch unterwegs enorm viele Neugierige an den Straßenrändern. Unterwegs gab es auch einige Aktionen, wie etwa die Überreichung eines „Brotzeit-Korbes“ an das Untier, welcher dem Drachen in Form von Würsten, Brot und Bier ins riesige Maul gelegt wurde.

In Furth im Wald angekommen fuhr der Schwertransport zur Adam-Wild-Straße, wo es beim damaligen Großmarkt (heute LGM) eine passende Rampe zum Entladen gab. Doch so einfach wie gedacht, ging es dann doch nicht. Zuerst musste der Schwanz des Drachen abmontiert werden, dann brauchte es zwei Unimogs, um eine Laufschiene des Tiefladers herauszuziehen – und dann erst konnte entladen werden.

Hunderte von Menschen umringten das Geschehen, als der Drache vom Schwertransport auf die Straße rollte. Anschließend fuhr er aus eigener Kraft durch die Stadt zur Festhalle. Der Further Spielmannszug „Grenzfähnlein“ marschierte mit klingendem Spiel voraus. Auf der Festwiese übergab Firmeninhaber Konrad Fischer an Vizebürgermeister Max Schmatz einen Schlüssel, mit dem die Technik des Drachen eingeschaltet werden konnte.

Genau genommen war das Untier zum Zeitpunkt der Übergabe nicht ganz komplett. Weil das Unternehmen Fischer wenig Platz auf seinem Firmengelände hatte, wurde die Überführung vorgenommen. Der Bildhauer Heinz Wildau (Konzell) hatte die äußere Form des Drachen noch nicht einmal fertiggestellt.

Diese Hülle, bestehend aus angeblich „selbstlöschendem Kunststoff und Styropor“, wurde dann innerhalb eines Verschlages in der Festhalle komplett gemacht, Besichtigungen des neuen Drachen waren in den nächsten Tagen noch nicht möglich. Am künstlerischen Entwurf hatte übrigens auch der Further Kunstmaler Hans Dimpfl mitgearbeitet. Die Firma Pyrhos hatte die Konstruktionsberechnungen und –vorarbeiten ausgeführt. Fertiggestellt war freilich die Technik des 19 Meter langen, vier Meter breiten und 3,5 Meter hohen Drachen. Er ruhte und fuhr auf einem Steinbock-Gabelstapler, beweglich war er dank der Funktion eines Hydrauliksystems.

Vier Mann zur Bedienung

Dank einer 120-Watt-Lautsprecheranlage konnte er brüllen, zwei kleine Fernsehkameras übertrugen das Bild der Umgebung auf Monitore im Inneren. Dort bedienten zunächst drei Mann das Ungetüm, die Drachen-Mannschaft wurde aber schon nach wenigen Tagen auf vier Personen aufgestockt, denn auch ein Funker, der das Untier außen begleitete und beobachtete, wurde zur Steuerung benötigt. Sepp Muck, Helmut Hörmann, Karl Beck und Klaus Schuhmann waren das Team der ersten Stunde. Sobald der Drache dann fertiggestellt war, begannen damit in Furth im Wald die Proben, denn der Drachenstich stand ja unmittelbar bevor.

„Ritter Udo“ stach dann am 10. August 1974 erstmals den neuen Drachen auf dem Further Stadtplatz. Zum Zeitpunkt des Festspiels sah es nach einem Unwetter aus, doch der Regen setzte erst nach Ende der Premiere ein, sodass das Ritterpaar Alois Hofer und Frieda Frischmann trockenen Fußes zum „Hofrecht“ gelangte.

Der bisherige Drache stand übrigens noch in Bereitschaft, falls denn die neue Technik nicht funktioniert hätte. Seit dem Jahr 1947 hatte dieses Untier seinen Dienst getan, das Schmiedemeister Jakob Hofmann sen. auf dem Fahrgestell eines alten Militärwagens aufgebaut hatte. Bis zu fünf Männer – meist aus den Reihen der Further Bergwacht-Bereitschaft – saßen im Bau dieses Drachen und führten alle Funktion mit Muskelkraft aus.

Der alte Drache wurde nach einiger Zeit zerlegt und abgewrackt. Einen letzten Einsatz hatte er noch in der Drachenstich-Woche 1974, als er auf dem Further Stadtplatz neben seinem Nachfolger zur Besichtigung aufgestellt wurde.

Lediglich Hals und Kopf dieses ersten Nachkriegsdrachen sind heute noch erhalten: Das Schaustück befindet sich in der Drachenhöhle und erschreckt (wenn der Bewegungsmelder an ist) die Besucher mit einem überraschenden Grollen.

Ein Tieflader der Firma Bögl brachte die ungewöhnliche Fracht in die Grenzstadt.
Jeder wollte den neuen Drachen sehen.
Der neue Drache war der Star, der alte stand vorsichtshalber als Ersatz bereit.
Auf dem Weg hatten einige Further dem Drachen eine Brotzeit in sein mächtiges Maul gelegt.
Ein historisches Ereignis spielte sich vor 50 Jahren in Furth im Wald ab.
Ein echter Koloss: 9 Meter lang, vier Meter breit und 3,5 Meter hoch
Niemand wollte das Ereignis verpassen.
Eine Riesenmenge an Schaulustigen verfolgte den Weg des Drachen.