Keine Entspannung in Sicht: In der Not rückt die Region zusammen

Von Isolde Stöcker-Gietl, Christine Schröpf · 5. Juni 2024 um 05:00

Die Flutkatastrophe an der Donau hat die Region weiter im Griff. Viele Hochwasserdämme sind erstmals im Belastungstest – und es stellt sich erneut die Frage nach der Wirksamkeit der geplanten Polderkette entlang der Donau. Ein Überblick:

• Angespannte Nächte: Das Hochwasser steht einen dreiviertel Meter hoch im Fahrradkeller, auf der Flussseite schlagen die Wellen der Flut gegen das Haus, doch anders als in der Werftstraße wenige hundert Meter flussabwärts mussten Bewohner der Regensburger Wöhrdstraße jedenfalls bis Dienstagabend nicht aus ihren Häusern evakuiert werden. Zu denen, die ausharren, zählt Barbara G. „Ich habe Respekt vor dem Hochwasser, aber keine Angst“, sagt sie. Mit dem lauten Rauschen des Wassers vor ihrem Fenster hat sie sich arrangiert. Die Hausgemeinschaft hält sich via Whatsapp-Gruppe über neue Hochwassergefahren auf dem Laufenden.

Die Nachbarn sind in der Katastrophe enger zusammengewachsen. „Das betrifft die ganze Straße“, sagt sie. „Das ist das Gute an solchen Krisen.“ G. wohnt im dritten Stock. Von ihrem Balkon hat sie direkten Blick auf die Steinerne Brücke und die Historische Wurstkuchl – am Stand des Hochwassers an den Spundwänden dort liest sie immer wieder ab, ob und wie sehr die Fluten steigen. Sorge bereitet ihr, dass der Pegel laut Prognosen wohl nicht so rasch sinken dürfte. „Was macht das mit den Häusern und ihrer Substanz?“, fragt sie.

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• Wache auf dem Schiff: Georg und Veronika Schäffer halten samt Hund Jimmy auf ihrem Ausflugsschiff „Veronika“ die Stellung, das an einer Anlegestelle unterhalb der Eisernen Brücke in Regensburg vertäut ist. Am Sonntag waren sie in Gummistiefeln an Bord gewatet – da stand das Wasser auf der Straße schon 30 Zentimeter hoch. Georg Schäffer hat seitdem kurze Nächte. Immer wieder stellt er sicher, dass die Taue sich nicht lockern oder reißen. Ab und an poltert Treibholz am Rumpf der „Veronika“, bisher hat sich nach seinen Worten aber zum Glück nichts verhakt. Das Schäffer-Schiff liegt wegen der Flut derzeit so hoch, dass es im Vergleich zu den Häusern am Ufer um eine Etage nach oben gerückt ist.

„Das hat man nicht alle Tage“, sagt Veronika Schäffer. Das Paar sitzt in gewisser Weise fest, bis die Flut nachlässt. Ein kleines Beiboot mit Außenbordmotor steht parat, „damit wir uns in Gefahrensituationen an Land begeben könnten“, sagt Georg Schäffer. Er und seine Frau sind hochwassererprobt, dennoch bedeutet Hochwasser immer Ausnahmezustand. Von Deck aus haben beide die vielen Einsatzkräfte an Land im Blick. „Ein besonderer Dank an die Helfer, die sehr gut und fleißig sind“, sagt Georg Schäffer.

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• Kreuzfahrtschiff strandet in Kelheim: Seit Sonntagmittag ankert ein Kreuzfahrtschiff der Reederei Avalon an der Schiffanlegestelle Altmühltal in Kelheim. Rund 150 Reisende mussten das Schiff wegen der steigenden Hochwassergefahr verlassen. Eigentlich hatten sie eine Kreuzfahrt bis zur ungarischen Stadt Budapest geplant. Nun endete der Trip in Niederbayern. Die Crew ist an Bord geblieben. Wie lange sie noch ausharren müssen, wissen sie nicht, sagt der Kapitän, der namentlich nicht genannt werden will. „Wir steigen erst dann aus, wenn der Steg wieder begehbar ist und wir keine nassen Füße bekommen“, witzelt er.

• Wasserkraftwerke produzieren kaum Strom: Die zehn Uniper-Wasserkraftwerke zwischen Ingolstadt und Passau produzieren derzeit kaum Strom – das gilt auch für die Anlage in Regensburg am Pfaffensteiner Wehr, die pro Jahr im Schnitt rund 64,4 Gigawattstunden liefert und damit über 11.000 Haushalt versorgen kann. Doch das funktioniert nur, wenn Donauwasser im meterhohen Gefälle durch die Turbinen rauscht. Bei Flut entfällt das. Ohnehin hat der möglichst rasche Abfluss des Hochwassers jetzt Priorität, sagt Uniper-Sprecher Christian Buchbauer. In den betroffenen Flussabschnitten wurde dazu der Wehrschutz geöffnet. Buchbauer geht davon aus, dass Uniper wohl bis zum Wochenende im reduzierten Betrieb fährt. Trotzdem herrscht hoher Personaleinsatz. Wegen der Flut wurde die Zentralwarte in Landshut verstärkt und die Rechenreinigung an den einzelnen Standorten intensiviert. Denn die Donau spült gerade vieles an, das Turbinen beschädigen kann: von Treibholz bis zu Fahrrädern und Verkehrsschildern.

• Leere in der Notunterkunft: Rund 200 Anwohner der Werftstraße in Regensburg mussten am Montagabend sehr kurzfristig ihre Häuser verlassen. In der Kerschensteiner Berufsschule wurde eine Notunterkunft eingerichtet. Doch dort herrscht am Dienstagnachmittag gähnende Leere. Zwar sind in der Turnhalle zahlreiche Feldbetten, Sitzgelegenheiten und Verpflegung aufgebaut, doch die Anwohner sind offenkundig anderweitig untergekommen, sagt der Hausmeister. Die Notunterkunft bleibt die kommenden Tage bestehen, da weitere Evakuierungen nicht auszuschließen sind.

• Was würde jetzt ein Polder helfen? Das Hochwasser 2024 wirft die Frage auf, ob der geplante Flutpolder Wörthhof im Landkreis Regensburg die aktuelle Lage entspannen könnte, wenn er denn schon gebaut wäre – das Rückhaltebecken mit 770 Hektar Größe soll bekanntlich rund 30 Millionen Kubikmeter Wasser schlucken. Die klare Antwort lautet: Nein. Denn der Polder soll nur bei besonders schweren, so genannten hundertjährlichen Hochwassern gefüllt werden, käme im Moment also nicht zum Einsatz. Bei Jahrhunderthochwassern würde Wörthhof allerdings laut Gutachten der Staatsregierung die Scheitelwelle bei Straubing um knapp 40 Zentimeter kappen, in Deggendorf noch um über 20 Zentimeter.

Im flussaufwärts gelegenen Regensburg hätte der Polder keine Wirkung. Die Oberpfälzer Bezirkshauptstadt soll aber von anderen Poldern im oberen Flussverlauf profitieren, wie Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) auf Nachfrage betont. „Ich habe immer für die Umsetzung der Flutpolder-Kette geworben“, sagt er. „Ich setze darauf, jetzt gemeinsam mit den Regionen die geplanten Standorte zu realisieren.“ Flutpolder seien in Zeiten fortschreitenden Klimawandels „eine Lebensversicherung für die Menschen und die Wirtschaft entlang der Donau“.

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• Halten die Dämme? Die Sonne brennt am Dienstagmittag gnadenlos auf die Feuerwehrleute, die in Hienheim bei Neustadt an der Donau mit zahllosen Sandsäcken den Damm an ersten undichten Stellen stabilisieren. Es sind kritische Stunden, denn die Donau steigt noch und wird auch in den kommenden Tagen große Kräfte auf die Hochwasserwälle ausüben. Für den Hienheimer Damm ist es die erste Bewährungsprobe. Grundsätzlich drohe die Gefahr, dass Dämme aufweichen, sagt Kreisbrandrat Nikolaus Höfler bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Deshalb werden alle Anlagen überwacht, unter anderem mit Drohnen und Wärmebildkameras. Vor Donnerstag oder Freitag sei die Gefahr nicht gebannt, prognostiziert Höfler. Der Scheitel sollte am Dienstagabend mit 7,35 Metern erreicht werden.

• Verordnung erlassen: Das Hochwasser lockt seit Tagen Schaulustige an. Thomas Memmel, Bürgermeister von Neustadt an der Donau, hat eine Verordnung erlassen, nach der die Dämme nicht mehr von Unbefugten betreten werden dürfen.

• Katastrophenfall bleibt bestehen: Noch bis Donnerstag oder Freitag wird das Landratsamt Kelheim weiter im Katastrophen-Modus arbeiten. Denn die Pegel sinken sehr langsam. Dieser langanhaltend hohe Wasserstand bereitet weiterhin große Sorge.

• Bebauung bleibt Thema: Die Flutfolgen würden immer rasch in Vergessenheit geraten, bedauert Kelheims Landrat Martin Neumeyer. Der Widerstand sei hoch, wenn Bebauungspläne mit Verweis auf Hochwassergefahren abgelehnt würden.

Das Uniper-Wasserkraftwerk Pfaffenstein produziert gerade wegen des Hochwassers fast keinen Strom. Entscheidend sei, dass die Flut rasch passieren könne, sagt ein Sprecher. Foto: Schröpf
In der Turnhalle der Kerschensteiner Berufsschule wurde ein Notquartier eingerichtet. Am Dienstag war es leer. Evakuierte Bürger aus der Werftstraße sind privat untergekommen. Foto: Stöcker-Gietĺ
Veronika und Georg Schäffer samt Hund „Jimmy“ halten auf ihrem Schiff die Stellung. Foto: Tino Lex
Mit Sandsäcken verstärken Einsatzkräfte den Damm in Hienheim. Es ist der erste Belastungstest. Foto: Stöcker-Gietl
In der Regensburger Wöhrdstraße haben Einsatzkräfte vorsorglich Stege aufgebaut. Foto: Schröpf
Der Kommandant der Feuerwehr Neustadt/Do., Jürgen Bucher, hat viel Erfahrung mit Hochwasser.F.: ig