Auszeit auf dem Alten Kanal: Seit 25 Jahren wird von Mühlhausen nach Pollanten getreidelt

Kürzlich wurde das Treideln am Alten Kanal zum Immateriellen Kulturerbe. Bei einer Fahrt von Mühlhausen nach Pollanten wird schnell deutlich, warum das Treideln seit 25 Jahren bei Einheimischen und Touristen beliebt ist.
Martin Deflorin steht oberhalb des Schleusentors in Mühlhausen. Auf dem Treidelschiff „Alma Viktoria“ haben sich rund 50Gäste in Wolldecken eingekuschelt. Deflorin steigt auf das Holzbrett, das am Tor befestigt ist. An einer Zahnstange ist die Schützschleuse befestigt. Deflorin kurbelt sie nach oben. Langsam wird der Wasserstand in der Schleuse weniger und das Treidelschiff sinkt immer weiter vom ursprünglichen Einstiegspunkt hinab.
Zu sehen ist irgendwann nur noch das große, massive Eichentor. Deflorin hängt einen Holzstab ins Schleusentor ein und zieht mit voller Kraft an: Es eröffnet sich ein weiter Blick auf den Alten Kanal und die umliegende Natur.
Pferd zieht Schiff über den historischen Ludwigskanal
Seit 25 Jahren zieht die „Alma Viktoria“, die der Gemeinde Mühlhausen gehört, Touristen und Einheimische an und mit Hilfe eines Pferdes über den historischen Ludwigskanal. Martin Deflorin führt die Treidelfahrten seit 2017 durch, zuvor sein Stiefvater Hans Luber.
Deflorin kann bei der Fahrt auf drei Schiffsmänner zählen – an diesem Tag auf Hans Braun (76), Nico Hampl (21) und Alfred Berschneider (72). Mit Holzstäben schieben sie das Treidelschiff in der Schleuse an, damit es hinausgleitet. Deflorin holt währenddessen Stute Neila aus ihrer Pferdebox und legt ihr ein traditionelles Geschirr um.
Schon vor mehr als 175 Jahren zogen Pferde Schiffe über den Kanal. Damals waren aber keine Gäste, sondern Güter an Bord. Getreidelt wird heute nur noch bei Mühlhausen und bei Burgthann. Für Deflorin sei die Fahrt immer wieder „faszinierend“, sagt er.
Wind macht Steuermännern zu schaffen
Der 53-Jährige wartet am Treidelpfad darauf, dass ihm das etwa 30 Meter lange Seil zugeworfen wird. Doch den Steuermännern macht der Wind zu schaffen. Das Treidelschiff bewegt sich weit nach links, stößt fast am Ufer an. Zweimal holt Braun aus und will Deflorin das Seil zuwerfen, doch die Entfernung ist zu weit. Berschneider versucht, das Boot mit dem Stab vom Ufer wegzustoßen. Braun lenkt ebenfalls mit dem Ruder entgegen. Dann holt er wieder aus – und der dritte Wurf gelingt.
Nun geht die Treidelfahrt richtig los. Kaltblüterin Neila läuft in zügigem Tempo voran, Deflorin mit seinem achtjährigen Sohn Anian hinterher. Oft hängt das Seil zum Schiff locker durch und es wirkt, als wäre das Treideln für die sechsjährige Stute wie ein Spaziergang. Zu hören sind nahezu nur ihre Schritte auf dem Treidelpfad. Das Schiff gleitet geräuschlos über den Kanal. Von der parallel verlaufenden B299 ist nichts zu hören oder zu sehen. Umgeben ist man nur von Bäumen und Feldern.
Besucher schätzen die Ruhe auf dem Kanal
Eine Seniorengruppe aus Nürnberg hat die Treidelfahrt bei Deflorin gebucht. Zuvor haben sie Berching und das Kloster Plankstetten besichtigt. Im Anschluss kehren sie noch in die Kutscheralm der Familie Deflorin-Luber ein. Von der Treidelfahrt zeigen sich die Senioren begeistert: „Man kann sofort loslassen und zur Ruhe kommen“, sagt eine Passagierin. Einem anderen Gast gefällt vor allem das historische Flair der Treidelfahrt. Auch Steuermann Nico Hampl überzeugt jedes Mal aufs Neue die Ruhe, die einen bei der Fahrt umgibt.
Doch die Gruppe hat einen wechselhafte Apriltag erwischt. Normalerweise tummeln sich Fahrradfahrer und Wanderer entlang der Strecke. An diesem Tag nicht. „Wärmer hätte es ruhig sein dürfen“, sagen einige Gäste.
Bei der Einfahrt in die Schleusenkammer ist Vorsicht geboten
Nach rund 2,5 Kilometern muss bei Pollanten umgekehrt werden. Aber das Schiff kann nicht wenden. Das übernimmt Neila. Sie wechselt einfach die Richtung und läuft wieder nach Mühlhausen. Das Schiff ist deshalb mit zwei Rudern ausgestattet. Nun steht Hampl am vorderen. Schon weit vor der Einfahrt in die Schleusenkammer weiß der 21-Jährige, dass es gleich auf Präzision ankommt. Das Treidelschiff muss mittig einfahren ohne anzustoßen.
Den Steuermännern gelingt die Einfahrt problemlos. Mit Seilen fixieren sie das Schiff, damit es beim Wassereinlauf nicht zu sehr schwankt. Deflorin schließt die Tore und Schützschleusen in Richtung Pollanten. Auf der anderen Seite öffnet er sie, sodass der Wasserstand und das Treidelschiff langsam wieder nach oben steigen.
Treideln auf dem Ludwig-Donau-Main-Kanal
Geschichte: Der Ludwig-Donau-Main-Kanal wurde von 1836 bis 1846 im Auftrag von König Ludwig I. von Bayern errichtet und erstreckt sich von Kelheim bis Bamberg. Laut Informationen des Landratsamtes Neumarkt förderte der rund 172 Kilometer lange Transportweg die wirtschaftliche Entwicklung in Bayern. Durch den Kanal wurde ein Höhenunterschied von 266 Metern überwunden. Unter anderem wurden 60 Geländeeinschnitte, 70 Dämme und 100 Kammerschleusen errichtet.
Schiffe: Das Treidelschiff „Alma Viktoria“ ist ein Originalschiff aus früherer Zeit und wurde 1933 gebaut. Laut Deflorin ist das Schiff etwa 24 Meter lang, drei Meter breit und 16,5 Tonnen schwer. Neben ihr befördert nur „Elfriede“ bei Burgthann heute noch Touristen über den Kanal.
Immaterielles Kulturerbe: In diesem Jahr wurde das Treideln auf dem Ludwigskanal in das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Dort ist zum Beispiel auch der Chinesenfasching in Dietfurt und der Drachenstich in Furth im Wald gelistet.


