Hochwasser im Landkreis Regensburg: Banges Warten bis das Wasser geht

Das Hochwasser hat den Landkreis Regensburg weiter fest im Griff. Am Dienstag legte die Donau immer noch leicht zu. Anwohner stemmen sich mit Sandsäcken gegen die Flut.
Die Vögel zwitschern, gerade kommt die Sonne heraus. Martin Brix, Bürgermeistern von Sinzing, sitzt in einer Zille und es könnte fast Ausflugstimmung aufkommen, wäre er mit dem Boot nicht auf der überfluteten Hauptstraße von Kleinprüfening unterwegs. Brix, der auch Erster Kommandant der Feuerwehr ist, ist ebenso wie sein Stellvertreter Manuel Seidel seit Freitag im Dauereinsatz. „Mehr als zehn Stunden habe ich in den vergangenen Tagen nicht geschlafen“, sagt Seidel.
Das Hochwasser hat die Region in einen Ausnahmezustand versetzt. Die Donau und ihre Zuflüsse haben Keller und Wohnräume überflutet. Die Schäden sind noch nicht absehbar. „Im Moment steigt der Pegel noch, wenn auch langsam“, sagt Brix am Dienstagvormittag. Pro Stunde käme rund ein Zentimeter dazu. Und ein einziger kann entscheidend sein.
Heizung in Gefahr
Das ist auch Harald Weiche bewusst. Er wohnt in der Mariaorter Straße in Kleinprüfening. Auf direktem Weg über die Hauptstraße ist er derzeit nur mit dem Boot erreichbar. Mindestens fünf Paletten mit Sandsäcken hat er rund um sein Haus verteilt und versucht, alles abzudichten. Im Erdgeschoss sind zwar keine Wohnräume, aber unter anderem die Heizung. „Die habe ich erst vor zehn Jahren für eine Stange Geld einbauen lassen“, erzählt er. Sie sei zwar etwas erhöht, aber er mache sich Sorgen: „Noch 30 Zentimeter mehr, dann haben wir ein Problem.“ Das Holz zum Heizen liegt im Garten bereits im Wasser. Die Stämme konnte er zum Glück noch befestigen. „Aber das Holz verschlammt.“ Der Schaden gehe schon jetzt in die Zehntausende. Weiche und seiner Frau stehen unruhige Stunden bevor, bis endlich der Scheitelpunkt erreicht sein wird. „Ich gehe auch nachts runter und schaue nach dem Wasserstand.“
Ein paar Häuser weiter ist Familie Holley gerade dabei, die Küche abzubauen. Die Möbel im Esszimmer stapeln sich bereits auf dem Tisch. Die Küche ist extra so konstruiert, dass Geräte und Unterbauten schnell abmontiert werden können. Schon die Großeltern haben hier gewohnt. Die Familie ist auf Hochwasser eingestellt. „Wir wohnen gerne hier“, sagt Vater Andreas. „Wenn nicht gerade Hochwasser ist, ist es einfach schön.“ Holley hat zufällig diese Woche Urlaub. Die geplante Fahrt an den Schliersee fällt aus, stattdessen wird Wasser abgepumpt, das bereits über die Garage und den Heizraum hereindrückt. Bis die Küche über die Terrasse mit Donauwasser geflutet wird, fehlen am Dienstagmittag noch fünf Zentimeter. Dennoch wirkt die Familie gelassen. Die Söhne Oliver (21) und Fabian (18) helfen beim Abbauen der Küche mit: „Das Wasser schreckt uns nicht.“ Überdies stehe die ganze Nachbarschaft zusammen. Der Vater betont: „Hätten wir einen Hochwasserschutz wie in Sinzing, hätten wir die Probleme nicht.“
Herbert Kuchinka hat sich seinen eigenen Hochwasserschutz gebaut. Seit 1999 wohnt der 82-Jährige schon in der Mariaorter Straße. „Vier Wochen nach dem Einzug kam die große Flut und wir hatten zwanzig Zentimeter Wasser in der Wohnung.“ Seit 2012 greift er bei Hochwasser auf Platten aus Aluminium zurück, mit denen er die Gartentore abdichtet und so das Grundstück sichert. Dennoch laufen die Pumpen im Garten. „Das Grundwasser drückt sich durch.“
Bürgermeister Brix sagt: „Kleinprüfening ist bei jedem Hochwasser dabei.“ Das Problem sei dieses Mal, dass das Wasser lange stehen werde. „Dann saugen sich die Mauern voll.“ Ein Ärgernis seien auch die Hochwassertouristen, so Brix weiter: „Wir saufen ab und die Leute stehen uns noch im Weg.“ Das sei „ein Schlag ins Gesicht für die Anwohner und Einsatzkräfte“.
Neuralgische Punkte
Neben Kleinprüfening gehören laut Landratsamt auch Matting, Sinzing und Mariaort zu den „neuralgischen Punkten“ im Landkreis. In Sinzing sind zahlreiche Keller vollgelaufen, teils drückt aus der Kanalisation „Schwarzwasser“ zurück. Das hat Manuel Seidel in seiner eigenen Wohnung leidvoll erfahren – „trotz Rückhalteklappe“. Zur Lage in Mariaort sagte Pettendorfs Bürgermeister Eduard Obermeier gestern: „Wir erwarten, dass die Scheitelwelle nicht so hoch ist wie 2013 .“ Das Maximum soll laut Prognosen erst am Mittwoch im Laufe des Tages erreicht werden. „Wir sind aber zuversichtlich, dass wir im Landkreis einigermaßen glimpflich davonkommen werden“, so Landrätin Tanja Schweiger gestern. Es gebe auch keine Probleme mit den Deichen. An Naab, Regen und Laber entspannte sich die Situation bereits. Insgesamt gab es bisher mehr als 300 Hochwassereinsätze im Landkreis mit über 700 Beteiligten. Für die Menschen in Kleinprüfening ist die Flut noch nicht vorbei: „Schau mer mal“, war am Dienstag ihre Devise.





