Kein Geld mehr: 50 Mitarbeiter werden den Stationen am Klinikum Neumarkt bald fehlen

Servicekräfte bringen Patienten im Klinikum die Mahlzeiten ans Bett, damit dem Pflegepersonal mehr Zeit für medizinische Aufgaben bleibt. Etwa 50 Mitarbeiter sind dafür am Klinikum Neumarkt derzeit im Einsatz. Doch nicht mehr lange. Nur noch bis Ende des Jahres wird ihr Dienst auf den Stationen finanziert. Was bedeutet das für die Stationen?
Diese Frage muss sich die Klinikleitung seit einigen Wochen stellen. Dann vor kurzem wurde klar, was die Krankenhausreform für das Modell der Servicekräfte bedeutet: Geld aus dem Pflegebudget gibt es ab 2025 nur noch für qualifizierte Pflegekräfte, die in der unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen eingesetzt sind. Die Gegenfinanzierung für den Stationsservice und ungelernte Hilfskräfte wird dagegen beendet. Darunter fallen insbesondere die Servicekräfte.
Ihre bisherige Arbeit auf den Stationen können sie dann nicht mehr ausüben. Doch was wird dann aus diesen Mitarbeitern? „Es wird keine Kündigungen geben“, betont Pflegedirektor René Sossau. Am liebsten würde das Klinikum alle Mitarbeiter halten, indem man sie so qualifiziert, dass sie als medizinisches Personal weiterarbeiten können. Am schnellsten ginge das über eine einjährige Ausbildung zum Pflegefachhelfer. Das werde schließlich dringend gebraucht.
Pflegedirektor: „Es wird keine Kündigungen geben“
Der Pflegedirektor will aber auch realistisch bleiben. Erst am Donnerstag habe es eine Versammlung mit einem Großteil der betroffenen Kollegen gegeben. Da sei bereits deutlich geworden, dass das sicher nicht bei allen Mitarbeitern gelinge: „Ob wir für alle eine optimale Lösung finden, steht auf einem anderen Blatt. Die allermeisten dieser Servicemitarbeiter sind nur wenige Stunden am Tag da. Und das hat in vielen Fällen einen guten Grund im privaten Bereich. Eine Ausbildung wäre aber in Vollzeit.“ Deshalb versuche man gerade, eine Ausbildung in Teilzeit an der eigenen Akademie auf die Beine zu stellen.
Trotzdem werden den Weg der Ausbildung wohl nur wenige einschlagen. Der Großteil sei über 50 Jahre alt – und da sei die Bereitschaft, noch einmal eine Ausbildung und eine Prüfung zu absolvieren, oft nicht allzu groß, hat Sossau in der Versammlung am Donnerstag festgestellt.
Nicht jedem liegt die Arbeit in der Pflege
Und dazu komme: „Viele können oder wollen gar nicht so nah am Patienten arbeiten, wie man es in der Pflege tut. Das liegt einfach nicht jedem.“ Es sei eben noch einmal ein Unterschied, ob man jemandem das Essen bringe oder ihn körperlich versorge.
In solchen Fällen bleibe die Alternative, den betroffenen Mitarbeitern Arbeitsplätze in anderen Bereichen des Krankenhauses anzubieten. Angestellt sind sie in der Service GmbH. Diese hat laut Kliniksprecher Oliver Schwindl derzeit etwa 400 Beschäftigte, umgerechnet 220 Vollzeitstellen.
Aktiv ist sie in vielen Bereichen des Klinikums – zum Beispiel in der Küche, der Wäscherei, im Krankentransport oder in der Reinigung. Ob und wo Mitarbeiter in anderen Abteilungen arbeiten können und wollen, prüfe man gerade in Einzelgesprächen, erklärt Sossau. „Wir brauchen zum Beispiel gerade Leute in der Sterilgut-Aufbereitung. Da ist ein Quereinstieg möglich. Und da waren heute schon die ersten zwei Personen bei mir, die sich dafür interessiert haben.“
Klinikvorstand Markus Graf bedauert es, die gut qualifizierten und integrierten Service-Mitarbeiter von den Stationen nehmen zu müssen. Wer sich nicht qualifizieren kann oder will und auch nicht in anderen Bereichen der Service GmbH unterkommt, habe zumindest angesichts der positiven Lage auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen, anderweitig eine Stelle zu finden: „Das macht es ein Stück weit erträglich, wenn man weiß, die Mitarbeiter stehen nicht auf der Straße. Aber wir möchten sie natürlich gerne halten. Die meisten von ihnen sind jahrelang da und kennen das Haus.“
Noch dazu ist es für manche Mitarbeiter nicht die erste einschneidende Veränderung ihrer Arbeit, berichtet Pflegedirektor Sossau: „Ein Extrembeispiel ist da eine Kollegin, die schon viele Jahre im Krankenhaus Parsberg im Service war, dann nach Neumarkt gewechselt ist und das jetzt hier erleben muss. Sie macht auf der Akut-Geriatrie eine gute Arbeit, ist im Team voll integriert. Da tut sowas natürlich auch menschlich weh.“
Pflegekräfte müssen Aufgaben der Servicemitarbeiter selbst übernehmen
Die andere Seite der Medaille: Aufgaben, die die Service-Kräfte bisher ausgeführt haben – zum Beispiel die Aufnahme der Essensbestellungen, Essenausgabe oder das Einsammeln der Tabletts – müssen die Pflegekräfte künftig übernehmen. „Diese Aufgaben werden wieder als originäre pflegerische Aufgaben definiert und in den Personalermittlungsdaten der ausgebildeten Pflegekräfte berücksichtigt“, erklärt Kliniksprecher Schwindl. Der Gesetzgeber wolle mit dieser Änderung die Versorgung der Patienten verbessern. Dadurch solle der Kontakt zwischen Patient und examinierter Pflegekraft verstärkt werden.
Das hat auch Folgen für die Ausbildung des Nachwuchses, erklärt Sossau: „Wir werden unsere Auszubildenden künftig wieder vermehrt in die Pflegetätigkeiten einbinden müssen.“ Ein Standard von früher, sagt er mit Blick auf seine eigene Ausbildungszeit.
Hauptziel der Reform: Krankenkassen müssen Geld sparen
Umgerechnet 18 Vollzeitstellen zu ersetzen, wird aber erst einmal nicht einfach, ist René Sossau genauso klar wie Klinikvorstand Markus Graf. Immerhin habe man mit der Stellenplanung schon vorab etwas großzügiger sein können, sodass man wenigstens einen Teil der ausfallenden Mitarbeiter abfangen könne. Zumindest gebe es noch die Möglichkeit, Fachkräfte einzustellen.
Für ihn ist ganz klar, was die neue Regelung bezwecken soll – und das ist nicht in erster Linie eine bessere Qualität der Pflege: „Das Gesetz heißt Finanzierungsstabilisierungsgesetz. Die Krankenkassen sagen, dass die Beiträge nicht ausreichen. Deswegen schaut man, dass man die Kosten mit solchen Maßnahmen nach unten bringt.“ Das sei aber allenfalls ein kurzfristiger Effekt, wenn man die Aufgaben der Service-Mitarbeiter künftig wieder teurere, weil besser qualifizierte Pflegekräfte erledigen lässt, warnt Graf.
Und wenn immer weniger Mitarbeiter für die Versorgung da sind, fällt das auch den Patienten auf. René Sossau stellt fest: „Es gibt eine gewisse Anspruchshaltung der Bevölkerung, wie man am Klinikum Neumarkt versorgt wird. Wir sind schon jetzt in einem Spagat, all das mit den vorhandenen Mitarbeitern zu leisten. Und der wird jetzt noch größer, um das zu leisten, was gewünscht wird.“
Zahlen und Fakten rund um die Änderungen
GKV-Finanzstabilisierungsgesetz: Das Gesetz regelt, wie die Finanzen der Gesetzlichen Krankenversicherungen stabilisiert werden sollen. Darin enthalten sind Vorgaben, die auf die Abgrenzung der im Pflegebudget berücksichtigungsfähigen Pflegepersonalkosten abzielen. Seit 2019 galt das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG). Dieses regelte über das Pflegebudget die Finanzierung der Kosten für das Pflegepersonal nach dem Selbstkostendeckungsprinzip. Dieses Selbstkostendeckungsprinzip habe es ermöglicht, zwischen 2019 und 2024 erheblich mehr examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger einzustellen.
Lage in Neumarkt: Am Klinikum Neumarkt wurde durch diese bisherige Regelung die Zahl von rechnerisch 415 Vollzeitkräften (Mittelwert 2019) auf 513 (Plan 2024) gesteigert – was einem Zuwachs von etwa 23 Prozent entspricht, so das Krankenhaus. „Die Pflege am Klinikum Neumarkt wurde dadurch erheblich entlastet“, teilt das Klinikum mit. Insbesondere, wenn man betrachte, dass die Anzahl der stationären Patienten 2023 um elf Prozent niedriger war als noch 2019.
Stationsservice: Über einen Teil des Pflegebudgets wurden bislang auch die Personalkosten für den Stationsservice und ungelernte Hilfskräfte finanziert. Das ist künftig nicht mehr erlaubt. Deren Aufgaben werden den Pflegekräften zugeordnet. Das schreibe auch die neue „Pflegepersonal-Regelung“ (PPR 2.0) vor. Dabei handelt es sich um ein Instrument zur Ermittlung des Personalbedarfs in der Pflege. Die PPR 2.0 listet genau auf, welche Aufgaben Pflegekräfte zu leisten haben – und dazu gehören künftig auch die meisten Service-Aufgaben. Die PPR 2.0 tritt bereits zum 1.Juli in Kraft.