Syrer von der Steinernen Brücke in Regensburg gestoßen: Täter ging „ganz normal“ weiter

Von André Baumgarten · 7. Juni 2024 um 05:00

Der Mann, der einen jungen Syrer in Regensburg von der Steinernen Brücke stieß, entschuldigte sich vor Gericht beim Opfer. Die Anklage geht von Ausländerfeindlichkeit als Motiv aus – und hat weitere Belege. Es geht um Vorfälle vom gleichen Tag in Amberg.

Aus dem Nichts stößt ein 29-Jähriger im Herbst 2023 einen jungen Syrer von der Steinernen Brücke. Die Frage der Schuld spielt im gestern gestarteten Prozess aber keine Rolle. Vielmehr geht es darum, ob der Angreifer auf Dauer in die Psychiatrie muss. Die Anklage geht von einer ausländerfeindlichen Gesinnung als Motiv aus – der Mann zeigte direkt danach den Hitlergruß. Nicht das erste Mal an jenem Tag, wie MZ-Recherchen zeigen. Zeugen sollen zu den Vorfällen in Amberg bald aussagen.

„Der hat ihn einfach runterschubst und ist dann ganz normal weitergegangen, als wäre nichts gewesen“, schildert ein 26-Jähriger, was sich am 13. Oktober 2023 auf dem Regensburger Wahrzeichen abspielte. Der Mann in kurzer Hose, großer Sonnenbrille und Schlappen sei ihm schon zuvor aufgefallen. Weil er auffällig gekleidet war, aber auch wegen des seltsamen Gangs und Zuckungen an Hals und Schulter. „Er wirkte auf mich komisch.“

Davon, dass der 29-Jährige an einer bipolaren Störung leidet, ist im Prozess nichts zu erkennen: Der 29-Jährige kommt in beige-brauner Cargohose, Kapuzenjacke und weißen Turnschuhen mit neon-pinken Aufdrucken. Polizisten führen ihn in den Sitzungssaal, er nimmt Platz und beobachtet, was um ihn herum passiert, ehe er die Schnupftabak-Dose zückt. Erst, als die Antragsschrift verlesen wird, scheint sich die Anspannung ein Ventil zu suchen – hörbar wippt er mit den Beinen und atmet immer wieder ganz tief durch.

29-Jähriger bestritt die Tatvorwürfe nie

Das tut später auch das Opfer des Angriffs, als es vor Gericht aussagen muss. Zuvor hatte Verteidiger Marius Hoser den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt. Weil es darum gehe, „die zum Tatgeschehen führende Biografie des Angeklagten zu verstehen und zu erörtern“. Fünfmal habe der Beschuldigte mit dem psychiatrischen Sachverständigen geredet und nie bestritten, „den Geschädigten von der Steinernen Brücke gestürzt zu haben“. Das Schwurgericht gewichtete das anders – an dem, was in Regensburg und Amberg geschehen sei, habe „die Öffentlichkeit teilgenommen“, begründete Vorsitzender Richter Thomas Polnik. Nur, was die nähere Privatsphäre des 29-Jährigen betreffe, werde daher nichtöffentlich behandelt.

Nach der Entscheidung kam dann der 21-Jährige zu Wort, der durch den Stoß fast sieben Meter tief fiel und schwere Verletzungen erlitt. Die Berufsfeuerwehr hatte den jungen Syrer per Drehleiter vom Pfeiler der Steinernen Brüder retten müssen. Bis heute kämpft das Opfer mit den Folgen, war zuletzt im Mai wegen anhaltender Schmerzen in einer Klinik. Die psychischen Folgen der Tat scheinen drastischer zu sein: Er hasse alles, ließ er den Dolmetscher übersetzen, wolle eigentlich nur weg hier. Einen Umzug zu nahen Verwandten in Duisburg oder Berlin lasse das Ausländeramt aber nicht zu. Fast flehend bittet er die Richter mehrfach, ihm zu helfen.

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Dass seine Mutter, mit der er auf der Steinernen Brücke videotelefoniert hatte, den ganzen Tag im Ungewissen geblieben war, „macht mich fertig“, erzählte der Syrer weiter. Trotzdem nahm er eine persönliche Entschuldigung des 29-Jährigen an – „nur kann das die Erinnerungen und Schmerzen nicht löschen“, sagte er mit tränenerstickter Stimme. Und: Er wolle, „dass die Sache seinen richtigen Weg geht und er niemandem mehr schadet“. Genau darum geht es im Sicherungsverfahren vor dem Landgericht in Regensburg nun.

Hitlergruß am Bahnsteig in Amberg gezeigt

Obgleich der Beschuldigte zur Tatzeit manisch war, geht die Staatsanwaltschaft von ausländerfeindlicher Gesinnung aus. Offenbar auch, weil es nur Stunden zuvor in Amberg weitere Vorfälle gab. Bereits nach der Tat hatten MZ-Recherchen die Vergangenheit des damals Tatverdächtigen zutage gebracht. Videos sollen zeigen, wie der 29-Jährige am Bahnsteig mehrfach den Hitlergruß zeigt – wie bei der Festnahme durch einen Polizisten in Freizeit und zwei Touristen in Regensburg. „Dabei hat er gegrinst, als würde ihn das alles nix angehen“, erzählte ein 65-Jähriger dazu vor Gericht.

Der Prozess wird fortgesetzt, das Schwurgericht hat fünf weitere Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil in dem Fall, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, ist Ende Juni zu rechnen.

Beim psychiatrischen Gutachter (vorn) hatte der Mann aus Amberg (li.) die Taten nie bestritten. Verteidiger Marius Hoser (re.) hatte zu Prozessbeginn den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt – das Schwurgericht stimmte dem nur in Teilen zu. Foto: Baumgarten