Aus dem Landkreis in alle Welt: Die Firma Glatt aus Abensberg ist ein Jahrhundert alt

Von Lucia Pirkl · 12. Juni 2024 um 19:00

Bietet großen Konzernen die Stirn mit Sonderanfertigungen: Die Firma Michael Glatt Maschinenbau GmbH wird 100 Jahre alt. An diesem Samstag lädt das Unternehmen alle Interessierten zu einem Tag der offenen Tür.

Mit Ochsenkarren wurden die Silos und Lagerbehälter einst aus der Münchner Straße abtransportiert. Ochsenkarren reichen heute nicht mehr, um die bis zu 67 Tonnen schweren Kolosse aus Stahl von der Industriestraße in Abensberg, aus dem Landkreis Kelheim hinaus in alle Welt auszuliefern. Die Firma Michael Glatt Maschinenbau GmbH feiert in diesen Tagen ihr 100-Jähriges.

Mit dabei sind dann auch Bernhard Mittermeier, Peter Manstorfer, Bernhard Boiger und Willi Braunstorfer. Lange brauchen die Vier nicht: Ein Bild aus alten Zeiten genügt und schon sprudeln alte Anekdoten à la „Weißt es noch?“ aus ihnen heraus. Sie alle sind oder waren Jahrzehnte lang Teil der „Glatt-Familie“, „Loyalität, gutes Betriebsklima, Atmosphäre“, das seien die Dinge, die die Firma Glatt ausmachten, sagt Boiger, der bereits im Ruhestand ist, aber noch als Schweißer hier aushilft und heuer sein 45-Jähriges hätte feiern können. Boiger hat fast die Hälfte des Glattschen Lebenslaufs mitbekommen, hat viele Veränderungen in der 100-jährigen Geschichte miterlebt. Manstorfer auch, stieg 1981 ein und wechselte 2002 in den Vertrieb, wo er bis zur Rente blieb.

Geschäftsführer Martin Dreßen hat zum Jubiläum eine Chronik erstellen lassen. Die zeigt, wie aus dem kleinen Familienunternehmen ein modernes Unternehmen wurde, das internationale Kunden aus der Chemieindustrie, dem Energiesektor und vielen anderen Sparten mehr mit Spezialbehältern, mit Sonderanfertigungen beliefert. Erwin Glatt hat so einige Geschichten zur Chronik beigetragen. Der 87-Jährige hatte damals die Firma von seinem Vater übernommen, lange Zeit in einem Haus mit Riesengrundstück hinter dem Unternehmen gelebt. „Ich bin glücklich, dass es der Firma heute so gut geht“, sagt er.

Harte Zeiten

Der junge Erwin Glatt stieg 1959, als 28-Jähriger, gleich nach dem Maschinenbaustudium in München, in die Firma seines Vaters, Firmengründer Michael Glatt, ein. Nach der Schließung vieler Mühlenverlegte der sich auf die Produktion von Lagerbehälter und Silos, größtenteils noch aus Holz, aber auch Stahl und Blech spielten eine Rolle.

Produziert wurde in der Münchner Straße noch auf dem Hof, man war dem Wetter ausgeliefert, „das waren unmögliche Verhältnisse“, so Glatt. Die Behälter maßen drei bis vier Meter, zum Verladen musste man einen Autokran kommen lassen.

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1971 war dann der Umzug in die Industriestraße, damals noch mit 32 Mitarbeitern. Fortan konnte in der Halle produziert werden, einen Kran gab es auch. Die Arbeit war trotzdem nach wie vor schwer: „Früher war in der Fertigung noch viel mehr Handarbeit“, erinnert sich beispielsweise Manstorfer. „Es war eine Errungenschaft, als wir einen Gabelstapler bekamen.“

Die Firma forderte nicht nur den jungen Glatt: „Hatten wir Aufträge, hatten wir keine Leute, hatten wir Leute, hatten wir kein Geld“, umreißt er rückblickend die holprigen Jahre.

Durch einen Meister, der bei der Hoechst in Kelheim gearbeitet hatte, entstand der Kontakt zur chemischen Industrie. Die Firma konzentrierte sich fortan mehr und mehr auf Rohrleitungs- und Druckgussbehälterbau. Als die Raffinerie in Neustadt gebaut wurde, bewarb sich Glatt. „Den Auftrag haben wir über die Bühne gebracht, verdient haben wir nichts, aber Lehrgeld haben wir bezahlt“. Die kommenden Jahre seien ein Auf und Ab gewesen, Erwin Glatt zog sich schließlich aus dem Geschäft zurück, die Eigentümer wechselten. Heute steht die Firma Glatt gut da.

„Der Betrieb ist typisch historisch gewachsen“, sagt Geschäftsführer Dreßen. Die jetzigen Eigentümer hätten die Zeichen der Zeit erkannt. Vorausblickend seien viele Dinge angepackt worden, etwa die energetische Sanierung des Werks, die in der größten und ältesten Halle derzeit noch läuft. „Es ist hell, mit LEDs ausgerüstet und gut klimatisiert. Da hätte man früher überhaupt nicht darüber nachgedacht“, sagt Dreßen.

Die Hallensanierung ist keine rein optische oder energetische Maßnahme, es wurden auch viele Abläufe verändert. Nur so sei es möglich gewesen, den Umsatz von 2017 auf heute zu verdoppeln, sich neu auf dem Markt zu positionieren, ist Dreßen überzeugt.

Mittlerweile hat Glatt eine Größe erreicht, die es der Firma erlaubt, Nischen zu bedienen, Aufträge anzunehmen, die ein Großkonzern auch bedienen könnte. Flexibel kann die Firma auch reagieren, weil die Projektierung und das Engineering nicht extern vergeben werden, sondern es dafür eine eigene Abteilung gibt. So hat Glatt nicht selten die Nase vorn, ist Großunternehmen eins ums andere Mal voraus: „Wir sind wie die Gallier gegen die Römer“, sagt Dreßen.

Energiesektor spielt Rolle

50 Prozent der Aufträge kommen nach wie vor aus der Chemieindustrie. Aber der Energiesektor wird künftig eine immer größere Rolle spielen, ist Dreßen überzeugt. So ist Glatt beispielsweise mit speziellen Druckbehältern am europaweit größten Wasserstoffprojekt beteiligt – dafür waren im Vorfeld umfangreiche Investitionen nötig.

Mit einem eigenen Ausbildungszentrum, das 2021 dazu kam, investiert das Unternehmen zudem in die Jugend. Kleine junge dynamische Teams mit Vorarbeitern, eine Mischung aus erfahrenen und jungen Angestellten, das hätte sich bewehrt bei Glatt: „Ich traue mich – Stand heute – zu sagen, dass wir kein Facharbeiterproblem haben“, sagt Dreßen.

Dazu dürfte auch der Umgang mit den Mitarbeitern beitragen. In der neuen Kantine trifft man sich auf einen Ratsch, der persönliche Austausch untereinander ist wichtig. „Jeder Mitarbeiter hat bei uns einen Namen, nicht nur eine Personalnummer, wir sind eine große Familie“, ist Dreßen überzeugt. Dem stimmt wohl auch Manstorfer zu: „Es hat eigentlich immer gepasst, wir haben hier ein gutes Klima gehabt und ich konnte mich hier persönlich entwickeln.“

Vom Landkreis in die ganze Welt: Tag der offenen Tür am Samstag:

Umsatz und Mitarbeiter: Die Firma Glatt Maschinenbau GmbH hat 115 Mitarbeiter und einen Umsatz von etwa 23 Millionen Euro jährlich. Sie beliefert weltweit Kunden vornehmlich in der chemischen Industrie, aber auch in der Pharma- und Biotechnologie und Silizium-Industrie mit Apparaten, Druckbehältern und Sonderbau. Eigentümerin ist die Büchl KG.

Führungsteam: Früher sei die Führung des Unternehmens eine „One-Man-Show“ gewesen, wie Geschäftsführer Martin Dreßen sagt. Mittlerweile gibt es ein Managementteam, das die Geschicke von Glatt leitet (siehe Foto).

Tag der offenen Tür: Am 15. Juni, 11 bis 17 Uhr lädt Glatt zum Tag der offenen Tür in der Industriestraße 2 in Abensberg mit Betriebsführungen, Metall-Rallye, Torwandschießen und vielem mehr.

Abensberg, 1949: Michael Glatt (li.) vor einer Grießputzmaschine.
Das Glatt-Managementteam mit Geschäftsführer Martin Dreßen (Mitte)
Der Transport der Behälter ist jedes Mal eine logistische Herausforderung.
Lange dabei: Bernhard Mittermeier, Bernhard Boiger, Willi Braunstorfer, Peter Manstorfer
Erwin Glatt freut sich, dass die Firma, die einst sein Vater gegründet hatte, so gut da steht.