Mega-Projekt mit Wasserstoff: Abensberger Firma erhält Millionen-Auftrag

Während die Wasserstoff-Zukunft im Landkreis Kelheim noch in den Kinderschuhen steckt, schieben Großkonzerne im Emsland ein Mega-Projekt an – für 200 Millionen Euro. Mit beteiligt ist der Abensberger Druckbehälter-Hersteller Glatt. Auch andere Betriebe der Region florieren mit der Energiewende.
„Big Player“ wie RWE, BP oder Evonik haben sich zusammen getan, um das erste öffentlich zugängliche Wasserstoffnetz in Deutschland auf die Beine zustellen. Kern des Projekts ist der Bau von zwei Elektrolyseuren mit je 100 Megawatt auf dem Areal eines früheren Atomkraftwerks in Lingen (Niedersachsens). Der in der Anlage erzeugte Wasserstoff (35.000 Tonnen/Jahr), der bei der Aufspaltung von Wasser entsteht, wird über ein 135 Kilometer langes Netz – eine bestehende Erdgasleitung wird umgebaut – an industrielle Abnehmer geliefert, die damit einen Großteil ihres Energiebedarfs decken.
„Es ist das größte derartige Projekt in Europa, und wir als kleine Firma in Niederbayern sind dabei“, sagt Glatt-Geschäftsführer Martin Dreßen. Da der Wasserstoff mit Strom aus Windkraftanlagen produziert wird, ist die Herstellung emissionsfrei, es „fließt“ grüne Energie. Die Abensberger kommen an einem besonderen Punkt ins Spiel: Der gewonnene Wasserstoff wird zum Teil in Salzkavernen gespeichert, um ihn bei Bedarf abrufen zu können. „Kavernen sind Hohlräume, die beim Abbau von Salz entstehen. In diese Höhlen wird der Wasserstoff gepumpt“, erklärt Dreßen.
Der Wasserstoff wird in Salzhöhlen gelagert
Wird der Wasserstoff benötigt, zieht man ihn aus diesen Kavernen, die bei Gronau in einem Salzbergwerk liegen. „Dabei geht der Wasserstoff durch eine Aufbereitungsanlage, wo er nochmal gereinigt wird.“ Die dabei eingesetzten Druckbehälter, die als Reinigungsfilter dienen, stammen aus der Hand der Firma Glatt. Was sich simpel anhört, bedurfte einer langen Entwicklung. „Wir hatten die erste Anfrage für das Projekt vor eineinhalb Jahren. Seither haben wir am Know-how für die Behälter gearbeitet.“
Die insgesamt 15 Rundzylinder sind zwar in ihren drei Abmessungen (Durchmesser 0,8 Meter/Höhe 2 Meter; 1 m/3,40 m; 2 m/3,5 m) nicht groß, aber sie müssen einem hohen Druck standhalten, weil der Wasserstoff stark komprimiert ist. „Unsere Behälter für die Chemieindustrie haben eine Wanddicke von 2 bis 2,5 Zentimetern – hier sprechen wir von sieben Zentimetern“, so Dreßen. Wodurch der größte Behälter aus Stahl auf ein Gewicht von 20 Tonnen kommt. Auf 69 Bar Luftdruck sind alle drei Größen ausgelegt.
Neuer Sektor für Betrieb aus dem Landkreis Kelheim
Ins Boot kam der Abensberger Betrieb mit 120 Mitarbeitern durch einen Anlagenbauer in Berlin, mit dem die Niederbayern schon öfters zusammen arbeiteten. „Dabei half uns auch der gute Ruf: Wir können Behälter bauen.“ Im Wasserstoff-Sektor ist es das erste Projekt für die Glatt GmbH.
Das Auftragsvolumen bewegt sich im mittleren einstelligen Millionen-Bereich. „Im zweiten Quartal 2024 liefern wir die ersten Behälter, weitere im ersten Quartal 2025.“ Bis dahin soll die gesamte Infrastruktur des 200-Millionen-Euro-Projekts „Get H2 Nukleus“ im Emsland stehen. „Der Wasserstoff-Bereich wird für uns an Bedeutung gewinnen“, sagt der Geschäftsführer. Eine weitere Anfrage eines Industriebetriebes liegt bereits vor. „Da sind wir beim Stückgewicht eines Behälters bei 70 Tonnen.“
Anfragen für Photovoltaik „gingen durch die Decke“
Die Nachfrage nach erneuerbarer Energie schlägt sich auch in den Auftragsbüchern anderer Firmen im Landkreis Kelheim nieder, etwa bei Photovoltaik-Anlagen. „Vor allem zu Beginn des Jahres gingen die Anfragen durch die Decke“, erklärt Christian Zach, Büroleiter bei Sonnenstrom Bauer in Kelheim. „Hunderte Interessenten“ aus dem Privat- und Gewerbebereich klopften an.
Neben dem Umweltgedanken waren die explodierenden Energiekosten und die Angst vor „Blackouts“ die treibenden Faktoren, sagt Zach. Mit 240 PV-Anlagen in 2023 gerate der Betrieb (40 Mitarbeiter) an seine Kapazitätsgrenzen.
Preisschock bei Öl und Gas bewirkt Umdenken
Bei der Firma Wallner in Ihrlerstein, die sich auf Wärmepumpen spezialisiert hat, gaben sich die Kunden auch die Klinke in die Hand. „Zehn bis zwanzig Beratungstermine in der Woche waren nicht selten“, sagt Geschäftsführer Markus Blank. Der „Preisschock“ bei Gas und Öl habe viele zum Umdenken bewogen. An die 60 Wärmepumpen installierte der Betrieb heuer. Schon im Vorjahr erhöhte die Firma den Personalstand um vier Mitarbeiter auf jetzt zehn Beschäftigte.
Den Boom bestätigt die Firma Kütro in Abensberg durch Zahlen: Von 200 PV-Anlagen in 2022 steigt der Absatz auf heuer 300; von 50 Wärmepumpen auf heuer 70. „Die Anfragen haben sich verzehnfacht“, sagt Klaus Schiller, Abteilungsleiter für Photovoltaik. Durch sinkende Energiepreise sei die Spitze etwas abgeflacht. Die 50 Mitarbeiter sind aber voll ausgelastet. „Der größte Hemmschuh ist der Fachkräftemangel.“
