„Die Lage ist besorgniserregend“: Forstbetriebsleiter Hans Mages spricht über Zukunft des Waldes

Von Thomas Rieke · 6. Juni 2024 um 15:00

Verantwortlich für ein Gebiet, das 21.000Hektar groß ist, sieht sich Hans Mages, Betriebsleiter der Bayerischen Staatsforsten in Burglengenfeld, einer gewaltigen Aufgabe gegenüber: Er soll den Staatswald fit für die Zukunft machen. Dabei sorgen Wetterereignisse und Schädlingsbefall immer wieder für Rückschläge.

Doch der 54-Jährige lässt sich nicht unterkriegen. Einmal mehr stand er der MZ Rede und Antwort – und nahm auch zu einem heiklen politischen Dauerthema Stellung.

Herr Mages, kürzlich ließ eine Erhebung des Agrarministeriums aufhorchen: Demnach seien bei den wichtigsten Arten wie Fichte und Kiefer, Buche und Eiche vier von fünf Bäumen krank. Cem Özdemir sagte, der Wald entwickle sich zum Dauerpatienten. Wie sieht es in ihrem Zuständigkeitsbereich aus?

Hans Mages: Auch bei uns sind deutliche Schäden zu beklagen. Besonders die Fichten leiden unter den Folgen der Dürrejahre, die es seit 2003 gehäuft gegeben hat. Der Kiefer, die neben der Fichte der prägende Baum in unserem Gebiet ist, haben vor allem die Hitzesommer zu schaffen gemacht. Das Gleiche gilt für die Buche. Man kann sagen: Für Käfer- und Pilzbefall sind alle Baumarten anfälliger geworden.

Das hört sich nicht gut an.

Mages: Die Lage ist besorgniserregend. Der Schadholzanfall durch Borkenkäfer hat sich mit über 20.000 Festmetern verdoppelt und liegt wieder ungefähr auf dem Niveau von 2016/17. Noch heute arbeiten wir an den Folgen des Schneebruchs und Windwurfs im Dezember. Jeder umgelegte Baum ist gefundenes Fressen für den Käfer. Das Holz muss also rasch raus. Aber wegen der aufgeweichten Böden können wir jetzt an vielen Stellen nicht mit Maschinen in den Wald. Es ist ein Wettlauf gegen die Uhr. In wenigen Wochen kann die nächste Käfergeneration ausfliegen und auf großer Fläche Neubefall verursachen.

In den vergangenen Wochen hat es relativ viel geregnet, die Böden sind gesättigt. Reichte das für eine Entspannung im Wald aus – oder sind viele Bäume so angeschlagen, dass kein nachhaltiger Effekt zu erwarten ist?

Mages: Der Regen ist Gold wert. Wir Forstleute wünschten uns ja, dass es mal einen ganzen Sommer hindurch regnerisch bleibt. Aber natürlich ist es so, dass Bäume, die schon halb tot waren, nicht völlig genesen. Ihr Sterben wird nur verlangsamt. Alle anderen Bäume aber profitieren sehr von den Niederschlägen, insbesondere die jungen Bäume, der Waldnachwuchs kann sich regenerieren.

Als Sie 2020 in Burglengenfeld ihre Arbeit aufgenommen haben, war klar, was eine ihrer Hauptaufgaben sein würde: der Umbau des Waldes, damit er dem Klimawandel standhält. Wie weit sind Sie seitdem damit gekommen?

Mages: Binnen acht Jahren ist es uns gelungen, den Anteil von Laubbäumen um drei auf jetzt 24 Prozent zu erhöhen – das ist in der Forstwirtschaft fast atemberaubend schnell. Und im Vergleich zur Inventur 2015 ist die sogenannte vorausverjüngte Fläche um fast 20 Prozent auf 7400 Hektar gewachsen. Hier liegt der Laubholzanteil sogar bei 41 Prozent.

Angesichts der Gesamtfläche gibt es also noch viel zu tun.

Mages: Der Umbau braucht seine Zeit. Das Gute ist: Wir haben einen Plan. Dieser sogenannte Forstwirtschaftsplan wird in der Regel alle zehn Jahre neu erstellt. Diesmal gibt es ihn sogar etwas früher. Die Strategie sieht eine Diversifizierung vor. Das heißt, statt zwei Baumarten, sollen künftig mindestens vier unseren Wald prägen. Das Ziel ist ein Mischwald, der mit den künftigen klimatischen Bedingungen zurechtkommt – kurz ein „Klimawald“.

Gibt es besondere Erfolge – oder auch Rückschläge?

Mages: Schöne Fortschritte sind zum Beispiel im Raffa, dem Erholungsgebiet südlich von Burglengenfeld, mit der Eiche, der Buche oder der Douglasie zu sehen. Natürlich gab es auch Misserfolge. Vor allem die Dürrephasen haben den Neuanpflanzungen zugesetzt, so dass teils Nachbesserungen nötig waren. Kopfzerbrechen bereitet uns auch der Verbiss. Obschon die Rehwildstrecken in den vergangenen Jahren um rund 30Prozent auf nunmehr etwa 2100 Stück gewachsen sind, haben die Schäden eher zugenommen.

Das heißt, die Jäger kommen ihren Pflichten nicht nach?

Mages: Größtenteils sind wir ja selbst zuständig. Ich müsste mich also über mich selbst beschweren. Fakt ist, dass wir unsere jagdlichen Anstrengungen intensivieren müssen. Durch mildere Winter und üppige Vegetation nimmt der Rehwildbestand zu. Außer unseren eigenen Leuten gehen im übrigen rund 300 private Jäger bei uns auf die Pirsch. Sie erbringen den allergrößten Teil des Abschusses.

Wie viel Holz haben sie im letzten Wirtschaftsjahr geerntet – und wo geht das Material hin?

Mages: Wir schlagen im jetzt zu Ende gehenden Geschäftsjahr 126 000 Festmeter ein. Das sind zehn Prozent weniger als unser nachhaltiger Hiebsatz, weil wir planmäßige Hiebe zurückstellen und uns auf die Schadholzaufarbeitung konzentrieren mussten. Über 50 Prozent der Ernte waren Schadholz – für uns ein neuer Negativrekord.

Bäume werden heute mit tonnenschweren Maschinen entnommen, was den Boden auf längere Sicht zerstört. Das ist allgemein bekannt. Weshalb wird das Vorgehen trotzdem nicht geändert?

Mages: Sie müssen das Holz ja irgendwie rauskriegen. Wir benutzen Standard-Harvester und -Rückezüge und befahren den Wald nur auf den Rückegassen. Dort allerdings wird der Boden in der Tat verdichtet. Der Abstand zwischen den Gassen beträgt in Bayern aber immerhin 30 Meter, in anderen Bundesländern meist nur 20. Das bedeutet, dass 85 Prozent der Waldböden nie befahren werden. Im Übrigen unterbrechen wir bei ungünstiger Witterung – wie jetzt wegen der hohen Niederschläge – die Arbeiten. Aktuell geht der Bodenschutz vor – trotz des Zeitdrucks beim Abtransport von Käferholz.

Im Städtedreieck haben wir ein Stück Staatsforst, das für ein Gewerbegebiet geopfert werden soll. Gegner halten dies für einen schweren Fehler. Was sagen Sie dazu? Dürfen Sie sich überhaupt dazu äußern?

Mages (lacht): Ich habe keinen Maulkorb!

Also, nur zu!

Mages: Grundsätzlich ist für mich jeder Wald wertvoll und erhaltenswert. In dem betroffenen Gebiet sehe ich aber keine besondere Funktion oder Wertigkeit. Es ist von Kiefern und Fichten dominiert. Den Gesundheitszustand würde ich als durchschnittlich bezeichnen.

Umweltverbände sagen, wenn sich die Staatsforsten weigerten, das Grundstück zu verkaufen, wäre die Debatte schnell beendet. Angesichts der skizzierten Probleme hätte der Betrieb sogar die Pflicht, sich querzulegen.

Mages: Entschieden wird in der Zentrale und nach Absprache mit dem zuständigen Ministerium. Bisher war die Haltung allgemein so, dass Grund abgetreten wurde, wenn planungsrechtlich nichts dagegen gesprochen hat. In dem Verfahren werden alle Fach- und Rechtsbereiche geprüft; es wird sich zeigen, ob die Bedenken, die im Urteil des Verwaltungsgerichtshofs zum Ausdruck gebracht wurden, auszuräumen sind.

Zahlen und Fakten

Forstbetrieb Burglengenfeld: Er erstreckt sich vom Oberpfälzer Jura bis in den vorderen westlichen Bayerischen Wald. Kiefern und Fichten werden vor allem als Bau- und Konstruktionsholz verwendet, die in geringerem Umfang beteiligten Laubhölzer (Buche und Eiche) für Möbel und im Innenausbau sowie zur Zellstoffherstellung.

Einschlag: In 2023/24 rund 126.000 Festmeter

Vorrat: 5,4 Millionen Festmeter

Zuwachs: 166.000 Festmeter im Jahr

Totholz und Biotopbäume: 13,3 Kubikmeter bzw. 4,6Stück je Hektar

Die nächste Käfergeneration entwickelt sich schon unter der Rinde zwischengelagerten Holzes. Fotos: Thomas Rieke