Unternehmen aus dem Kreis Regensburg freut sich: Fahnenstickerei ist bayerisches Kulturerbe

Von Ramona Teufel · 12. Juni 2024 um 17:02

Sie sind bei jeder Vereinsfeier, bei jedem Feuerwehrfest und bei jedem Festumzug ein fixer Bestandteil: Fahnen. In Schierling im Landkreis Regensburg fertigt die fast hundertjährige Firma Fahnen Kössinger genau solche und restauriert zudem noch alte Vereinsfahnen. Am Dienstag wurde das Handwerk der Fahnenstickerei in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

„Es gibt nur noch eine Handvoll Firmen, die die Fahnenstickerei noch so traditionell machen“, sagt Florian Englmaier, Geschäftsführer von Fahnen Kössinger. Daher hat er sich vergangenes Jahr dazu entschlossen, das Handwerk der Fahnenstickerei für die Aufnahme ins bayerische immaterielle Kulturerbe zu bewerben. „Uns ist wichtig, dass die Tradition des Handwerks herauskommt“, betont er.

Jede Fahne aus dem Hause Kössinger ist eine Einzelanfertigung – egal, ob es sich um eine Neuanfertigung oder eine Restauration handelt. Dadurch sind viele verschiedene Prozesse notwendig, bis es zum fertigen Ergebnis kommt. Je nach Komplexität und Aufwand der einzelnen Stickereien dauert die Aufbereitung einer Fahne bis zu sechs Monate, erklärt der Geschäftsführer von Kössinger.

Aufwendige Restauration

Die Planung und Besprechung zusammen mit den Vereinen nimmt viel Zeit in Anspruch. „Die Produktgestalter gehen auf jedes Detail der Vereine ein, denn es handelt sich immer um Unikate“, so Englmaier. Bereits in der Produktgestaltung ist Handarbeit präsent. Denn die Grafiker zeichnen die Motive der Fahnen per Hand. Wenn die Vereine den Motiven zugestimmt haben, werden sie auf die Stoffe übertragen. Diese sind sehr hochwertig. Meist handelt es sich dabei um Samt, Fahnenrips oder Seide.

150 verschiedene Sticktechniken

Sind die Stoffe und Motive einer Fahne ausgewählt, geht es ans Sticken. Englmaier bezeichnet das als „Nadelmalerei“. Die Stickerinnen beherrschen 150 unterschiedliche Sticktechniken und können so die alten Fahnen originalgetreu restaurieren. Daher ist neben dem handwerklichen Geschick auch ein künstlerisches Talent notwendig. „Ob die Fahnen per Hand oder mit einer Maschine bestickt werden, hängt von der Art der Stickerei ab“, sagt Englmaier.

Die Maschinen, die bei Kössinger zum Sticken verwendet werden, sind teilweise dieselben, die schon vor einhundert Jahren verwendet wurden. Dadurch können die Stücke möglichst originalgetreu restauriert werden. „Die älteste Fahne, die wir je restauriert haben, war bestimmt 150 Jahre alt“, sagt der Kössinger-Geschäftsführer. Gerade für die sogenannte Kettenstichstickerei – eine besondere Sticktechnik – werden bei Kössinger alte, handbetriebene Kurbelstickmaschinen aus Frankreich verwendet.

Originalgetreue Restauration

Doch „vieles wird auch durch Handstickerei restauriert“, sagt Englmaier. Beispielsweise Schriften, die aus vergoldetem oder versilbertem Gespinst-Material wie Cantille gefertigt werden, müssen per Hand, mit Nadel und Faden gestickt werden. Und das ist sehr aufwendig. Da könne es schon einmal eine Stunde für drei Buchstaben dauern, so Englmaier. Ziel ist es, die Fahnen so ursprünglich wie möglich wieder an die Vereine zurückzugeben.

In einem der letzten Schritte werden die Fahnen zusammengenäht und Ösen für die Befestigung angebracht. Anschließend werden die Fahnen auf einen Spannrahmen aufgespannt. Dort werden sie imprägniert und gedämpft. Die Imprägnierung schützt die Fahnen vor Verformungen und dient dazu, dass sie schön fallen und geschwenkt werden können, erklärt der Geschäftsführer. Es gebe nahezu keine Vereinsfahne, die beim Festzug des Münchner Oktoberfests dabei sei, die noch nicht bei Fahnen Kössinger gewesen sei, sagt Englmaier.

Anerkennung für Handwerk

Deutschlandweit ist Fahnen Kössinger das einzige Unternehmen, das die alten Vereinsfahnen auf eine so traditionelle Art und Weise restauriert. Das Aufbereiten macht etwa zwei Drittel der gesamten Vereinsfahnensparte im Unternehmen aus. „Fahnen sind ein Teil der Identifikation von Vereinen. Sie zeigen, wofür Vereine stehen“, sagt Englmaier. Wie sie sind, spiegelt sich zudem in den Feierlichkeiten der Fahnenweihe wider. Teilweise dauern diese Feiern bis zu einer Woche.

„Durch die Auszeichnung erfährt das Handwerk Anerkennung. Ich bin stolz darauf, dass unsere Mitarbeiter ein solches Handwerk noch können und ihr Wissen auch mit unseren jungen Auszubildenden teilen“, sagt der Geschäftsführer von Fahnen Kössinger.

Die alte Schrift einer Fahne wird aufgetrennt, um erneuert zu werden.
Der bayerische Heimatminister Albert Füracker (2. v. l.) überreichte Geschäftsführer Florian Englmaier (2. v. r.) die Urkunde.