Kampf für Klimaziele: Warum Hungerstreiks so stark polarisieren

Was geht in Menschen vor, die im Kampf für Klimaziele ihr Leben riskieren? Professor Peter Kreuzer, Chefarzt am Regensburger Bezirksklinikum, spricht im Interview über das, was Hungerstreikende antreibt – und ordnet den aktuellen Fall in Berlin ein.
Der Regensburger Klimaaktivist Wolfgang Metzeler-Kick zählt zu den Hungerstreikenden in Berlin, die in der Klima-Politik Druck auf Kanzler Olaf Scholz machen. Der SPD-Politiker soll dazu gedrängt werden, per Regierungserklärung zu verkünden, dass es kein CO2-Restbudget mehr gibt und der Fortbestand der menschlichen Zivilisation gefährdet ist. Nach 92 Tagen Hungerstreik und in stark entkräfteten Zustand hatte der Regensburger vergangenen Donnerstag angekündigt, für eine Woche wieder etwas Nahrung zu sich zu nehmen – auch als „Bedenkzeit für die Politik“ – will aber danach seine Aktion fortsetzen. Drei Mitstreiter sind aktuell weiter im Hungerstreik. Die öffentliche Debatte darüber bleibt – und wird teils sehr emotional geführt. Professor Peter Kreuzer, Chefarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (medbo) ordnet den Fall ein.
Professor Peter Kreuzer, losgelöst vom Hungerstreik im Berlin: Was treibt Menschen dazu, ihr eigenes Leben für ein tatsächlich oder vermeintlich höheres Ziel in Frage zu stellen?
Peter Kreuzer: Aus meiner Sicht ist dieser Punkt etwas, das uns Menschen im Grundsatz auszeichnet: Wir sind in der Lage über Ziele und Werte zu reflektieren, die größer und bedeutender erscheinen, als unser eigenes, unmittelbares Wohlbefinden oder vielleicht sogar die eigene Existenz. Wir können damit eine Abwägung treffen zwischen unseren eigenen, unmittelbaren Bedürfnissen und dem Gemeinwohl bzw. den Interessen von Anderen.
Wo im Alltag wird denn diese Eigenschaft des Menschen normalerweise sichtbar?
Wenn wir einen Blick auf die aktuellen Nachrichten werfen, zeigt sich das beispielsweise bei den Mitarbeitenden in Feuerwehren, Rettungsdiensten, Katastrophenschutzeinrichtungen und der Polizei, die vor wenigen Tagen bei der Hochwasserkatastrophe in Bayern ihr Leben riskiert und in einigen Fällen auch verloren haben.
Worin besteht der Unterschied zu den Hungerstreikenden?
Im Unterschied zu den genannten „Helden und Heldinnen des Alltags“ nehmen Hungerstreikende nicht etwa billigend in Kauf, ihr eigenes Leben im Rettungseinsatz für Andere zu riskieren, sondern führen durch bewussten Verzicht auf Nahrungsaufnahme dieses Risiko selbst gezielt herbei. Damit möchten sie die Öffentlichkeit auf ihr Anliegen aufmerksam machen. Es handelt sich um eine politische Streikmaßnahme, die sich auf ein konkretes Ziel richtet. Ohne jemals mit Wolfgang Metzeler-Kick gesprochen zu haben oder ihn persönlich zu kennen, gehe ich aber davon aus, dass auch er mit seiner Protestaktion Ziele verfolgt, die dem Gemeinwohl dienen sollen.
Der Überlebenswillen ist eigentlich ein sehr starker Trieb: Wie kann es Menschen gelingen, ihn außer Kraft zu setzen?
Selbstverständlich sind unsere Grundbedürfnisse und Instinkte starke Faktoren, die unser Handeln bestimmen. Auf der anderen Seite sind wir durch unsere Fähigkeit, über uns selbst zu reflektieren, in der Lage, unmittelbare Bedürfnisse aufzuschieben. Nehmen wir das Beispiel des Sparens: Wenn wir gerade Geld zur Verfügung haben, wäre eigentlich unser erster Impuls, dass wir uns leisten, was uns gerade erstrebenswert erscheint. Es ist uns aber möglich, diesen ersten Impuls zu überdenken und zu sagen: Ich spare und leiste mir dann etwas Größeres.
Gibt es rote Linien, bei denen Sie sagen würden, jetzt kippt es und die persönliche Strategie sollte überdacht werden?
Ja, dieser Überzeugung bin ich absolut. Ich glaube, dass diese „rote Linie“ für jeden persönlich zu definieren ist. Unsere bisherigen Erfahrungen, unsere Biografie und unsere individuellen Wertvorstellungen spielen da natürlich mit hinein.
Menschen im Hungerstreik geraten in eine Phase großer Entkräftung und teils extrem lebensbedrohliche Situationen. Sind die Betreffenden dann überhaupt noch in der Lage, ihre Entscheidungen zu überdenken – oder stecken sie in einem Tunnel fest?
Während einer längeren Hungerperiode sinkt der Blutzuckerspiegel ab. Bei sehr niedrigen Werten wird die Leistungsfähigkeit des Gehirns deutlich eingeschränkt. Es kann zu Verwirrtheitszuständen kommen, die sich im weiteren Verlauf auch zu einem Koma entwickeln könnten. Spätestens ab diesem Zeitpunkt würde ich davon ausgehen, dass die freie Willensbildung deutlich eingeschränkt oder aufgehoben sein kann.
Was spielt sich eigentlich im Körper ab Beginn eines Hungerstreiks ab?
Innerhalb von wenigen Tagen kommt es zu einem Absinken des Gesamtenergieverbrauchs. Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur sinken. Bei einem kompletten Nahrungsentzug muss der Körper die notwendige Energie zum Erhalt wichtiger Körperfunktionen ausschließlich aus seinen Energiereserven gewinnen. Zeitlich gestaffelt werden zunächst Kohlenhydratspeicher vor allem in der Leber abgebaut, im weiteren Verlauf dann Proteine aus der Muskulatur und die Fettspeicher unter der Haut. Riskant sind Infektionen, auf die das Immunsystem nicht mehr ausreichend reagieren kann, aber auch Herzprobleme, die auf dem Mangel an Kalium, oder den Proteinabbau im Herzmuskel selbst zurückzuführen sind. Sicherlich ist es deswegen sinnvoll, zumindest Fruchtsäfte und ausreichende Mengen an Wasser mit Mineralien und Vitaminen zu sich zu nehmen. Ein so genannter „trockener Hungerstreik“, bei dem auch keine Flüssigkeit mehr aufgenommen wird, würde das Risiko, in absehbarer Zeit zu sterben, extrem erhöhen. Menschen können zwar Wochen bis Monate ohne Nahrung, aber nur sehr wenige Tage ohne Flüssigkeitsaufnahme überleben.
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Können Mediziner bei lebensbedrohlichen Lagen gegen den Willen der Betreffenden eingreifen – oder gilt die Freiheit des Einzelnen immer absolut?
Prinzipiell sind Ärztinnen und Ärzte gehalten, das Streikrecht auch im Fall eines Hungerstreiks zu respektieren, solange alles auf der freien, informierten und unabhängigen Entscheidung der Betroffenen beruht. Die World Medical Association hat erklärt, dass Maßnahmen zur Zwangsernährung bei Hungerstreikenden nicht zu unterstützen sind. Vielmehr gilt als entscheidend, in einer vertraulichen Atmosphäre im Dialog mit den Betroffenen zu bleiben, die möglichen Auswirkungen des Hungerns zu erklären und zu vereinbaren, welche konkreten medizinischen Maßnahmen in welcher Situation getroffen werden sollen. Die Bundesärztekammer ist als Mitglied des Weltärztebundes an diese Erklärung gebunden, die deutschen Ärztinnen und Ärzte durch ihre Mitgliedschaft in den Landesärztekammern. Dennoch handelt es sich immer um eine im Einzelfall abzuwägende Entscheidung. Sollte ein Hungerstreikender aufgrund seines körperlich geschwächten Zustands nicht mehr in der Lage sein, seinen Willen frei zu bilden und selbst um Hilfe zu bitten, müsste sein mutmaßlicher Wille zu überleben, berücksichtigt werden. Zu diesem Zeitpunkt können und müssen Ärztinnen und Ärzte sämtliche Maßnahmen zur Rettung seines Lebens einleiten.
Im Berliner Fall haben die Aktivisten den Hungerstreik mit Forderungen an Kanzler Olaf Scholz verknüpft: Wenn er seinen Klimakurs ändert, wird das lebensbedrohliche Hungern beendet. Sollte der „Erpressung“ nachgegeben werden – oder wäre gerade das grundfalsch?
Ich verstehe gut, dass Politik sich nicht erpressbar machen kann und darf. Ansonsten wäre Tür und Tor dafür geöffnet, dass sich jegliche Einzelmeinung möglicherweise auch gegen den Willen der großen Mehrheit durchsetzt. Ich sehe aber eine zweite Variante, wie der Hungerstreik von Wolfgang Metzeler-Kick beendet werden kann: Familienangehörige und Freunde könnten vermitteln, dass er als Mensch unabhängig von seinen Überzeugungen wichtig ist und bei seinem Hungertod eine nicht zu füllende Lücke hinterlassen würde. Politische Mitstreitende könnten signalisieren, dass sein politisches Anliegen wahrgenommen wird und die breite Öffentlichkeit erreicht hat. Sie könnten ihm klar machen, dass ein Aufgeben des Hungerstreiks zum jetzigen Zeitpunkt in keiner Weise ein „Scheitern“ bedeutet, sondern eine Entscheidung für das Leben wäre, die es ihm erlaubt, seine Ziele weiter zu vertreten.
Der Hungerstreik polarisiert und wühlt auch unbeteiligte Beobachter auf: Woran liegt das?
Ich denke, dass es primär ein gewisses Unverständnis erzeugt, wenn jemand sich dazu entschließt, ein so elementares Grundbedürfnis, wie zu essen und zu trinken, über einen so langen Zeitraum so konsequent zu ignorieren. Der zweite Punkt ist die politische Dimension: Der Umgang mit dem Klimawandel und die Schwerpunkte, die die Klimapolitik setzen muss, erfordern Abstriche von jedem Einzelnen. Das polarisiert selbstverständlich.
