Publikum trotzt dem Regen: Paul Kalkbrenner bringt den Dultplatz zum Beben

Ein Weltstar in Regensburg: Star-DJ Paul Kalkbrenner hat am Freitagabend auf dem Dultplatz gespielt. 13.000 Menschen feierten mit dem Elektro-Star. Die MZ hat sich unter die Besucher gemischt.
Steht man am Freitagabend um kurz vor 17.30Uhr am Dultplatz in Regensburg, kann man viel darüber lernen, wie Menschen auf die Welt blicken. Die einen – nennen wir sie mal Pessimisten – haben sich in Regenjacken wasserdicht verpackt, um Paul Kalkbrenner zu sehen. Die anderen kommen mit T-Shirt und kurzer Hose.
Daragh Tavey gehört zu letzteren. In einem stilisierten Deutschland-Trikot, beflockt mit Kalkbrenner und einer 10, lehnt er an einem Wellenbrecher, auf dem er zwei Bier abgestellt hat. Tavey ist eigens aus Irland gekommen, erzählt er auf Englisch und schiebt nach, dass man es sagen solle, wenn er zu schnell rede. Kalkbrenner sei sein liebster DJ. Er habe ihn auf Festivals rund um den Planeten gesehen – beispielsweise beim Tomorrowland. Da der Berliner heuer dort nicht spiele, sei er kurzerhand in die Domstadt gekommen. „Regensburg is a beautiful city“, sagt Tavey. So eine Stadt wie Regensburg habe er noch nie gesehen. Einen Wunsch hätte er aber schon: Die Pubs sollen früher aufmachen.
Bange Blicke zum Himmel
Der Blick des Iren geht in Richtung Bühne. Dort legt gerade Nicole da Silva auf – das Vorprogramm von Kalkbrenner. Die Menschen strömen langsam auf den Dultplatz – und nicht nur die. Regen setzt ein. Der Himmel verdunkelt sich. Auf einen grellen Blitz folgt ein dunkles Donnergrollen. Ein Raunen geht durch die Menge. Einige Besucher in weißen Oberteilen werden zu unfreiwilligen Teilnehmern eines Wet-T-Shirt-Contests.
Eine gute halbe Stunde regnet es vor sich hin, bis die Sonne durch die Wolken bricht. Ein Regenbogen spannt sich von Reinhausen über die Bühne zum Dom. 30 Minuten bis zum Auftritt. Der Dultplatz ist inzwischen zu einem guten Drittel gefüllt. Manuela und René stehen relativ weit hinten. Die beiden sind Anfang 50 und aus Straubing gekommen – und kennen den DJ schon lange. Manuela erzählt, sie habe Kalkbrenner zum ersten Mal auf der Loveparade vor Jahren gehört.
Kalkbrenner betritt die Bühne − und das Regensburger Publikum tanzt
Die Spannung steigt. Vor der Bühne drängen sich die Besucher. Sigurd Knospe steht etwas abseits. Warum er hier ist? „Na, um im Regen zu stehen.“ Nächster Versuch: Was er mit Paul Kalkbrenner verbindet? „Musik.“ Kurze Stille. „Das sind doch scheiß Fragen“, sagt Knospe und muss lachen. „Schreib auf: Ich bin ein cooler Berliner, ehemaliger Kreuzberger – so wie Paule.“ Er habe ihn in seiner wilden Zeit kennengelernt. „Jetzt bin ich Vater von zwei kleinen Kindern.“ Knospe deutet auf eine Stoffgiraffe, die ihren Hals aus der Tasche reckt. „Das ist Lila, die hat mir meine Tochter mitgegeben.“ Die Liebe habe ihn einst in die Oberpfalz nach Neumarkt verschlagen „Eine coole Stadt.“ Jetzt wolle er noch einmal Kalkbrenner live sehen. Dieser Wunsch geht um exakt 20 Uhr in Erfüllung. Die VIPs neben der Bühne erhaschen zuerst einen Blick auf den Star des Abends, schnell jubelt das ganze Publikum. Kalkbrenner betritt die Bühne, lächelt, winkt und der Beat setzt ein.
Dort wo normalerweise Josef Menzl und seine Kapelle mindestens zweimal im Jahr darauf hinweisen, dass ein toter Fisch im Wasser liegt, donnert nun elektronische Musik aus den Lautsprechern. Snares scheppern. Claps hallen über die Köpfe der Menge. Der Bass von „Te Quiero“ setzt ein. Hände recken sich in den Himmel, viele im Publikum grinsen selig vor sich hin, während sie ausgelassen tanzen und mit dem Kopf nicken. Binnen weniger Taktschläge macht sich Ekstase auf dem Dultplatz breit. Kalkbrenner reißt das Publikum von Beginn an mit. Er dirigiert es.
Eine Kamera fängt den Musiker ein. Das Bild erscheint auf einer Leinwand hinter ihm. Der doppelte Paul nickt beständig mit dem Kopf, dreht zielsicher an einem der Dutzenden Knöpfe seines Mischpultes und nickt im Takt. Im Bild sind auch die Zaungäste auf der Europabrücke zu sehen. Etwa 100 Menschen stehen dort. Umsonst und draußen. Auf dem Dultplatz selbst dürften etwas mehr als 10.000 Menschen stehen.
„Geil“: Das Regensburger Publikum ist von Kalkbrenner begeistert
Nach rund einer Stunde erklingen die ersten Takte von „Sky and Sand“ – dem Überhit des Künstlers. Das Publikum rastet förmlich aus, Jubel gellt über den Dultplatz – auch wenn gerade starker Regen einsetzt. Ein Paar spannt sich eine Lederjacke über die Köpfe. Ein tiefer Blick in die Augen und ein Kuss, während der Bass einsetzt.
Wandert man durch die Reihen sieht man Stadträte, Juristen, Unternehmer und Gastronomen. Hier und heute tanzt die Regensburger Stadtgesellschaft.
Das Dunkel der Nacht legt sich allmählich auf den Dultplatz, während Kalkbrenner spielt. Zwei Sanitäter tragen eine junge Frau aus der Menge. Ihr Kopf nickt zur Seite weg. Eine Freundin läuft den Sanitätern nach. Die Besorgnis steht ihr ins Gesicht geschrieben. Schattenseiten eines Mega-Events.
Abgesehen von solch unschönen Szenen geht es im hinteren Teil des Platzes eher gemütlich zu. Sven Wagner steht da, nickt mit dem Kopf zum Takt und nimmt einen kleinen Schluck aus seinem Bier. Wie es ihm gefällt? „Geil“, sagt der Mann Ende 40. „Die minimalistischen Visuals finde ich echt gelungen.“ Allerdings habe er etwas mehr Publikum erwartet. Gerade im hinteren Teil sei es ein bisschen leer. Ob solche Konzerte öfter in Regensburg stattfinden sollten? „Ja klar! Aber es müsste halt eine Lösung her, damit das Ganze länger gehen darf, als nur bis zehn.“
Wie aufs Kommando setzt Paul Kalkbrenner zum Schlussakkord an. „Parachute“ schallt aus den Boxen. Ein letztes Mal bringt der Bass den Dultplatz zum Beben. Ein letztes Mal recken sich die Hände in die Höhe. Paul Kalkbrenner wirft eine Kusshand in das Publikum. Breit strahlend flackert er über die Leinwand hinter ihm. Auf der Europabrücke rollen die Busse zum Hauptbahnhof ein. Die letzten Töne verklingen. Die Menge jubelt, Paul Kalkbrenner winkt zum Abschied. Und tschüss.
Keine Anrufe von Anwohnern: Veranstalter zufrieden
Veranstalter Adam Cieplak zog am Samstagvormittag ein positives Fazit. „Wir sind glücklich, dass es mit dem Wetter geklappt hat.“ Knapp 13.000 Menschen seien da gewesen. „Ich glaube, die Lautstärke war für die Gäste super.“ Die Veranstalter hatten eigens dezentrale Anlagen aufgestellt, um den Lärmpegel für Anwohner niedrig zu halten. Zudem gab es eine eigene Beschwerdehotline. „Ich glaube, wir hatten keinen einzigen Anruf“, sagt Cieplak.





