Ärger im Wald: Thurn und Taxis warnt vor „Überbürokratisierung“

Von Lorenz Nix · 19. Juni 2024 um 19:00

Ab Ende des Jahres soll die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten Anwendung finden. Der Bayerische Waldbesitzerverband, die Staatsforsten und das Haus Thurn und Taxis werden deutlich: Das halten sie von den neuen Regeln aus Brüssel.

6,6 Millionen Hektar Wald – eine Fläche fast so groß wie Bayern – sind 2022 einem Bericht zufolge zerstört worden. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg von vier Prozent. Dabei hatten sich bei der Klimakonferenz in Glasgow 2021 noch 100 Staaten darauf geeinigt, die globale Entwaldung bis 2030 komplett zu stoppen. Aktuell ist man davon aber noch weit entfernt. Das hat auch die Europäische Union erkannt und die sogenannte Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten auf den Weg gebracht. Vor einem Jahr verabschiedet, werden aktuell die Durchführungsdetails in den EU-Mitgliedsstaaten ausgearbeitet. Reine Formsache? Fehlanzeige. Unter anderem aus Bayerns Wäldern schallen laute Protestrufe.

Waldbesitzerverband: Bezeichnung „Bürokratiemonster“ zu harmlos

So ist immer wieder von einem „Bürokratiemonster“ die Rede. Wobei das noch harmlos ausgedrückt sei, sagt Hans Ludwig Körner, Geschäftsführer des Bayerischen Waldbesitzerverbands. Er hat vor allem eine Frage an Brüssel: „Was soll das?“

Um den Ärger zu verstehen, lohnt ein Blick auf den Inhalt der Verordnung, die ab Ende des Jahres Anwendung finden soll: Durch das EU-Gesetz sollen Waldgebiete vor illegalen Kahlschlägen geschützt werden. Besonders im Fokus: Tropische Regenwälder, in denen mit Abstand am meisten Flächen gerodet werden. Tatsächlich haben die neuen Regelungen aber auch Einfluss auf Waldbesitzer in Europa. In Zukunft sind sie unter anderem dazu verpflichtet, eingeschlagenes Holz mit dem lateinischen Namen, einer Geo-Lokalisation und einer Sorgfaltserklärung an die EU zu melden. Nur dann gibt es eine Referenznummer. Die braucht es für den Weiterverkauf des Holzes unbedingt. „Also auch, wenn ich einen Ster Brennholz an meinen Schwager im Nachbardorf verkaufe“, kritisiert Körner.

Regensburg: Thurn und Taxis warnt vor Problemumkehr

Nicht nur der Verbandsgeschäftsführer fragt sich, wieso es auch für Holz aus der Region die EU-Vorgaben braucht. Schließlich gibt es hierzulande bereits verhältnismäßig strenge Umweltgesetze, die Kahlschlag verhindern sollen. Deutschland habe im internationalen Vergleich einen der „höchsten Standards in der Waldbewirtschaftung“, sagt auch Raoul Kreienmeier, Forstbetriebsleiter des Hauses Thurn und Taxis. Das in Regensburg ansässige Adelsgeschlecht ist der größte private Waldbesitzer in der Bundesrepublik und sieht in der Brüsseler Verordnung eine „unverhältnismäßige Überbürokratisierung“.

Die ohnehin bereits stark reglementierte Holznutzung in Deutschland werde unnötig erschwert, sagt Kreienmeier. Der Forstbetriebsleiter befürchtet sogar eine Problemumkehr: Wenn es durch die Verordnung schwieriger werde, regionales Holz zu nutzen, steige die Tropenholz-Nachfrage. Wer Holz beispielsweise aus dem Amazonasgebiet verkaufen will, muss zwar die gleichen Auflagen wie heimische Waldbesitzer erfüllen, allerdings: „Dort werden Gesetze selten kontrolliert“, so Kreienmeier.

Bayerische Staatsforsten wollen „sorgfältigere unbürokratischere Lösung“

Er hofft nun darauf, dass die Verordnung nicht so kommt, wie von der EU vorgesehen. Beim Ausarbeiten der nationalen Regelungen gebe es noch Handlungsspielraum, sagt der Forstchef von Thurn und Taxis. So könne Deutschland beispielsweise als „sicheres Herkunftsland“ bezeichnet werden und die aufwendigen Nachweise für Waldbesitzer entfallen.

Ob das die Lösung ist, steht allerdings in den Sternen. Aktuell sei noch vieles unklar, sagt Jan-Paul Schmidt von den Bayerischen Staatsforsten. Eine Umsetzung der Verordnung in die Praxis ist ihm zufolge noch gar nicht möglich. Der Grund: Die Europäische Kommission sei mit ihrer Arbeit stark in Verzug, sagt der Pressesprecher. Der in Regensburg ansässige größte Forstbetrieb Deutschlands spricht sich deshalb für eine Verschiebung der Umsetzung der Verordnung aus. Dabei könnte sie dann auch gleich angepasst werden: Es brauche eine „sorgfältigere unbürokratischere Lösung“, die den Unternehmen die nötige Zeit gebe, sich auf die neuen Anforderungen vorzubereiten, sagt Schmidt.

Umweltschutzorganisation WWF kritisiert EU-Landwirtschaftsminister

Tatsächlich haben die Proteste der Forstbranche die Politik längst erreicht. Ende März haben mehrere Landwirtschaftsminister der EU-Mitgliedsstaaten beantragt, die Verordnung mit Blick auf Europas Wälder zu entschärfen. Der Vorstoß erntete auch Kritik: „Die Bedenken an dem Gesetz sind an den Haaren herbeigezogen und ein gefährlicher Versuch, den dringend benötigten Schutz der globalen Wälder noch im letzten Moment auszuhebeln“, hieß es damals von der Umweltschutzorganisation WWF. Gerade für kleinere Unternehmen und den Kleinprivatwald gebe es großzügige Übergangsphasen und einen stark vereinfachten Dokumentationsaufwand.

Anders als die Naturschützer befürchtet der Bayerische Waldbesitzerverband allerdings, dass die Waldgesundheit durch die Entwaldungsverordnung sogar Schaden nimmt. Denn manche Waldstücke würden durch die praxisfremden EU-Richtlinien gar nicht mehr bewirtschaftet, sagt Körner. Er warnt vor den Folgen: „Stellen Sie sich vor, ein Borkenkäferbefall wird nicht beräumt und weitet sich immer weiter aus.“ Der Verbandsgeschäftsführer fordert deshalb ein Moratorium oder eine massive Verschiebung der Verordnung, um sie zu ändern. Denn: „Ein Gesetz, das vom ersten Tag an nicht funktioniert, braucht keiner.“