Brachialer Autoklau in Kelheim mit filmreifen Szenen – Anklage wegen versuchten Totschlags droht

Sie wollten einfach weg. Dafür brachen zwei junge Männer eine Werkstatt im Landkreis Kelheim auf und klauten zwei Autos. Was sie wegen gemeinschaftlichen Diebstahls vor Gericht brachte. Der Trip endete schon in Tschechien, wo sie einen Mann auf die Motorhaube gabelten. Für den Fahrer könnte das ein schlimmes Nachspiel haben: Ihm wirft die Staatsanwaltschaft jetzt versuchten Totschlag vor.
Am Amtsgericht Regenburg begann am Donnerstag, 6. Juni 2024, eine Verhandlung gegen beide Angeklagten (19 und 22 Jahre alt). Sie stammen nicht aus der Region Kelheim, begegneten sich aber in einer Einrichtung im Landkreis. Dort schmiedeten sie einen Plan. „Wir wollten abhauen“, ließ der jüngere Angeklagte über seinen Verteidiger Julian Wunderlich erklären. Beide waren schon in der Jugend auffällig, hatten aber zumindest eine Lehrstelle.
Am 27. Januar 2023 gegen 1Uhr schritten sie laut Staatsanwaltschaft zur Tat. Sie schlugen ein Loch in die Scheibe einer Kfz-Werkstatt im Landkreis, stiegen ein und brachen eine weitere Fahrzeughalle auf. Dort hatten sie es auf einen roten Audi A4 und einen blauen BMW 116d abgesehen (Gesamtwert: 24.500 Euro). Sie brachten Kennzeichenpaare von anderen Pkw in der Halle an den beiden Fahrzeugen an.
Zufahrtstor mit Seil am gestohlenen Auto rausgerissen
Dann entschieden sie sich für den Audi, wie die Angeklagten vor Gericht angaben. Als Hindernis entpuppte sich das Zufahrtstor. Der Versuch, Streben mit einer Flex zu zerschneiden, schlug fehl. Kurzerhand banden sie ein Seil an das Auto und rissen das Tor auf. Der ältere Angeklagte übernahm das Steuer (eine Fahrerlaubnis hatten beide nicht). Nach einigen Kilometern bemerkten sie einen Leistungsabfall beim Auto und stellten den Wagen bei Großmuß auf einem Pendlerparkplatz ab.
Das sollte aber nicht das Ende ihres Trips sein. Der heute 22-Jährige sprach einen Lkw-Fahrer an, der in Gegenrichtung unterwegs war, und ließ sich wieder zur Werkstatt zurück bringen. Um jetzt den BMW zu holen. Mit diesem Wagen passierten sie die Grenze nach Tschechien. Zunächst wollten sie nach Prag. „Im Auto haben wir darüber philosophiert, dass Japan eine coole Idee wäre, um dort zu leben“, so der zur Tatzeit erst 17-jährige Beifahrer.
Ladenmitarbeiter stellt sich dem Duo in den Weg
Aber zunächst tat sich ein neues Problem auf: Die Batterie des Autoschlüssels zeigte Leerstand an. Also brauchten sie Ersatz – die der jüngere Angeklagte in einem Elektromarkt in der tschechischen Gemeinde Blatna klaute (Wert: 2,87 Euro). Dabei wurde er von einer Angestellten beobachtet. Einer ihrer Kollegen rannte auf den Parkplatz und wollte den davonfahrenden BMW stoppen. „Er ist vor das Auto und auf die Motorhaube gesprungen“, gab der 22-jährige Fahrzeuglenker an.
Dass er den sich an die Motorhaube klammernden Mann durch Schlangenlinienfahren „mit 25 bis 30 km/h“ abschütteln wollte, bestritt er nicht. Schließlich fiel der Ladenmitarbeiter auf die Straße. Das Duo setzte die Fahrt fort. Die zwischenzeitlich alarmierte tschechische Polizei stellte die beiden Männer wenig später. Der Reise endete in Haft.
Geschädigter klammerte sich an die Motorhaube
Die Zeugenaussage des tschechischen Ladenmitarbeiters gab dem Prozess eine Wende. Er schilderte, dass er sich an die Ausfahrt des Parkplatzes gestellt habe, um den BMW aufzuhalten. Die Angeklagten hätten gestikuliert, er solle auf die Seite gehen. „Der Wagen ist weiter auf mich zugerollt und hat mich umgestoßen.“
Der 29-Jährige rappelte sich wieder hoch. „Plötzlich fuhr der Wagen schnell an, ich konnte nicht mehr ausweichen und bin auf die Motorhaube gesprungen.“ So ging es raus auf die Straße, im Zickzack-Kurs. „Ich habe mich an die Kante vor der Windschutzscheibe geklammert, weil ich nicht auf die Fahrbahn, wo auch aus der Gegenrichtung Autos kamen, fallen wollte.“
Nach 300 Metern rutschte er vom Auto
Mit Klopfen auf die Scheibe und „Halt“-Rufen wollte er den 22-Jährigen zum Stehenbleiben bewegen. Doch der hätte nicht reagiert. Schließlich ließ sich der Ladenmitarbeiter nach etwa 300 Metern Fahrt seitlich von der Motorhaube fallen, als er sah, dass auf der anderen Seite kein Auto kam. „Es waren mehr als 50 km/h, die der Wagen fuhr.“
Blutergüsse am ganzen Körper, vor allem Schmerzen am rechten Bein, waren die körperlichen Folgen, so der Tscheche. Einen Monat lang war er arbeitsunfähig, hatte Panikattacken und Schlafstörungen. „Immer wieder lief die Situation vor meinen Augen ab.“
Fall geht vor das Landgericht
Der Staatsanwalt im Saal hatte da genug gehört: Ging die Anklage gegen den 22-Jährigen in diesem Punkt zunächst von einer gefährlichen Körperverletzung aus, so sah er angesichts der Schilderungen des Geschädigten nun ein versuchtes Tötungsdelikt. Dafür aber ist nicht das Amts- sondern das Landgericht zuständig, genauer gesagt die Schwurgerichtskammer, die sich ausschließlich mit Kapitalverbrechen beschäftigt. Vorsitzende Richterin Tanja Weber entschied denn auch, die beiden Verfahren zu trennen. Für den Älteren war der Prozess damit vorbei.
Am Dienstag, 11. Juni, 9 Uhr, wird der Prozess nur noch gegen den jüngeren Angeklagten weiterverhandelt. Dann soll auch das Urteil fallen. Wann der 22-Jährige sich vor dem Landgericht verantworten muss, ist offen. Er wird wohl wegen versuchten Totschlags angeklagt – worauf laut Strafgesetzbuch nicht unter fünf Jahre, in besonders schweren Fällen sogar lebenslänglich steht.